Unter gespenstischen Lichtern

In jene ungeheure Tiefe drang nie ein Strahl von Licht, sie lag eine halbe Meile unter der wild gepeitschten grünpurpurnen Fläche des Ozeans und ihren milchweißen Schaumkämmen. Die seltsamen Bewohner dieser Tiefen konnten nicht bis zu den sonnenbestrahlten Flächen emporsteigen, durften nie erfahren, wie es dort oben war. Sie waren für gewaltigen Druck gebaut, unter dem sie geboren waren – bei einer Reise zum Licht wäre ihr Gerüst zerstört, wären ihre Eingeweide nach außen gedreht, ihre Augen aus den Höhlen gerissen worden, und die zerbrechlichen Gewebe ihres Körpers hätten zerfallen müssen. So lebten sie ihre Jahre hin, ohne zu wissen oder zu ahnen, was Sonne ist, in einer Ruhe, die auch der wildeste Orkan nicht stören konnte.

Und doch waren diese Tiefen nicht in völlige und ewige Dunkelheit versenkt. Dann und wann verbreitete ein Schwarm zarter Infusorien vom Stamm jener Lebewesen, die nachts an der Oberfläche der See leuchten, ein Fleckchen nebelhaften Schimmers. Dann und wann kam ein blasser, trügerischer Schein, der immer wieder verlosch und wie ein Atemzug neu auflebte, von den weithin gebreiteten Büschen jener seltsamen pflanzenähnlichen Geschöpfe, die man Seelilien nennt. Und aus dem weiten Beben des tangbestreuten Meeresgrundes stieg ein seltsam phosphoreszierendes Leuchten auf, das die Dunkelheit bekämpfte. So herrschte für Augen, die empfindlich genug waren, diese leichten Bewegungen wahrzunehmen, etwas wie gespenstisches Zwielicht, das sich zumindest in Lichtflecken über das Bett der Tiefsee hinzog.

Neben diesem unruhigen Schimmer, der stets an seiner eigenen Schwäche hinzusterben schien, tauchte ab und zu ein Schwarm von Glühwürmern auf, die unter irgend einem Riff oder einem Busch von Lilien erstrahlten, um Sekunden später wieder zu verlöschen. Oft auch entflammten ein paar bescheidene Lämpchen in blauen oder violetten Farben, die sich in sanfter Bewegung rechts und links neigten, als ob ein unsichtbarer Träger das grausige Dunkel mit ihnen absuchte. Auf beiden Seiten dieses unkenntlichen Geschöpfs schimmerten blasse, lichte Büschel, helle Augen leuchteten auf, wurden größer und verschwanden. Manchmal bewegte sich durch das Dunkel etwas wie ein anderes Wesen, gleichsam das Gespenst eines Lichts; zwei lichte Büschel wehten von seiner Nase, seine Flossen schimmerten wie durchsichtige Nebel, und auf jeder Seite trug es eine doppelte Reihe sanft glühender Punkte. Oft folgte ihm eine größere Gestalt, geisterblaß, der Kopf gewaltig groß und lang, der Körper bebend und stürzte sich wie zur Flucht ins Gewirr der Seelilien. Gespenstische Lichter hasteten immer, in irgendwie phantastischer Form durch das lautlose Dunkel. Ueber einem Ding, das wie ein riesiger flacher Stein aussah, schwebte, zwei Fuß hoch, ein Büschel violetter Flammen, gleichsam eine Aureole zartleuchtender Gewebe, die wie Flaum aus einem Keim schwachen Lichts erwuchsen. Diese leuchtende Blüte hing, das verriet ihre duftige Durchsichtigkeit, an der Spitze eines dünnen Rohrs, das leise schwankte, obwohl in dem umgebenden Wasser keine Bewegung war. Diese Stütze aus Rohr schien aus einem flachen Felsstück zu wachsen, dessen schwärzliche Ränder im bewegten Schatten des Schlammes ringsum verschwanden. Die schöne kleine Flamme zitterte manchmal, manchmal zerrte sie an ihrer Stütze, manchmal verblaßte sie bis zur Unsichtbarkeit, um dann wieder in hellerem Glanz aufzustrahlen, im ganzen hatte sie eine Lebhaftigkeit, für die sich kein Anlaß zeigte.

