Die Luchse waren es andererseits, die am meisten zu leiden hatten. Sie und die Wiesel waren die eifrigsten Kaninchenjäger, dem Luchs aber fehlte die Anpassungsfähigkeit des Wiesels. Der Luchs geht seinen von Alters her bestimmten Weg; obwohl er viel wilder und auch viel kampftüchtiger ist als sein kleiner Vetter, die Wildkatze, ist er doch dem Menschen und all seinem Beginnen gegenüber besonders scheu. Statt mit Fuchs und Wildkatze die Bauernhöfe zu umschleichen, blieb der Luchs, wo er einmal war, hungerte oder ging auf gefährliche Jagd.
Fast auf der Spitze eines steilen und felsigen Hügels, im Herzen eines Zedern-Dickichts, hatte eine weise alte Luchsmutter ihr Lager. Die Oberfläche des Hügels war ein Wirrwarr aus verknorrten Birken und Schierlingstannen, in brüchige Felsblöcke eingekeilt, das Lager aber eine Höhle mit engem Eingang, nahe der Spitze. Hier glaubte die Mutter der Wildnis ihre Brut wohl versorgt. Alle Zugänge zu der Höhle waren eng und schwierig, und nur ein kühner Feind hätte diesen gefährlichen Eingang betreten, solange er nicht ganz sicher war, ob die Mutter zurückkehren würde. So wagte sie es, was in dieser gefährlichen Zeit nur wenige Mütter wagten, weit hinaus auf Beute zu schweifen. Und das war gut. Denn ihre getigerten, samtigen Kätzchen waren derbe und hungrige Kinder, deren Säuglingsgewinsel schon einen herben, streitlustigen Klang hatte, selbst da sie noch blind im Nest krabbelten. Die Mutter mußte tüchtig jagen, um für die Ansprüche dieser geliebten Brut Milch genug in den Brüsten zu haben.
Im Gegensatz zu den meist glücklicheren Müttern der Wildnis hatte sie ganz allein für ihre Familie zu sorgen. Ihr zügelloser Gatte durfte nicht einmal wissen, wo das Familienversteck lag, sonst war es möglich, daß er sich in einer Anwandlung unväterlicher Gier aus dem eigenen Nachwuchs ein Festmahl machte. Für gewöhnlich sah sich dies wilde und verschlafene Ehepaar, ausgenommen in der Brunstzeit, nur selten. In diesem Hungerjahr aber trafen sie sich häufig zu gemeinsamer Jagd auf irgendein Wild, mit dem sie einzeln nicht fertig werden konnten. War das Glück ihnen günstig, dann konnten sie zusammen vielleicht einen Bock zur Strecke bringen. Aber kaum hatten sie sich brav daran gesättigt und die Ueberreste im Dickicht verborgen, floh das Weibchen in angstvoller Hast zu ihrem Lager. Das Männchen stellte sich, als wollte es ihr folgen; aber da wandte sie sich mit so drohender Wut gegen ihn, daß er zurücksprang, sich auf seine Keulen setzte, seine noch bluttriefenden Lippen schleckte und sie so unschuldig anblickte wie ein Kätzchen seinen Herrn, nachdem der Kanarienvogel verschwunden ist. Die erfahrene Mutter aber ließ sich nicht täuschen. Ueber ihre graue Schulter zurückäugend, knurrte, spuckte und zischte sie, bis die gefährliche Erscheinung ihres Gatten außer Sicht war. Dann schwenkte sie von ihrem Wechsel ab und schlug eine entgegengesetzte Richtung ein. Ihr Eheherr aber hatte viel zu viel Liebe zu seinem Fell, als daß er es gewagt hätte, ihr zu folgen.
Als die Luchsmutter eines Tages von solch einem Ausfluge heimkehrte, bald wie ein Lichtstrahl durchs Dickicht gleitend, dann wieder in großen, geräuschlosen Sprüngen, fühlte sie plötzlich etwas wie eine dumpfe Vorahnung. Vielleicht war sie länger als gewöhnlich fort gewesen. Mit gespanntem Körper schlich sie voran, hinein in das Gewirr aus Blöcken und Felsen. Kaum am Ziel, fing ihre Nase eine scharfe, fremde Witterung, und ein Streifen rötlich-gelben Fells verschwand unter einem Busch. Schnell wie der Blitz war auch sie in diesem Busch – aber da war nichts mehr! Um die nächste Ecke jedoch bog ein großer Fuchs. Sie zauderte einen Augenblick. Besinnungslos vor Wut, war sie nahe daran, ihn zu verfolgen, ihn mit ihren furchtbaren Krallen in Stücke zu reißen – dann war die Mutterliebe stärker. Sie eilte zu ihrem Lager, schnüffelte hinein, wimmernd vor Angst und Sehnsucht.
