Ismael in den Schierlingstannen
Er war wirklich ein Ismael. Seine Zähne und Krallen waren gegen jedes Geschöpf der Wildnis, ob groß oder klein, und jedes andere Geschöpf der Wildnis war gegen ihn – die Schwachen in nie ruhender Angst, und selbst die Stärkeren in einem Haß, dem Furcht sich beimischte. Der Bär sogar, der so herablassend höhnisch auf viel größere Feinde blickte, bequemte sich, ihn mit wachsamer Feindseligkeit zu betrachten. Ganz gleichgültig war nur das riesige Elen-Tier. Es stolzierte durch den Forst und beachtete seine Existenz nicht.
Und doch war dieses Geschöpf, dem es glückte, einen so gewaltigen Tribut an Furcht und Haß zu erheben, wie dieser Ismael aus den Schierlingstannen, nicht größer als ein Fuchs. Unter den Waldleuten und den Trappern war er unter verschiedenen Namen bekannt. Meist nannte man ihn den »Fischer«, obwohl es im Dunkel liegt, warum er so genannt wurde. Seine Tüchtigkeit im Fischen war bei weitem nicht so groß wie die des Waschbären, und mit der Geschicklichkeit solcher Meister, wie Mink und Otter, konnte er sich nicht vergleichen. Auch unter dem Namen »schwarze Katze« war er bekannt, obwohl er weder schwarz, noch eine Katze war. Daß er so unpassende Namen trug, ist jedoch weniger erstaunlich, als es auf den ersten Blick schien. Er gehörte nicht zu denen, die sich einer peinlichen und sorgfältigen Beobachtung fügen. Was die Menschen dann und wann von ihm zu sehen bekamen, war nur geeignet, Irrtümer zu erregen.
Als ein Mitglied der großen und gefürchteten Mustela-Familie besaß dieser Ismael aus den Schierlingstannen ganz die blitzhafte Gewandtheit und den wilden Mut seines kleinen Vetters, des Wiesels, aber zugleich die unerbittliche List und die erstaunliche Muskelkraft seines größeren Stammesgenossen, des verhaßten Vielfraßes, den man auch den »indianischen Teufel« nennt. Obwohl von der scharfen, grausamen Schnauze bis zum Ende seines hübschen, buschigen Schweifes keine drei Fuß lang, war er durch unglaubliche Gewandtheit und die Wut seines Angriffs selbst dem stärksten Fuchs und jedem Hund, der nicht mindestens zweimal so groß war, ein überaus gefährlicher Gegner. Die wenigen Feinde, die er als überlegen an Kraft anerkennen mußte, konnte er im allgemeinen durch List besiegen.
Im tiefen Dickicht der Schierlingstannen hatte Ismael seine Zuflucht, dort, wo die tiefen, immergrünen Bäume Winters wie Sommers die Sonne abschließen, wo geborstene und faulende Baumstämme die Erde zu einem Labyrinth gewundener Schleichwege und unübersehbarer Verstecke machen. Hier war sein eigentliches Gebiet, denn er konnte wie ein Eichhörnchen klettern, und es war ihm gleichgültig, ob er auf dem Erdboden marschierte, oder in den bebenden Spitzen der Tanne. Doch gab es, dank seiner allzu großen Jagdtüchtigkeit, im Schierlingswald nicht mehr allzu viel Wild, und so mußte er seine Beutezüge weit über Land führen. Da er geräuschlos wie ein Mink und unermüdlich wie ein Wolf lief, legte er zwischen Abend- und Morgenrot ungeheure Entfernungen zurück. Irgendwelche Grenze erkannte er nicht an. Ganz unparteiisch brach er in alle Reservate ein und forderte jeden anderen Waldfrevler zum Wettbewerb an Kraft und Arglist heraus. Den ganzen Tag aber schlief er im tiefen, grünen Schatten der Schierlingstannen, zusammengeknüllt wie eine friedliche Katze, die in einem Heiligenschrein ruht. Sein ungeheurer Kraftaufwand forderte lange Ruhe. Und das war ein Glück für alle anderen Waldtiere, denn so konnten sie den ganzen Tag ungehindert durch den Tannenwald ziehen und ihren verstohlenen Geschäften nachgehen, ohne an den schrecklichen Schläfer in dem Baum zu denken. Verschwand aber die Sonne, dann fürchteten sich selbst die schnellen Waldmäuse vor seiner Nachbarschaft. Und die wilden Kaninchen, die auf Ismaels Speisezettel eine Hauptrolle spielten, flohen den wegsameren Hartholzwäldern zu, um ihre Mondscheinfeste zu feiern. Das Wiesel sogar, dieser unversöhnliche Mörder aller Brut, versagte es sich, im Schierlingswald zu jagen. Denn es wußte, Ismael würde es nicht nur hetzen – etwa in blinder Freude an dem schwierigen Sport –, nein, er würde auch sein zähes, sehniges Fleisch, das trocken wie eine Peitschenschnur ist, herunterwürgen, dies Fleisch, das kein anderer Forsträuber berührte, solange ihn nicht verzweifelter Hunger trieb.
