Die alte Bärin nahm Abstand und warf noch einen langen Blick auf den Kadaver, dann hastete sie wimmernd vor Angst in ihr Lager. Das unverletzte Junge kam ihr entgegen gekrabbelt. Mit hastigem Lecken und Beschnüffeln überzeugte sie sich, daß ihm nichts fehlte, dann wandte sie sich zu dem toten. Heulend beroch sie es, liebkoste es mit ihrer Zunge, bewegte es zärtlich mit der Tatze. Vielleicht eine volle Minute dauerte es, bis sie ganz begriffen hatte, daß es tot war. Als sie an der Wahrheit nicht länger zweifeln konnte, hörte sie auf zu jammern. Mit dem starren kleinen Leichnam im Maul verließ sie die Höhle und legte ihn sorgsam auf eine steil abfallende Felsecke. Als hätte sie ihm eine Art Beerdigung zugedacht, ließ sie den Körper langsam den Felsen hinabgleiten. Er fiel schneller und schneller, überschlug sich und blieb endlich in den Zweigen einer alten Pechtanne hängen, die, wohl fünfzig Fuß tiefer, gleichsam gewartet hatte, ihn aufzunehmen.
Die Mutter gönnte sich nicht die Zeit, diesen Fall zu beobachten. Heftig wandte sie sich um und warf sich noch einmal auf die Ueberreste Ismaels. Da schlug und bearbeitete sie diese mit ihren Tatzen, bis sie an kein Geschöpf mehr erinnerten, das je die Wildnis durchstreift hatte. Sie dachte nicht daran, sein widerwärtiges, zähes Fleisch zu verzehren – sie war wählerisch im Essen, liebte Honig und Früchte und reine Nahrung. Als sie an dem Kadaver ihre ganze Wut ausgetobt hatte, schleuderte sie ihn rechts über die Felsnase, dann zog sie sich in die Höhle zurück, um das Kleine zu säugen, das ihr geblieben war. Was von Ismael übrig geblieben war, fiel in einen Hohlweg hinab, der viel begangen war. Dort balgten sich vielleicht um sein Fleisch ein paar neidische alte Füchse oder Wildkatzen, vielleicht bot er – noch unrühmlicher – ein lang ausgedehntes Fest für aasfressende Käfer und Schmeißfliegen.
Ein Jahr ohne Kaninchen
Es war das Hungerjahr – für alle fleischfressende Kreatur der nördlichen Wildnis ein Jahr voll nie unterbrochenen Lauerns, hellster Wachsamkeit, ungeahnt heftiger Fehde. In diesem Jahre brach jede Schonung, jeglicher Vertrag.
Denn es war das Jahr ohne Kaninchen! Was kaum einmal in Jahrzehnten vorkommt, ihre schwärmenden Rudel waren auf rätselhafte Art verschwunden, als hätte eine Pestilenz sie ausgerottet oder als hätte eine Laune unbekannter Mächte sie ins Exil verstoßen. Seitdem herrschte Anarchie in der Wildnis, denn das Kaninchen ist dort die letzte Auskunft, der große Erhalter des Friedens. Das Kaninchen ist es, das unter den gefährlich selbständigen und unleitbaren Jägern und Räubern dem Leben eine gewisse Gleichmäßigkeit gibt. Auf seine unerschöpfliche Fruchtbarkeit, auf den Vorrat an Nahrung, den es mit der Legion seiner lebendigen Körper bietet, sind alle anderen Leben angewiesen. Die leichte Jagd auf Kaninchen befriedigt den Blutdurst der Raubtiere. Dank dieser mühelosen Jagd können die Raubtiere des Waldes sich nutzlose Kämpfe ersparen, und indem sie eins das Leben der anderen schonen, vermeiden sie Gefahren und unnützes Blutvergießen. Denn, mit Ausnahme mancher Männchen in der Brunstzeit, suchen nur wenige Raubtiere den Kampf um des Kampfes willen. Mit einem Gegner von annähernd gleicher Tüchtigkeit lassen sie sich nur dann ein, wenn es die Verteidigung ihrer Jungen gilt. Ein zu kostspieliger Sieg ist ja meist so schlimm wie eine Niederlage. Er schwächt auch den Sieger, daß er dem nächsten Feind, den der Zufall über seinen Weg führt, zur leichten Beute wird.
Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, wenn man unter den größeren Tieren manchmal so etwas wie Waffenstillstand beobachten kann, soweit er die hilflosen Jungen angeht. Es handelt sich da nicht um Wohlwollen, es ist einzig und allein die Frage kühler Ueberlegung. Werden aber ihre Jungen bedroht, dann sind selbst die Schwachen gefährlich, die Starken von unversöhnlichem Rachedurst. Im allgemeinen gilt deshalb unter gleich Starken das Beschleichen von Brutplätzen nicht als gute Jagd. Die Gefahr ist zu groß für den Gewinn. Als jedoch die Kaninchen verschwunden waren, hatte sich alles geändert. Da wurde jede Jagd gute Jagd.
Man kann sich schwer vorstellen, daß diese kleinen, huschenden, schlau-äugigen Tierchen im Haushalt der Wildnis eine so bedeutsame Rolle spielen. Dennoch war kein Tier so stark oder hochmütig, daß es bei ihrem Verschwinden gleichgültig geblieben wäre. Der Mensch sogar wurde davon betroffen; denn jetzt kamen die Füchse und die Wildkatzen seiner Siedlung nahe, pürschten sich an die Hühnerhöfe und die Weideplätze abgelegener Farmen. Auch die großen Pflanzenfresser, Hirsche, das Renntier und sogar das gewaltige Elen wurden von der plötzlich einreißenden Anarchie ergriffen. Jetzt mußten Elen und Renntier ihre Jungen mit einer Wachsamkeit behüten, wie nie zuvor. Die schwächeren Tiere aber bekamen Feinde, die sie bisher kaum beachtet hatten, die aber grausam gefährlich wurden.
Von allen Bewohnern der Wildnis war der Bär am wenigsten betroffen. Er hatte nie mehr als einen gleichgültigen Seitenblick für ein so geringes Wesen wie das Kaninchen gehabt, und solange er im Forst Wurzeln, Früchte und Schwämme, Maden und Käfer, Ameisen und Honig fand, spielte Fleischnahrung für ihn kaum eine Rolle. Wurde aber einmal der Hunger auf Fleisch mächtig in ihm, dann liebte er große Jagd auf Rehe, Schafe oder eine verlaufene Färse. Aber trotz all ihrer Unabhängigkeit mußten selbst die Bären auf das Verschwinden des Kaninchens Rücksicht nehmen. Sie bekamen Furcht, sich allzu weit von ihrem Lager zu entfernen, denn in ihrer Abwesenheit konnte ein besonders kühner Fuchs oder Luchs oder Fischer eindringen und die Jungen töten.