Die Kätzchen waren alle da, ungestört, und drängten sich an ihre Zitzen, als sie es fühlten und rochen, daß die Mutter sich über sie beugte. Aber sie hatte jetzt keine Zeit, sich den Wünschen der Jungen zu widmen. Der Gedanke an ihren Feind ließ sie nicht ruhen. In aller Hast beleckte sie die Kleinen, um sie ein wenig zu beruhigen, dann ließ sie sie wieder allein, und hinter ihr klang hell der Jammer von Hunger und Enttäuschung.
Sorgfältiges Abschnüffeln belehrte die Mutter bald, daß der Fuchs kaum auf zehn Fuß weit an den Einschlupf herangekommen war. Aber für ihr liebendes Herz war das schon mehr als genug. Der Feind hatte aufgeklärt, er hatte das Versteck gefunden, in dem sie ihren Schatz verbarg! Es war ein Feind, den sie fürchtete, denn er war stärker als sie selbst, und ganz außer sich vor Wut und Angst suchte sie jeden Winkel und jeden Spalt auf dem Hügel ab. Natürlich fand sie nichts als Moschus-Duft, den er so freigebig zurückzulassen pflegt. Der Zufall aber wollte es, daß sie am Fuße des Hügels, fast unmittelbar unter ihrem Lager, einen anderen Eindringling entdeckte. Ein schwarzer Bär grub dort Wurzeln aus der fetten Erde zwischen den Felsen. Sein Besuch war so harmlos wie möglich, er dachte nicht einmal an junge Luchse. In den Augen der sorgenden Mutter aber spionierte auch er den Weg zum Versteck ihrer Kleinen auf!
Natürlich kann auch der stärkste Luchs den Kampf mit einem Bären nicht wagen. Eine Mutter aber ist Mutter, und dies ist das große Wunder unserer Schöpfung. Der Bär wühlte aufmerksam Moos und Gras durcheinander und dachte an keine Gefahr, als wie ein Wirbelwind Klauen und Zähne und wildes Fauchen ihm ins Genick kamen. Er war völlig überrascht, blutete schwer und schlug vergeblich mit seinen schweren Pranken über die Schulter. Jeder Schlag hätte seinen wütenden Angreifer getötet, aber nicht ein Mal traf er; kaum daß er ein Stückchen armseliges Fell berührte. Im nächsten Augenblick floh er, und von Entsetzen gepackt, tobte er durch die Zedern. Die Luchsmutter saß ihm im Nacken, biß und kratzte, bis ein niedriger Zweig sie abschüttelte. Worauf sie eine Pause machte, um die langen, schwarzen Haare, die sie so eifrig ausgerissen hatte, aus ihren Zähnen zu spucken und dann mit erleichtertem Herzen zu ihrem Lager zurückzukehren.
Der Bär rannte drauf los, aber sein Entsetzen wich allmählich einem Gefühl von Entrüstung, bis dieses jedes andere Gefühl unterdrückte. Da machte er Kehrt und trottete langsam auf der eigenen Spur zurück. Er wollte den unverschämten Wegelagerer aufspüren und erledigen!
Als er den Hügel erreicht hatte, änderte er abermals seine Absicht. Schließlich: war es der Mühe wert, der Hexe aufzulauern? Sie schien reichlich listig zu sein. So wechselte er zur anderen Seite des Hügels und tobte dort seine Wut aus, indem er einen alten Baumstamm zu Splittern riß.
Obwohl ein winziger Gegner ihn ruhmlos in die Flucht geschlagen hatte, war das Abenteuer für den Bären nicht allzu wichtig. Seine Wunden waren leicht und bald vergessen. Etwas anderes war es für die Luchsmutter. Ihre Sicherheit war dahin! Sie fühlte, daß beide, Fuchs und Bär, hinter ihren Jungen her waren, durfte sich nicht mehr aus dem Bau wagen, um zu jagen. Nahe dem Lager aber gab es, dank ihrem guten Ruf, selten ein Stückchen Wild zu sehen. So konnte sie nichts mehr tun, als in unermüdlicher Geduld auf wilde Hühner und Waldmäuse zu lauern. Dabei wuchs ihr Hunger, der Vorrat kostbarer Milch in ihren Brüsten wurde geringer, indes die Jungen, deren Augen sich gerade öffneten, in ihrer Gier immer dringlicher wurden.