Der See war halb ausgetrocknet. Sein weiter Spiegel lag unbewegt unter widerstandslos brennender Sonne, ein mattes, rauchiges Orange, in das der Widerschein der Wolken grüne Lichter warf. Sein fernes westliches Ufer, mit niederen Fichten bestanden, hing zackig und schwarz gegen die Wolken. Sein östliches Ufer lag, fernher schimmernd, glatt und nackt. Nur ein Dickicht aus Weiden und Pappeln zeichnete die Mündung eines dort einfließenden Stroms. Alles kam zusammen, ein Bild unbeschreiblich trauriger Schönheit zu bilden: fließend düstere Farben, die Leblosigkeit des umragenden Horizonts, die matte Ruhe der Wasserfläche.

Plötzlich erschien ein schwarzer Punkt – nein zwei schwarze Punkte waren es – im Bleiglanz des Seespiegels, die sich aus dem Dunkel des westlichen Ufers gelöst hatten. Seite an Seite schoben sie sich rasch durch die Flut, brachen mit langen, sanft verlaufenden Kräusellinien eine Straße zum Mittelpunkt des Sees. Die glühende Sonne verriet, daß diese beiden Punkte die Köpfe schwimmender Elentiere, einer Kuh und eines Bullen, waren. Bis auf die dunklen, ungeschlachten, aber schönen Köpfe, deren lang ausgreifende Schnauzen durchs Wasser schnitten, waren ihre Körper ganz bedeckt. Die gewaltigen Geweihe des Bullen lagen flach auf dem Seespiegel über unsichtbaren, machtvoll arbeitenden Schultern. In den Augen des Tierpärchens lag eine fragende Angst, gepeinigte Wildheit wie vor einer Panik. Dieser Ausdruck berührte seltsam in den Augen der stolzen Herren der Wildnis, die gerade in dieser Jahreszeit, wenn die riesigen Bullen brünstig sind, alle Kreatur ringsum zum Kampfe fordern. Aber über sie war die einzige Angst, die beugen konnte, plötzlich gekommen: die Angst vor dem Unbekannten. Das Pärchen hatte sich gerade auf dem offenen Landstreifen zwischen dem Kiefernwald, durch den es wechselte, und dem Ufer, an dem es badete und Lilienwurzeln fraß, aufgehalten, als die Angst mit aller Gewalt über sie kam, sie in den gelben Spiegel des Sees jagte, am anderen Ufer Zuflucht zu suchen. Wovor sie flohen, wußte keines. Seit Tagen schon war die Kuh unruhig, der Bulle zornig und mißtrauisch. In der Luft lag die Ahnung einer dunklen, neuen Gefahr, die unwiderstehlich näher kam. Durch irgendeine mystische Fernwirkung war diese Angst aus Staunen, Furcht und Entsetzen des kleineren Wilds in die Nerven der großen, sonst unerschütterlichen Elentiere übergesprungen.

Im Glanz dieses Oktobermorgens war das Geheimnisvolle nahgerückt – war fühlbar geworden, ohne daß es aufgehört hätte, ein Geheimnis zu sein. Als die Kuh allein am Ufer stand und ihrem Gefährten rief, machte der Gedanke sie zittern, irgend etwas Anderes, Unbekanntes, nicht ihr Männchen, könnte dem Schrei ihrer Sehnsucht folgen. Der Bulle kam dann plötzlich, wachsam, geräuschlos, als fürchte er einen Hinterhalt oder eine schreckliche Ueberraschung. Wie ein Schatten war sein stolzer, schwarzer Körper an ihrer Seite, indes ihre Schreie noch durch die Stille nachechoten.

Während die Beiden ihre zarten, liebenden Schnauzen eng aneinanderlegten, war ein Rotbock aufgesprungen, entsetzt, aber unentschlossen, wohin er fliehen sollte. Die Beiden starrten ihm nach, als wäre der gewohnte Anblick eines rennenden Bocks plötzlich ein Ereignis geworden. Der seltsame Schrecken, den der Bock erregt hatte, war kaum vergessen, als ein Fuchs eilig aus den Büschen brach. Als er das Elenpaar, ganz ineinander versenkt, schwarz und geheimnisvoll, am Ufer stehen sah, nicht achtend, welche Augen es sehen könnten, kam der Fuchs angeschlichen und setzte sich, ein Dutzend Schritte fern, abwartend auf seine Keulen. Seine klugen Augen waren voll Erwartung, als bilde er sich ein, ihr sorgloses Vertrauen bilde eine Zuflucht, die ihm selbst Rettung war. Zu anderer Zeit hätte das stolze Liebespaar seine Annäherung zornig abgewiesen, aber heute erwiderten sie seinen fragenden Blick mit noch größerer Angst. Aus ihren Augen schloß der Fuchs, daß auch hier keine Hilfe warte. Unruhig spähte er über seine Schulter ins Fichtendunkel, aus dem er gekommen war, kam langsam auf seine Füße und trottete zum Wasser hin. Mit gespanntem Blick folgten ihm die Beiden, sahen, wie sein Trott in den Galopp verzweifelter Flucht überging, bis er den Schutz des Walddickichts gefunden hatte. Der Anblick so plötzlicher Panik an einem Tier von der Klugheit des Fuchses nahm ihnen die letzte Nervenkraft. Viele Füchse hatten sie gesehen, doch keinen, der sich so benahm. Was hatte er von ihnen gewollt? Warum hatte er sie so forschend angesehen? Und warum war er geflohen?

Zitternd drängten sie sich aneinander, starrten in die dunkle Wildnis, in der der Fuchs verschwunden war. Dort war auch ihr Heim, ihr sicheres, wohlbekanntes Versteck, dem sie kein Vertrauen mehr schenkten. Welcher Verrat mochte sich in den schweigenden Schatten vorbereiten?

So scharf die Augen der Elentiere waren, sie entdeckten nichts. Plötzlich aber fingen ihre großen Ohren, weither, durch unendliches Schweigen den Widerhall eines geisterhaften Lautes. Vielleicht war es das Schleichen vieler Füße. Dann sahen sie aus den Tiefen ganz schwarzer Waldschatten ein Grün leuchten, ein Züngeln blasser Feuer, vielleicht das Glühen fremder Augen. Endlich kam eine Brise aus dem Forst, so leicht, daß sie kaum die langen Zotteln an des Bullen Hals bewegte. Sie trug eine Witterung, die ihnen fremd, aber unbeschreiblich drohend war. Vor diesem letzten Zeichen von Gefahr zerbrach ihr Widerstand völlig. Zitternd drückten sie sich, immer Seite an Seite ins Wasser. Die Augen in den Forst versenkt, schwammen sie ins Leuchten hinaus.


Acht riesige Wölfe zählte das Rudel, dazu einen, der kleiner und zarter gebaut war, der aber trotzdem einen gewissen Einfluß auf seine Kameraden hatte. Die acht waren so ungeschlachte Gesellen, wie man sie in der östlichen Wildnis nicht erwartet hätte. Sie stammten vom gewaltigen Alaskawolf ab, hatten lange Rachen und lange Flanken, einen breiten Schädel, schwere Schultern, und jeder von ihnen war stark genug, die Kehle einer Elenkuh mit einem einzigen Biß zu zerreißen.