Nun ist das Stachelschwein eine Beute, auf die sich die meisten Waldjäger nur ungern einlassen. Seine todbringenden Stacheln sind scharf wie Nadeln und mit dünnen Widerhaken so besetzt, daß sie sich, einmal ins Fleisch eingedrungen, immer weiter bohren, bis sie ein Zentrum des Lebens erreichen. Wiesel, Fuchs oder Luchs setzen sich dieser Gefahr nur aus, wenn der Hungertod sie bedroht. Aber Ismael hatte seine eigene Art, mit Stachelschweinen umzugehen und er wußte, daß das Fleisch unter diesem gefährlichen Panzer kräftig und wohlschmeckend ist. Ehe das stumpfsinnige Stachelschwein seine Nähe auch nur ahnte, saß er schon auf der Birke, weit draußen auf dem wiegenden Ast.

Der dünne Ast bog sich unter seinem Gewicht, als Ismael vorsichtig darauf hinschlich. Das Stachelschwein wunderte sich, daß es plötzlich so viel schwerer wurde, und zog sich auf einen weniger gefährdeten Punkt zurück. Aber ehe es seinen Weg noch halb gemacht hatte, stand es plötzlich, nur ein paar Zoll weit, dem schweigenden, todbringenden Gesicht Ismaels gegenüber.

Im Augenblick stand jede Stachel zur Verteidigung auf. Aber die Lage auf dem schwankenden Ast war so schwierig, daß das Tier sich nicht sofort in jene Kugel aus spitzen Nadeln verwandeln konnte, vor der alle seine Feinde sich fürchten. Krampfhaft versuchte es, sein nacktes, ungeschütztes Gesicht zwischen den Pfoten zu verbergen. Die Erscheinung vor ihm schlug zu rasch zu. Ismaels Kopf schnellte vor, schnell und geradeaus wie das Maul eines Rattlers, bohrte sich unter die drohende Front der Widerhaken und grub in die Nase des Stachelschweins seine unwiderstehlichen Fangzähne.

Im selben Augenblick begann Ismael, der alle nur möglichen Gefahren dieser Lage kannte, auf dem Zweige rückwärts zu kriechen. Das Stachelschwein kämpfte darum, sich zu wenden, um den Feind mit seinem mächtigen Schwanz niederzuschlagen, aber es wurde allzu heftig fortgerissen. Es wehrte sich mit den Pfoten, hielt sich mit aller Kraft zurück und trachtete, seine blutende Nase freizubekommen. Aber da war jede List und jeder Widerstand zu schwach, so unwiderstehlich zerrte Ismael.

Bis jetzt war das Abend-Zwielicht in seiner geisterhaften Mischung aus Sonnenuntergang und erstem Mond ganz ohne Stimmen gewesen. Nur der friedliche Ruf eines Nachtfalken klang manchmal hoch über dem violetten Gewölk der Abendnebel. Jetzt brach in diesen Frieden ein jammervolles Gewirr von Tönen, halb unterdrückt und dennoch verzweifelt. Nur wer unmittelbar unter dem Baum stand, hätte den Kampf mit ansehen können. Aber das heftige Brechen von Zweigen, atemlos stöhnende Seufzer, das Knirschen von Klauen, die unbarmherzig aus der Rinde gerissen wurden, waren beredte Künder des Trauerspiels. An der Gabel des Astes angekommen, krallte Ismael seine kräftigen Hinterläufe in den Stamm ein, und mit einem plötzlichen Ruck brachte er das Stachelschwein um seinen Halt, schlug es mit Gewalt gegen einen tiefer liegenden Ast. Halb ohnmächtig und von Entsetzen gepackt, legte das Opfer all seine Stacheln zurück und suchte krampfhaft nach einem Halt. Ismael ließ es diesen Halt beinahe finden, aber als die Beute so ausgestreckt und verteidigungslos hing, gab er die Nase frei und schnappte nach der Gurgel. Sofort erlahmte der Widerstand und hörte im Augenblick ganz auf. Als das Tier bewegungslos hing, ließ es Ismael los, und der Körper fiel in die Tiefe. Voll Angst, irgendein anderer Räuber könnte ihm zuvorkommen, folgte Ismael ihm nach, wälzte ihn sorgfältig auf den Rücken – denn er wußte, daß die unteren Teile unbeschützt waren – und dann begann er sein Mahl.

