Etwa drei Tage nach dem Besuch des Bären und des Fuchses tauchte eine riesige Elen-Kuh in der Gegend jener Höhle auf, die suchte, wie die Luchsmutter es jüngst getan hatte, Ruhe und Sicherheit. Sie langte auf der andern Seite des Hügels an und ahnte nichts von der Luchsin, die in ihrem Buschversteck, nahe der Spitze, auf der Lauer lag. Sie war schwarz und grimmig und sah sehr gefährlich aus, die große Elen-Kuh. Sicher konnte sie mit einem einzigen Schlag ihrer gespaltenen Vorderhufe auch die größte Katze zusammenschmettern. Deshalb dachte die Luchsin auch nicht daran, mit ihr selbst anzubinden. Aber sie wußte genau, weshalb die schwarze Pflanzenfresserin dies Versteck aufsuchte, und hoffnungsvoll leckte sie ihre schnurrbärtigen Lippen.
Bei Tagesanbruch gebar die Elen-Kuh ein langbeiniges, zitterndes Kalb und bettete es in das zarte Moos am Fuße des Felsens. All ihre Schmerzen waren im Augenblick vergessen, lang und zärtlich beleckte sie das Neugeborene, bis sein zartes Fell trocken war und dunkel glänzte. Als dann der warme Tag erwachte, krabbelte es auf seine schwachen Füße und machte den ersten Versuch, zu säugen. Es war so lächerlich mager und klapprig, dickköpfig und gliederschwach! Die wackligen Beine konnten das Gewicht des Körpers kaum tragen, nach zwei oder drei Minuten sank es wieder ins Moos zurück. Und da lag es, blickte mit sanften, neugierlosen Augen um sich, indeß die Mutter es mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit betrachtete. Für sie war dieses Kälbchen das Einzige im ganzen grünen Forst, das wirklich schön war …
Ein Raschellaut, aber anders als der von fallendem Laub oder Gezweig, kam plötzlich an ihr wachsames Ohr. Scharf wandte sie den Kopf. Da hockte, keine hundert Fuß weit ab, der Bär am Zedernstamm, wühlte Erde und hatte das Maul voll heller, gelber Pilze. Ein Bär! Unter allen nur möglichen Feinden war das der furchtbarste! Mit einem harten Schrei, einer Art heiseren Gebrülles, stürzte sie gegen ihn!
Der Bär war überrascht und erschrak beim Anblick des schwarzen Unwetters, das auf ihn niederging. Er war kein besonders großer Bär, aber sie war eine besonders große Elen-Kuh. Falls er imstande war, nachzudenken – eine Frage, in der die Gelehrten sich scharf widersprechen – dann überlegte er vielleicht, daß dieser Hügel keine besonders glückliche Gegend für ihn war. Zu viele Mütter und kaum genug Pilze. Jedenfalls beschloß er, eiligst zu verschwinden. Und diesen großen Entschluß führte er so geschwind aus, daß es ihm gelang, einen gewaltigen Abstand hinter sein Hinterteil und diese furchtbar schmetternden Hufe zu legen. Da empfand er, daß er sich mit einiger Berechtigung Glück wünschen dürfe.
Die Luchsin hatte aus ihrem hohen Versteck den wilden Angriff der Elen-Kuh auf den Bären beobachtet, und ihre blassen, runden Augen standen in Flammen. Unhörbar verließ sie ihr Versteck – das schwache Opfer ließ keinen Schrei hören. Viel zu erfahren, viel zu geschickt im Töten war die Luchsin! Sie wünschte keinen Kampf, der die Aufmerksamkeit der Mutter von der Verfolgung des Bären abzog. So verließ das unglückliche Kalb dies Leben, dem es eben erst seine Augen geöffnet hatte und wußte nicht, wie ihm geschah. Die Luchsin schleppte ihre widerstandslose, aber noch zitternde Beute eilig den Felsen hinauf. So rasch wie irgend denkbar mußte sie das Kälbchen aus dem Bereich seiner Mutter bringen.
Für ein Tier ihres Gewichts, nicht mehr als vierzig armselige Pfund, war die Luchsin bewundernswert stark, und dabei war sie leidenschaftlich in ihrem Entschluß. Dies Beutestück würde es ihr möglich machen, im Bau zu bleiben, bis die Jungen die Zeit der völligen Hülflosigkeit überwunden hatten. Nichts konnte sie mehr in die Ferne locken. Aber trotz aller verzweifelten Anstrengungen war das armselige Kälbchen mit seinen langen, schleppenden Beinen so unhandlich, daß sie nur gefährlich langsam über die brüchigen Felsen klettern konnte.
Als die Elen-Kuh erfaßt hatte, daß der Bär ihr entronnen war, machte sie eilends kehrt. Das leichte Moos flog unter ihren gespaltenen Vorderhufen, so schnell eilte sie zu ihrem Kalb zurück. Dann fiel sie in einen schlendernden Trott, dachte nichts Böses mehr und war stolz darauf, den Feind so tapfer vertrieben zu haben. Da war das Junge nicht mehr auf seinem Platz! Einen gewaltigen Satz tat sie vorwärts, ihre lodernden Augen suchten die ganze Fläche des Hügels ab, und da sah sie mit einem Blick nach der Höhe, was geschehen war!
Als diese schwarze Rachegestalt donnernd auf sie zutobte, strengte die Luchsin sich verzweifelt an, ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Der Abhang war an dieser Stelle so steil, daß ein Elen ihn kaum erklettern konnte. Aber die verzweifelte Mutter schnellte sich dennoch empor, und ihre vorgeworfenen Hufe trommelten zu beiden Seiten des toten Kälbchens auf die Felsen. Im Augenblick verzagt, ließ die Luchsin ihre Beute fahren und duckte sich mit bösem Fauchen. Dann sah sie, daß der Gegner zu kurz gesprungen war, stieß wieder vor und senkte die Zähne aufs neue in die Gurgel des Opfers.