Plötzlich erspähte einer der gespenstigen Fischkörper mit doppelter Linie glühwurmartiger Punkte auf den Seiten und riesigen weißlichen Augen die zitternde Flamme und nahm Richtung, sie zu erforschen. Der Besucher war klein, kaum einen Fuß lang und schien deswegen mit einiger Bescheidenheit aufzutreten. Doch als er näherkam, glaubte er, dies kleine violette Licht sei etwas, das man nicht nur mit Behagen essen, sondern auch ohne Gefahr in Besitz nehmen könnte. Er beeilte sich, daß nicht irgend ein hungriger Wanderer ihm zuvorkäme. Abgesehen von seiner seltsamen Beleuchtung machte er den Eindruck eines gewöhnlichen Fischleins aus höher gelegenen Wassern. Aber im Sturm auf das Flammenbüschel tat er einen erschreckend weiten Rachen auf, einen Rachen, aufgerissen bis zum Scheitel seines langen Kopfes!

Die kleine Flamme entwischte zur Seite und beugte sich zierlich zum Grund, als hätte sie Augen und wollte dem Angriff geschickt ausweichen. Gleich darauf geschah etwas Entsetzliches. Der flache, schwarze Block, der die Flamme getragen hatte, klaffte auf. Es tat sich eine Höhle auf, mit langen Zähnen bewehrt, die alle nach innen strebten. Der tollkühne Gespensterfisch war gefangen. Mit Schnappen schloß die Höhle sich; rechts und links schimmerten, wo sie gewesen war, zwei blasse, kalte Totenaugen. Ihr Phosphoreszieren dauerte nur eine Sekunde oder zwei, dann schien der schwarze Stein wieder eine leblose Platte wie zuvor, an der Augen wie dumpfe Warzen saßen. Und wieder stieg das violette Flämmchen sanft empor, zitterte und bewegte sich grundlos wie zuvor.

Plötzlich aber ging die Flamme aus, verlöschte ganz. Eine Reihe harter Stöße hatte die Wasser durchzuckt. Auch alle die anderen Lichtchen in der Nachbarschaft verlöschten plötzlich, die Glühwurmbüschel, die flimmernden Punkte und Sterne, die suchenden Augen und gespenstigen Lichtbüschel, ja selbst das bläßliche Leuchten der unerschütterlichen Seelilien war nicht mehr. Nichts war mehr zu sehen als die Nebelflecken der Infusorien und trügerischer Schein über dem Schlammbett. Irgendwo im Dunkel, viel zu weit, um sichtbar zu sein, aber nahe genug, sich schrecklich fühlbar zu machen, tobte eine Schlacht von Giganten. Für all die kleineren Wesen der Unterwelt hieß das »Licht aus und nicht gerührt!« Selbst jener große Steinblock von Kreatur, der doch sieben oder acht Fuß lang war und gut zwei Fuß breit – dort wo sein Höllenmund sich geöffnet hatte, wünschte die Aufmerksamkeit dieser Kämpfer nicht auf sich zu lenken. Er hielt seinen zarten, violett schimmernden Köder gut versteckt und freute sich, unter allen Steinblöcken auf dem Meeresgrund am wenigsten beachtet zu sein. Allmählich verschwand die Unruhe, wieder lag das Wasser in schwerer Ruhe. Als erste Tiefseebewohner, die Vertrauen faßten, suchten die Seelilien das Dunkel, das eine unwiderstehliche Lockung für alle Arten zartlebender Organismen war, die ihr zuschwammen oder zuwehten, um von den fleischgierigen, immer hungrigen Blumen verschlungen zu werden.