Welch unerwartete Kräfte mochten in diesen Riesen stecken, die dem gewöhnlichen Wild so ähnlich und doch so unähnlich waren? Als die beiden Elen jedoch, von dem Unsichtbaren geängstigt, ins Wasser gingen, durch die orangegelbe Flut schnitten, entschloß er sich, sie als Jagdbeute zu betrachten.

Allein zog er auf Kundschaft aus, bis er bestimmt wußte, wohin das Paar sich gewendet hatte. Als dann der kürzeste Weg gefunden war, kehrte er in den Waldschatten zurück, und einen Augenblick später war das Rudel in voller Hatz.

Die Elentiere hatten das andere Ufer erreicht, machten aber noch keinen Halt. In ihrer fiebrigen Angst setzten sie schwarz und triefend den Marsch fort – wenn ein Elentier einmal läuft, läuft es lange. In ihrem weit ausholenden scheinbar mühelosen Trott, der aber Meilen frißt, folgten sie ihrer Angst, bis der Orangeschimmer weit hinter ihnen lag, das schwach bewaldete Hinterland sie aufnahm. Sie hatten nur einen Zweck – sich vor den grünen Augen, den schleichenden Schritten im Tannenwald zu retten. Daß ihr Weg sie geradezu in den Bann dieser grünen Augen und schleichenden Schritte führte, ahnten sie nicht.


Die Nacht war angebrochen, der Mond, dreiviertel voll, zeitig erschienen. In einem Versteck aus Hollunderbüschen, einer Art Insel im offenen Land, lagen zwei Jäger, die in dieses Tal gedrungen waren, um Elen zu jagen. Der eine, ein Riese von Kerl, nach seinem Anzug zu schließen wahrscheinlich der Führer, trug außer dem Gewehr eine Axt und ein langes Rohr aus Birkenrinde, das wie eine Trompete aussah. Es war Brunstzeit. Wohl versteckt, aber doch mit freiem Ausblick auf die Steppe, hatten die beiden es sich für eine lange, ereignislose Wartezeit bequem gemacht. Adam Moore, der Führer, nahm sein Birkenrohr an die Lippen und orgelte den seltsamen Lockruf der Elenkuh, der hart und formlos, aber unbeschreiblich wild und einsam klingt. »Bei Gott, Adam,« murmelte Rawson, »Sie treffen den Ton!« Moore dankte für so viel Anerkennung; dieser kaltäugige, abgehärtete Engländer, der in jedem Winkel der Welt großes Wild gejagt hatte, gehörte zu den wenigen Sportsleuten, auf deren Anerkennung er Wert legte. Nach kurzer Pause stieß er seinen Lockton zum zweitenmal aus, dann legte er das Instrument über seine Kniee und wartete. Die Luft war unbewegt. Unter blauweißem Mondschein schien die lautlose, unbegrenzte Wildnis zu Glas erstarrt. Dann aber kam von fern her das Geräusch brechender Aeste, kam näher und näher. »Dacht' ich mir, Adam,« flüsterte Rawson. Er hob sein Gewehr auf ein Knie. Moore legte die große Hand auf seinen Arm:

»Hören Sie! Zwei!«

Auf gute Schußweite wurden die Flüchtlinge sichtbar, verhetzt und erschöpft. Das Geweih des Bullen war herrlich! Aber Rawson sah nur die Angst der Prachttiere, und unwillkürlich ließ er sein Gewehr fallen. In ihrer Angst vor Unbekanntem kamen die Flüchtlinge geradenwegs auf das Dickicht zu, dachten nicht an die Schrecken, die dort auf sie lauern mochten. In ihrem Weg lag ein Baumstumpf, den ein vergangenes Hochwasser hergetragen und zurückgelassen hatte. Der Bulle umging ihn. Die Kuh aber, fast blind vor Erschöpfung, stolperte darüber, fiel mit einem klagenden Schrei auf ihre Schnauze und lag da, als fürchte sie nicht länger ihr Schicksal. Als die Gefährtin nicht mehr an seiner Seite ging, blieb auch der Bulle stehen und beschnüffelte sie gesenkten Hauptes. Er berührte sie mit seiner Schnauze, stieß sie mit dem scharfen Geweih, um sie zu neuer Anstrengung zu zwingen. Dann stand er trostlos neben ihr, blickte den Weg hinab, den sie gekommen.

»Gutes Wild!« flüsterte Rawson mit glänzenden Augen.

Im nächsten Augenblick rauschte es heran, unsere Gestalten huschten durch das Mondlicht.

»Wölfe, Hochlandswölfe!« schrie Moore. Er war im Westen gewesen und kannte die Sorte.