Ismael liebte Wildpret fast noch mehr als Stachelschwein. So trank er gierig das warme Blut, obwohl er nicht gerade hungrig war, und brachte es sogar fertig, noch einen soliden, kleinen Nachtisch zu sich zu nehmen. Bei dieser angenehmen Beschäftigung versäumte er es doch nicht, nach der alten Rehkuh zu wittern, denn er wußte, daß ihre messerscharfen Hufe und ihre Mutterverzweiflung selbst ihm gefährlich werden konnten. Plötzlich dröhnte und krachte etwas durch die Aeste. Es war jedoch nicht die Hindin, die in das Dickicht einbrach, es war die große, schwarze Bärin. Sie hatte ihn verfolgt, und jetzt war sie da, ihm seine Beute abzunehmen. Eine oder zwei Sekunden lang war Ismael blind vor Zorn, stemmte sich über das Wildpret, und so gefährlich war die Wut, mit der er den Eindringling anfletschte, daß es schien, als würde die Ungleichheit ihrer Kampfmittel ausgeglichen. Aber die Bärin kümmerte sich nicht um diesen Zorn. Sie polterte vorwärts und schlug plötzlich nach dem kleinen braunen Tier, das so unverschämt war, ihr Widerstand zu leisten.
Der Hieb fiel natürlich in die Luft, denn Ismael war wie ein Schatten verschwunden. Aber gleich darauf fühlte die Bärin einen stechenden Schmerz in den großen Muskeln über ihrer Ferse. Wie der Blitz fuhr sie herum und schlug abermals. Aber wieder war Ismael verschwunden. Laut knurrend duckte er sich, zwölf Fuß weit fort von ihr, als forderte er sie zur Verfolgung auf.
Die Bärin jedoch, so böse sie war, ließ sich nicht verlocken. Ihre Wunde war wohl schmerzhaft, aber nicht gefährlich, denn der Rachen ihres Gegners war viel zu schmal, um ihren großen pelz-geschützten Gliedern ernsthaften Schaden zu tun. An Gewandtheit aber, das wußte sie, konnte sie sich mit dem durchtriebenen kleinen Gegner nicht messen. Vor allem war sie hungrig. In ihrem Lager, unter der Felsnase eines nahen Bergrückens, hatte sie zwei helläugige, lustige Bärenjunge liegen, und der Appetit dieser Jungen stellte Anforderungen an ihre Brüste, denen sie mit einer Nahrung aus Waldkäfern und wilden Knollen kaum entsprechen konnte. Das Fleisch der Rehkitze war für sie ein Gottesgeschenk. Unfreundlich brummend, machte sie sich an die Mahlzeit, hielt aber dabei einen wachsamen Blick auf den Feind.
Nun traf es sich durch Zufall, daß Ismael von dem Lager unter der Felsnase und seinen verwöhnten Inhabern wußte. Aus sicherem Hinterhalt hatte er alles beobachtet, vor Bosheit mit den Zähnen knirschend, aber doch nicht wagemutig genug für das gefährliche Abenteuer, dort einzudringen. Jetzt war seine Wut stärker als jeder Gedanke an Vorsicht. Trotzdem verließ die Schlauheit ihn nicht ganz. Er machte einen zweiten drohenden Vorstoß gegen seine Gegnerin, um sich ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit zu versichern, und dann drehte er sich zur Seite, als hätte die Wut ihres Gegenangriffs ihn gelähmt. Er verzog sich nicht allzu schnell, und in einer Richtung, die entgegengesetzt zu der des Bärenlagers war. Pfiffig hielt er sich im Mondlicht der offenen Wiese, die Augen der alten Bärin folgten ihm aufmerksam, bis er unter dem Schatten verschwand.
Endlich, als er sicher war, daß kein Auge mehr ihm folgte, machte er Kehrt, beschrieb einen kurzen Umweg und eilte dann schnurstracks zur Felsnase.
