Mit der Ausnahme eines Einzigen hatten sie jedoch niemals Alaska noch ein Elen gesehen, auch nicht die wilden Ströme, die nordwärts rollten, noch die unbegrenzten Felder vereisten Schnees. Sie waren südlich vom St. Lorenzstrom geboren, und auf der Suche nach weiteren Einsamkeiten, als ihre Heimat sie bot, kamen sie nordostwärts gezogen. Auf seltsame Art hatte diese große und kampftüchtige Gesellschaft sich mitten im kultivierten Osten gebildet.
In einem Dorf in Nord-Vermont war vor Jahren ein großer, grauer Wolf aus einer reisenden Menagerie entsprungen, war tagelang mit Toben und Brüllen gehetzt worden. Aber er war klug. In seinem langen und unermüdlichen Galopp hatte er sich nicht einmal unterbrechen lassen, ehe zwischen ihm und seinen Verfolgern viele Meilen lagen und er einen Forst fand, der wild genug schien, ihn zu verbergen. Hier hatte er in weiser Zurückhaltung nur Rehe und Hasen gejagt, aber nie ein Geschöpf belästigt, das er unter dem Schutz des Menschen glaubte. Dank dieser Vorsicht ahnte kein Mensch sein Dasein. Später begegnete er, nahe dem Dorfe, einer langschnauzigen, wolfsähnlichen Bastardhündin, die er bewog, ihren Herrn zu verlassen und sein wildes Leben zu teilen, nach dem sie immer Sehnsucht empfunden hatte. Treu hatte sie an seiner Seite gejagt und ihm zwei Junge geschenkt, schwerknochige Welpen, die stark und wild wie ihr Erzeuger wurden, aber nicht vorsichtig wie er, sondern wild und unbezähmbar in ihren Trieben. Sie gehorchten ihrem Vater und Herrn, weil sie ihn fürchteten und seine Ueberlegenheit anerkannten, sie achteten das heiße, zähe Temperament ihrer schlanken Mutter. Als aber die Zeit verging und das Wild seltener wurde, ließen sie sich nicht zurückhalten, um die Dörfer zu streifen, und so zogen sie die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich. Als ein paar junge Pferde und viele Schafe ihr Opfer geworden und einige unschuldig in Verdacht geratene Hunde erschossen waren, rief der weise Alte sein Rudel zusammen und führte es ostwärts.
Die Reise war lang und von Gefahren umdroht. Manchmal gab es wenig Wild, und das Rudel lernte den Hunger kennen. Manchmal fanden sie kein waldiges Land, um ihre Reise zu verbergen, manchmal, wenn sie gezwungen waren, sich an der Herde irgendeines Dorfes zu vergreifen, schwärmten die Bauern mit Hunden und Flinten und Flüchen gegen sie aus, daß die Vorsicht des Alten begründet war. So erreichten sie endlich die wilden Gebiete der sicheren Tannenforste, der Seen und wilden Wasserstürze, die Grenzen von Maine, mit Neu-Braunschweig und Quebeck. Auf dieser Reise hatten sie Gehorsam und Vorsicht gelernt.
Nie hatte diese Wildnis in ihren schrecklichsten Träumen eine Heimsuchung wie dies Rudel geahnt. Keine Erinnerung an irgendeine Plage wie diese lebte in den Pelz oder Federn tragenden Bewohnern der östlichen Wildnis. Von Wölfen hatte man überhaupt nur eine Art dunkler, ererbter Ueberlieferung, und da handelte es sich nur um die kleinen, östlichen Nebelwölfe, die wohl tapfere Jäger, aber kaum einen Alp bedeuteten. Kein Bär oder Renntier hatte sich jemals um den Nebelwolf gekümmert, der seit einem halben Jahrhundert hier nicht mehr aufgetaucht war. So entstand die Panik, so kam es, daß lange Zeit kein Geschöpf dieser Region den Weg der Eindringlinge kreuzte.
Das Land, in das sie eindrangen, beherbergte Bären, und es war unvermeidlich, daß das Rudel mit ihnen zusammenstieß. Eines Tages streiften sie geräuschlos auf der frischen Spur eines Rehes – geräuschlos, wie der weise Führer es sie gelehrt hatte –, da stießen sie plötzlich auf ein großes, schwarzes Tier, das mitten in der Rehspur stand und einen verfaulten Baumstumpf absuchte. Sie hielten, bildeten einen Halbkreis, das Fell auf ihren starken Nacken und Schultern sträubte sich wie Bürsten.
