„Frankreich hatte Geschwader in Brest, Rochefort, Toulon und Westindien; gute Anordnungen vorausgesetzt und von Fehlern sowie unglücklichen Zufällen abgesehen, war Möglichkeit vorhanden, die getrennten englischen Beobachtungsgeschwader einzeln mit Übermacht zu schlagen. Hieraufhin mußte der Plan gemacht werden, reichten die Kräfte dazu nicht aus, so genügten sie noch weniger zu dem Versuche, ein Heer angesichts anerkannt überlegener Seestreitkräfte über das Meer zu führen. Glaubte man aber an die Möglichkeit, daß der Transport unbelästigt durchschlüpfen könne, so war es unnötig, ihn durch die Hauptflotte begleiten zu lassen. — Bei der Ausführung des Versuches treten weitere Fehler auf. Es war falsch, die Transportmittel für den Teil der Invasion, der über den Kanal erfolgen sollte, in Havre zu sammeln, wo sie leicht vom Gegner vernichtet werden konnten (wie es tatsächlich durch Rodney geschah) und auch de la Clue durfte für sein Geschwader auf dem Marsche von Toulon nach Brest nicht Cadiz als Sammelpunkt bestimmen; dieser Umstand (zu große Nähe bei dem englischen Beobachtungsposten Gibraltar) rief die anderen Fehler hervor, die zu seiner Niederlage bei Lagos führten. Weshalb endlich ging de Conflans zum Abholen des Transportes zur Quiberonbucht? Seine Aufgabe wäre gewesen, die englische Flotte, als sie die Blockade hatte unterbrechen müssen, zu suchen und sie möglichst fern von dem Transporte zu engagieren. Mit den von Westindien zurückgekehrten Schiffen wäre er dem Gegner überlegen gewesen, aber selbst wenn er geschlagen wäre, hätte er denselben vielleicht so geschwächt, daß der Transport nun tatsächlich unter dem Schutz der besonders dazu bestimmten Bedeckung das Ziel unbelästigt hätte erreichen können. Dadurch aber, daß de Conflans zur Quiberonbucht ging, zog er den Gegner gerade zum Transport hin und machte dessen Segeln unmöglich.“
Colombs Ausführung enthält viel Bemerkenswertes, sie rechnet aber auch mit verschiedenen Umständen, die auf französischer Seite nicht vorlagen. So wissen wir, daß Conflans die westindischen Schiffe aus berechtigtem Grunde nicht zur Verstärkung seiner Flotte heranzog, daß das zur besonderen Bedeckung des Transportes bestimmte Geschwader nicht von Brest zur Quiberonbucht hatte gelangen können, und daß die Engländer diesen Platz ebenfalls blockierten; hätte Conflans die Bedeckung nach seinem Inseegehen abgezweigt, so wäre er um so viel Schiffe schwächer gewesen. — Während der später noch vorgekommenen großen Landungen — auf Guadeloupe, Martinique und Belle-Ile — waren die Engländer stets unbestritten Herren der See ebenso bei den Belagerungen von Küstenstädten — Louisbourg, Havanna, Manila —, für deren Eroberung dann naturgemäß den Landstreitkräften wieder die Hauptaufgabe zufiel. Mit einfachen Beschießungen von Küstenplätzen (am Kanal) haben die Engländer wohl stets die Schädigung des feindlichen Landes wie die Schwächung der Freibeuterei bezweckt, wenn auch als Hauptgrund für die Bedrohung der französischen Küsten das Ablenken Frankreichs vom deutschen Kriege angegeben wird.
Fußnoten:
[68] Französische Geschichtschreiber sagen dagegen, England habe den baldigen Ausbruch eines Krieges gewünscht, um sein Ziel, die Vernichtung der französischen See- und Kolonialmacht, zu erreichen, ehe die französische Flotte ausgebaut sei. Dies dürfte, wenn auch nicht der Ansicht der damaligen Regierung, so doch wohl der eines großen Teils des englischen Volkes entsprochen haben.
[69] Näheres hierüber, so auch einzelne, besonders hervortretende Fälle, vgl. de Jonge, Band IV, Seite 314 ff.
[70] Clowes, Band III, Seite 238, setzt diese Eroberung (mit sonst gleichen Monats- und Tagesangaben) wohl irrtümlich auf 1761 und beschreibt sie unter den Ereignissen dieses Jahres im Gegensatz zu allen anderen Geschichtsbüchern.
[71] Die Bedingungen, soweit sie die Kolonien betrafen (und dies war die Hauptsache), sehr genau in Zimmermann, Band II, sowie Band IV.
[72] Der Einfluß des Pariser Friedens auf die Beendigung des Siebenjährigen Krieges ist bereits Seite 123 geschildert.
[73] St. Lucia, zu Luward von Guadeloupe und Martinique gelegen, war vorzüglich geeignet, diese wichtigen französischen Inseln zu überwachen, wie sich 1782 zeigen sollte.