Das Lager der alten Bärin lag in einer kleinen Höhle mit engem Eingang, gerade dort, wo die geneigte Fläche aus Schiefergestein, die einen Ausläufer des Blauberges bildet, plötzlich abbricht und einen tiefen Hohlweg überschattet. Dort, etwa fünfzehn Fuß unter dem Schiefer-Vordach lief ein halb zerborstenes Riff, das zum Eingang der Höhle führte. Auf diesen Eingang fiel jetzt ganz unbewölkt das Licht des Mondes und tauchte die Spitzen der Tannen im Tal darunter in schneeiges Weiß.
Es war zweifellos eine gefährliche Sackgasse, ohne Hintertür zum Entweichen, aber Ismael zögerte nicht. Er wußte, daß die alte Bärin weit fort war, in dem Dickicht auf der anderen Seite des Felsens, und ihr gestohlenes Mahl verzehrte. So glitt er an dem Schieferdach hin, einen Augenblick lang stand sein dunkler, biegsamer Schatten verräterisch im Licht. Dann schlüpfte er in die Höhle. Die beiden schwarzen, glänzenden Bärenjungen, die vielleicht die Größe einer Hauskatze hatten, fingen gerade an, hungrig zu werden. Im Hintergrund der Höhle zusammengekauert, wimmerten sie sich gegenseitig an, ihre kleinen, spitzen Ohren mühten sich ab, die schlürfenden Fußtritte der heimkehrenden Mutter zu hören. Ihre hellen, schalkhaften, kleinen Augen hingen sehnsüchtig an dem Flecken von Licht, der den Eingang zu ihrer Behausung füllte. Plötzlich sahen sie nicht die große Gestalt ihrer Mutter, hinter der alles Licht verschwand, sondern einen kleinen flinken Schatten, der mit zierlichem Sprung hereinkam. Und da wußten sie, daß dies springende Geschöpf ein Todfeind war, daß es sie deshalb mit so grausam gierigen Augen anstarrte, und beide erhoben sie ein schrilles, jammervolles Hilfegeschrei.
Wie es unter so persönlich gearteten, so hoch entwickelten Tieren wie den Bären oft vorkommt, waren die beiden Jungen in ihrem Temperament ganz verschieden. Eins von ihnen stellte sich tapfer der Gefahr, sein weiches Pfötchen fuhr zum Schlag empor, und die dünnen, schwarzen Ränder seiner Lippen fletschten sich mutig über den dünnen Zähnen. Das andere erstarrte im Blick der nahen, drohenden Augen, es zitterte bang und verlor alle Kraft, sich zu bewegen.
Dies unglückliche kleine Geschöpf war es, auf das Ismaels Auge zuerst fiel. Mit einem Sprung saß er an seiner Kehle, drehte es auf den Rücken und begann wild, das Blut zu saugen. In diesem Mord war die Wollust befriedigter Rache, und darüber vergaß Ismael alle Vorsicht.
Eine Sekunde später wurde Ismael durch ein schwaches Kratzen und Nagen an seinem Hinterbein gestört. Das andere Bärenjunge, von jenem Schlag, der die Gefahr nicht abwägt, war seinem kleinen Bettgenossen tapfer zu Hilfe gekommen. Mit triefenden Backen und furchtbarem Knurren sprang Ismael zur Seite, um sich auf den machtlosen Angreifer zu werfen. Im selben Augenblick aber fingen seine Ohren das Schleichen rascher Schritte draußen in dem Felsen. Mit einer blitzschnellen Bewegung, als wäre sein Körper ganz aus stählernen Federn, kam er bis zum Eingang zur Höhle. Dort aber erreichte ihn auch die Bärenmutter, atemlos vor Hast. Kaum beim Mahl, war plötzlich instinktive Angst über sie gekommen, sie hatte diese Angst nicht abschütteln können – jetzt war sie da! Ihre furchtbare Tatze traf Ismael mit aller Wucht ins Gesicht, trieb ihm den Kopf zwischen die Schultern und klebte ihn an den Felsen. Dann traf die andere Tatze, wie ein Rammklotz, auf seine schlanken Lenden. Aber selbst in Todesnot arbeiteten seine Zähne noch, schnappte er wild und furchtbar um sich. Freilich, in ein oder zwei Sekunden war alles vorbei, lag er ohne Atem, eine formlose Masse aus Blut und Pelz, zu Füßen der Siegerin.