Der Bär schien gleichfalls überrascht. Ein alter, mißlauniger Einzelgänger, hatte er vom Einzug der schrecklichen Bastarde weder etwas gehört noch gespürt, hätte sich auch kaum um ihr Erscheinen bekümmert. Er war kein Opfer nervöser Panik. Sich umwendend, um den Eindringlingen sein Gesicht zu zeigen, hockte er sich auf die Keulen, brummte aus tiefer Kehle, hob eine große Tatze mit langen, scharfen Krallen und blickte seine Gegner furchtlos an. Er war zu jedem Kampf bereit, aber ebenso bereit, Frieden zu halten, wenn man ihm seine Ruhe ließ. Ameisen, Käfer, Beeren und verrottete Baumstämme waren ihm zu wichtig, als daß er Kampf um Kampfes wegen gesucht hätte.
Die Wölfe waren nicht hungrig und fühlten, daß der Bär keine leichte Beute war. Unentschlossen warteten sie ab, ob ihr Führer ein Zeichen zum Angriff gäbe. Der aber saß mit hängender Zunge im Mittelpunkt der Schlachtreihe und zeigte keine Hast. Er studierte den Feind; als begabter Feldherr besaß er das Talent, abzuwarten. Dieses Talent fehlte dem Bären. Als er zu wissen glaubte, daß die hageren Fremden seine Waldkäfer-Jagd nicht stören wollten, wandte er sich wieder dem Baumstamm zu und spaltete mit einem Griff seiner großen Tatze einen ganzen Block. In diesem Augenblick stieß das kleine, schneidige Bastardweibchen wie eine Schlange vor und schnappte nach seinen Hinterfüßen, um ihm die Sehne zu zerreißen. Mit solcher Leichtigkeit und Schnelligkeit aber drehte er sich und schlug nach ihr, daß sie kaum ein Maul voll Pelz in den Zähnen hielt und dem furchtbaren Schlag mit genauer Not noch entging. Daß sie ihm nicht ganz entkommen war, bewies ein langer, blutiger Riß an ihrer Seite. Im Augenblick war das ganze Rudel zum Angriff übergegangen. Als der Leiter aber seine Gefährtin gerettet sah, rief er die wilde Brut wieder zurück. Die Jungen gehorchten, denn sie sahen jetzt, mit welcher Art Feind sie es zu tun hatten. Nur einer von ihnen war schon zu weit vorgedrungen. Ein sausender Schlag hatte ihn vor die Brust getroffen, warf ihn mitten unter seine Brüder, zerbrochen das Genick, zerfetzt die Gurgel. Als er zuckend und geifernd lag, kam der Vater zu raschem Entschluß. Solange gewöhnliches Wild in der Nähe war, schien es zwecklos, das Rudel auf einen so gewaltigen Gegner zu hetzen und schwere Opfer zu bringen. Mit scharfem Befehl rief er sein Volk zusammen, führte es im Lauf seitab und nahm die Spuren des Rehs wieder auf. Den Leichnam ließ er zurück, gleichgültig, was aus ihm werden mochte. Der Bär sah ihnen zornig nach, bis sie außer Sicht waren. Dann wandte er sich zu dem toten Körper, beschnüffelte ihn, drehte ihn mit der Tatze um und kehrte endlich zu seinen Käfern zurück. Wolf oder Hund war nicht nach seinem Geschmack. Das Rudel machte indes erregt und zornig seine Beute. Ueber dem warmen Wildpret vergaß es sein mißlungenes Abenteuer, der verlorene Bruder war bald vergessen. Immerhin war man um eine Lehre reicher.
Ein paar Tage später kamen die Wölfe zum sonnendurchglühten See, aus dem dunklen Schatten der Tannen sahen sie voll Verwunderung die ersten Elentiere ihres Lebens.
Vor kurzem noch hätten die Wölfe diese ungeschlachten Gestalten als eine Art übertrieben großen Rehwildes betrachtet und sich ohne Zaudern an die Verfolgung gemacht. Jetzt aber erinnerten sie sich des Bären. Sie trauten diesen beiden hochschultrigen Geschöpfen nicht, ihren gespaltenen Hufen und ihren nichtssagenden Gesichtern. So warteten sie auf das Zeichen ihres Führers, und der Führer war auch diesmal nicht eilig, es zu geben.