An einem Frühlingsabend – das Licht des aufgehenden Mondes versilberte die dünne Spitze, ehe noch der letzte Sonnenstrahl im Nebel verschwunden war – wachte Ismael mit ungewöhnlichem Appetit auf. Ein bißchen hastig kroch er aus seinem Lager und gönnte sich nicht, wie sonst, die Zeit, an dem langen, schräg liegenden Baumstumpf, hinter dem seine Höhle lag, hinzuscheuern. In der vergangenen Nacht hatte er ausschließlich von Kaninchen gelebt, und Kaninchenfleisch hat seine Eigenart, der Hinterwäldler sagt, »es hält nicht vor«. Man wird sofort wieder hungrig, auch nach einem noch so herzhaften Kaninchenmahl, so daß man sehr häufig essen muß, wenn man von diesem Fleisch leben will. Vielleicht ist das eine Fürsorge der Natur, die hindern will, daß das fruchtbare Geschlecht der Kaninchen die ganze Erde überschwemmt.
Als Ismael auf seiner Treppe auftauchte, hallte eine dumpfe, hohle Stimme plötzlich durch die Baumspitze. Diese Stimme war schrecklich, und sie klang ganz nahe, aber dennoch war es fast unbestimmbar, woher sie kam. Ismael kannte ihr Drohen sehr gut. Aber ohne sich daran zu kehren, sprang er den schiefen Baumstamm hinab. Für ihn hatte die große Horneule, der Schrecken aller kleineren Räuber, keine Bedeutung.
Zufällig aber war dieser fremde Marodeur ein Neuankömmling, eingewandert aus den wenig besiedelten Distrikten südlich des Ottanoon-Tales, wo »Fischer«, die Nachbarschaft und Gewohnheiten der Menschen fürchten, selten sind. Die Eule kannte Ismael nicht. Ihre blassen, starren Augen sahen eine pelzumkleidete Gestalt am Baum hinuntergleiten. Als auf diesen huschenden Körper ein Strahl des Mondlichts fiel, schloß die Eule ihre Schwingen über den Rücken und stieß geräuschlos nieder. Gerade da blickte Ismael mit tiefem Knurren auf. Mit einem heftigen Satz sprang er zur Seite, es war für ihn kein schwieriges Abenteuer. Ismaels geschmeidiger Hals reckte sich und seine langen Zähne senkten sich tief in die gepolsterten Schenkel der Eule. Zwar bekam er nur ein Maul voll dauniger Federn, aber der verletzte Vogel ließ rasch von einer so gefährlichen Begegnung ab. Ismael spuckte gewaltig, um sein Maul von dem zähen, würgenden Gefieder zu befreien.
Dann trat er in großer Geschwindigkeit seinen Marsch an. In der Nachbarschaft hatte er kein Wild zu erwarten, deshalb war er in Eile, und wie er so in langen, geräuschlosen Sprüngen auszog, war er eine schöne Verkörperung von Kraft, Gliederbeherrschung und Schnelligkeit. Um aber keine Gelegenheit zu versäumen, die irgendein Jagdzufall ihm in den Weg führen konnte, hielt er im Laufen die Nase hoch und achtete auf jede Witterung. Als er den Schierlingswald verlassen hatte, geriet er in ein Gebiet von jungem Nachwuchs, in ein Dickicht aus halbhohen Kiefern, vermischt mit Birken, Pappeln, Ahorn und Weichseln. Hier nahm er ganz unerwartet eine scharfe Witterung auf. Er stand still wie vor einem Schuß, erstarrte im Augenblick zur Unbeweglichkeit, hielt die Schnauze hoch, und seine scharfen Nüstern prüften die Luft in jeder Richtung. Die Witterung kam von einem Stachelschwein und war so frisch, so einladend, daß er wußte: das stachlige Nagetier war nicht weit. Seine unermüdlichen Augen spähten die Umgebung ab. Endlich, in die Höhe blickend, bemerkte er einen dunklen Ball, der sich im schlanken Ast einer Birke wiegte.