Nachdem er gefressen hatte, so viel er konnte, ließ er die Ueberbleibsel achtlos für den nächsten Hungrigen zurück, mit dem ganzen Selbstvertrauen eines immer erfolgreichen Jägers. Er selbst begab sich in die Krone einer nahen, hochstämmigen Buche. Hier machte er sich an eine sorgfältige Toilette, putzte seinen schönen Pelz, bis auch nicht eine Spur des blutigen Abenteuers zurückblieb. Dann verließ er die Buche und schlich durch die mondsilbrige Stille, so wach und jagdlustig, als hungerte er seit vielen Stunden.

Durch diese Stille kam jetzt das leichte Plätschern eines laufenden Wassers. Als hätte dieser Laut eine Erinnerung in ihm geweckt, schwenkte er scharf zur Seite, und in ein paar Sekunden erreichte er eine kleine grasige Halde am Ufer eines seichten Baches, der sanft über die Kiesel plätscherte. Ismael war nicht durstig. Er schenkte dem Wasser keine Aufmerksamkeit, sondern kroch schnüffelnd durch Gras und Kräuter, bis er plötzlich gefunden hatte, wonach er suchte. Da stürzte er sich hinein, überschlug sich wieder und wieder und biß in einer Art von Wollust um sich. Was er gefunden hatte, war ein Beet mit Katzenkraut, ein Gewürz, für das er die halb wahnsinnige Leidenschaft der Katzen selbst fühlte.

Als Ismael sich an dieser Kostbarkeit genug getan hatte, ging er stromabwärts, die Nase hoch, wie immer. Aber die Schärfe seiner Witterung hatte im Augenblick durch das Gewürz gelitten. So geschah es, daß Ismael, als er einen schweren verfaulten Baumstamm umschlich, geradezu in eine große schwarze Bärin hinein rannte, die im Moder nach Käfern grub. Die Bärin machte mit ihrer riesigen Tatze einen furchtbaren Angriff, und nur durch einen blitzschnellen Seitensprung entging Ismael einem bösen Schicksal. Wütend und feindselig umschlich er den Stamm und erschien plötzlich auf der andern Seite, knurrte giftig und duckte sich, als wollte er dem großen Tier an die Kehle fahren. Doch war er keineswegs wahnsinnig; als die Bärin mit zornigem Brummen nach ihm schlug, duckte er sich zur Seite und verschwand wie eine Schlange im Unterholz.

Unter den Aesten eines Tannen-Dickichts hinkriechend, stieß er fünf Minuten später auf etwas, das warm und lebendig war und zusammengeknüllt auf dem Boden lag. Ismaels Nase hatte diesmal versagt – vielleicht weil die Brut der wilden Tiere bisweilen, gleichsam zu ihrem Schutz, keine Witterung gibt –, und seine Augen hatten gleichfalls versagt, weil die unbewegte kleine Gestalt in Farbe und Linie ganz in ihre Umgebung verschmolz. Die Ueberraschung war für Ismael nicht überwältigend. Seine geübten Zähne fuhren sofort und ohne Ueberlegung nach der Gurgel des neuen Opfers. Es erklang ein scharfes Wimmern, voll Ohnmacht und Sehnsucht, dann kämpften hilflose Glieder einen tragisch-kurzen und matten Kampf. So sorgsam die Mutter es versteckt hatte, das Rehkalb war allzu früh dem Schrecken der Wildnis erlegen.