Von ihrem wilden Sprung war die Mutter heftig auf die Keulen zurückgefallen. Ohne den Stoß zu beachten, nahm sie einen neuen Anlauf, und dann ging's abermals zum Angriff. Diesmal war sie weniger ungestüm, und die Luchsin, die über die Schulter des Kälbchens nach ihr äugte, war ohne Angst. Aber in Wirklichkeit war die weiße alte Elen-Kuh nie so gefährlich wie gerade jetzt. Sie, die schon so manches Lebensjahr, so manche Gefahr triumphierend überstanden hatte, sie wußte, wie ihre Kraft am besten zu brauchen war. Und bei dem ersten Sprung schon hatte sie gesehen, daß ihrem Jungen nicht mehr zu helfen war. Rache war alles, woran sie denken konnte!

Bei diesem Angriff stemmte sie die beiden Hinterbeine ein und prallte in einem wundervoll berechneten Stoß vor. Die Luchsin wurde völlig überrumpelt. Nahe daran, das Gleichgewicht zu verlieren, klammerte sie sich mit aller Kraft auf ihren Stützpunkt, in wütendem Zorn, mit zitternden Ohren. Diesmal hatte sie sich gänzlich verrechnet. In der nächsten Sekunde schon traf sie die Wucht eines der stampfenden Vorderhufe, trieb ihren Kopf zwischen die Schultern – und da torkelte ihr zäher Körper, kraft- und willenlos über das tote Kälbchen hin.

Abermals fiel die Elen-Kuh zurück, denn es war ihr auf dem festen Abhang nicht möglich, festen Fuß zu fassen, dann wiederholte sie den wundervollen Sprung. Diesmal stampfte sie die beiden Körper ineinander und ließ sie den Abhang hinunterkollern. Klar und unerbittlich in ihrer Wut, fegte sie das Opfer sorgfältig zur Seite, trampelte seine Reste in die Erde.

Als die Rache ganz vollzogen war, kehrte sie um, beschnüffelte minutenlang zärtlich ihr Junges, und aus ihrer zottigen Kehle kamen tiefe Schmerzenslaute. Stundenlang stand sie noch so, das Haupt gesenkt, bewegungslos, bis der letzte Sonnenschein dahin war und der Wald im tiefen Schwarz lag. Dann ging der Mond auf, warf sein weißes Licht über die Baumspitzen und breitete sich wie eine blasse Hand über den Felsen, bis er das traurig-grausame Schauspiel am Fuße des Hügels beleuchtete. Da war es, als verstünde die Elen-Kuh plötzlich, daß das Geschick sich unerbittlich vollzogen hatte. Sie hob das schwere Haupt, sog die Nachtluft mit vollen Lungen ein, und lautlos verschwand sie in den Zedern.

Ein oder zwei Stunden später pürschte sich vorsichtig der Bär wieder heran. Erst versteckt, hatte er seine letzte Gegnerin abziehen sehen, mit einem Ausdruck, als würde sie in diesem Forst nie wieder erscheinen. Hocherstaunt kam er jetzt angetrottet, um eine Erklärung für dies Wunder zu suchen. Die Erklärung war ganz nach seinem Geschmack. Für die zerstampften Reste der Luchsin hatte er nur ein verächtliches Grunzen, aber gesegneten Hungers machte er sich über das herzhafte Mahl her, das ihm das Elen-Kalb bot. Glückselig saß er auf seinen Keulen und genoß dies Fest, vielleicht mit einem Gedanken daran, wie doch die Bären unter allen Geschöpfen der Wildnis die glücklichsten seien. Das wäre zumindest eine kluge und richtige Betrachtung gewesen, hätte er sie nur anstellen können, und nicht mehr als der gebührende Dank für jene Mächte, die seine Art so großmütig bevorzugt haben.

Die kleinen Luchse in ihrem Lager, Säuglinge, die jetzt über allen Begriff hungrig wurden und jammervoll weinten, schienen einem langsamen und erbärmlichen Lebensende geweiht. Doch so grausam ist die Natur nur selten. Voll Neugier, zu wissen, ob auf dem Hügel etwas Neues passiert sei, kam der Fuchs durch die schwarzen Schatten geschlichen! Aus dem Dickicht heraus beobachtete er den Bären bei seinem Festmahl und begriff. Weiter durchforschte er das Hügelland und hörte das Jammern der Kätzchen. Sich diesen Ton zu erklären, fiel ihm nicht schwer. Noch eine kurze Erkundung, dann tauchte er in die Höhle unter. Ein paar Schreie, die schwach aber tapfer klangen, und nun war auch der Jammer von Hunger und Einsamkeit verklungen. Der Fuchs war viel zu sachlich, um mit seinen Opfern zu spielen und sie zu quälen, wie irgend ein Katzentier es getan hätte. Er tat sie auf einmal ab und schickte sich schleunigst an, sie in seinen Bau zu schleppen. Denn obgleich er selbst einen tüchtigen Imbiß wohl brauchen konnte, dachte er zuerst an sein Weibchen und seine Kinder, denen er mit ganzem Herzen ergeben war.

Jetzt, da die schreckliche Luchs-Mutter den Hügel nicht länger beherrschte, fing das kleinere Waldvolk wieder an ihn mit Vorsicht zu besuchen. In der Nachbarschaft des verlassenen Lagers hielten sie sich freilich nicht gerne auf, denn die Höhle im Gipfel konnte leicht einen neuen, gefährlichen Mieter finden. Von den beiden Körpern am Fuße des Felsens waren bald nur noch ein paar sauber und weiß geputzte Knochen übrig, dann verödete der Ort. Ein paar wilde Hühner und Spechte wurden seine einzigen Besucher.

So endete der Sommer. Als die Ahorn-Aeste sich langsam in herbstliches Gelb kleideten, erschienen wieder ein paar Kaninchen, einzeln und in Paaren, ein furchtsames, auseinander gestreutes Volk. Sie ließen sich nieder, und da die Zahl ihrer Feinde geringer geworden, vermehrten sie sich mit erstaunlicher Schnelligkeit, als wäre es ihr einziges Ziel, die Erde zu bevölkern. Bald horchten ihre langen Ohren, äugten ihre scharfen Augen wieder durchs Dickicht, empfindliche Nüstern witterten jeden Windhauch, und flockige, weiße Spiegel hoppelten aus dem goldigen Farrenkraut. Zwar liebten die Kaninchen den Zedernwald mit seinem feuchten und schwarzen Moos, seinen halb versteckten Teichen nicht, aber ein paar besonders abenteuerfrohe Gesellen unter ihnen streiften überall hin.

An einem frischen Oktobermorgen, als die Birkenbäume schon ganz in Gold getaucht zwischen den grauen Felsen des Hügels standen, streifte ein tapferer Kaninchen-Rammler am Fuße des Hügels hin und stöberte jenes Häuflein weißer Knochen auf. Erst erschrak er gewaltig und suchte mit großen Sätzen Zuflucht im Dickicht. Aber da die Knochen keine feindliche Haltung einnahmen, fühlte er sich bald beruhigt. Als er sie lange genug angestarrt hatte, kam er zur Ueberzeugung, sie seien harmlos. Mit verständnisloser Neugier umsprang er sie, dann ließ er sich wie ein Wachtposten auf dem Spiegel nieder, die langen Ohren in närrischer Wachsamkeit gespitzt. Nichts wäre ihm weniger in den Sinn gekommen, als die Tatsache, daß er und die Seinen verantwortlich waren für dieses Häuflein bleichender Gebeine.