Bald ließen auch andere vorsichtige Geschöpfe ihr Geisterlicht wieder ausstrahlen, nahmen ihr Schweifen, Schwimmen und Krabbeln wieder auf, – Fische, Krebse, Seesterne, Krabben, mächtige Seeigel und purpurschwarze Rochen. Zu allerletzt schwenkte der riesige Wegelagerer, der Tiefseeräuber, seine liebliche violett schimmernde Todeslampe wieder über dem geheimen Abgrund seines Rachens.
Die Geistertiefe war keineswegs verlassen, wenigstens nicht in dieser Region. Geheimnisvoll geschäftiges, fast unsichtbares Leben schwärmte überall, jagte und wurde gejagt; aber ein paar Augenblicke lang kam dem schwebenden Köder nichts mehr nahe. Das Ungeheuer verlor die Geduld. Sein Hunger wuchs, es lebte doch nur, ihn zu befriedigen! Aber da es bei aller Kraft keine Schnelle besaß, die Beute zu verfolgen, konnte es nichts tun, als warten, immer tiefer in dem Schlamm versinken, der sein Versteck sicher machte. Sein einziger Ausdruck von Ungeduld war gesteigertes Wiegen und Beben des violetten Flämmchens am schlanken Rohr.
Ganz unerwartet wurde solcher Eifer belohnt. Das Licht erregte die Aufmerksamkeit einer drollig aussehenden krabbenartigen Kreatur, deren kleiner, runder, rosenfarbiger Körper sich auf unendlich langen Stengeln von Beinen bewegte. Seine Freßpartie war fast so groß wie sein Körper, und vom Kopf hingen zwei peitschenähnliche Antennen oder Fühler, die in ihrer Endlosigkeit fast noch lächerlicher waren als die Beine. In seinen Fühlern mochte irgend ein geheimnisvolles Organ, die Umgebung wahrzunehmen, verborgen sein, denn das Tier bemerkte das zitternde Violett der Flamme. Wo seine Augen hingehörten, da waren nur zwei schwarze Punkte, eine Art Nagelköpfe und dürftige Andeutung dessen, was bei einem seiner Tiefseevorväter Augen gewesen sein mochten. Dennoch, wie immer es geschehen sein mochte, die Storchenkrabbe hatte den Köder wahrgenommen. Tolpatschig, aber mit großer Geschwindigkeit pürschte sie sich heran, ihre mächtigen Kinnbacken arbeiteten gierig.
Ein anderer Landstreicher hatte das lockende Violett gleichzeitig wahrgenommen! Ein riesiger Purpurkrebs, stark wie eine Languste, schwamm vom Rücken heran. Der konnte freilich sehen, denn er trug ein Paar ausschweifend großer Augen und jedes dieser Augen hatte ein breites weißes Licht, strahlend wie eine Automobillampe. Er sah nicht nur den Köder, sondern auch den langbeinigen Rivalen, der sich von der Seite heranpürschte, und in eifersüchtiger Hast schoß er auf die Beute. Beide kamen gleichzeitig an, das Flämmchen gab sein Winken auf und sank. Beide verfolgten es, krachten aneinander und verschwanden in einer schwarzen Höhle, die ihnen jählings entgegenklaffte. Die Höhle tat nur einen saugenden Laut, dann schloß sie sich mit Schnappen. Für Sekunden erwachten die fahlen Augen an ihrer Seite, glühten im satten Grün und verloschen abermals. Dann wieder hob die violette Flamme sich lockend über schlammigem Grund. – – –
Der nächste Passant sah so stattlich aus, daß man glauben mußte, der Wegelagerer würde sich erschreckt vor ihm in Schatten hüllen. Es war ein gewaltiger Tintenruderfisch, gut achtzehn Fuß lang, mit zwei langen, dünnen Floßfühlern, die wie ein Paar Ruder von den Seiten seines Kopfes weg schwenkten. Für seine Größe war der Körper außerordentlich schlank, kaum einen Fuß im Durchmesser, er trug eine Rückenflosse, die vom Schwanz bis zum Ende des Kopfes reichte. Auf dem Kopf aber krönten diese Flosse ein paar schwere Stacheln, wohl zwei Fuß lang, die drohend über der Schnauze des Besitzers wachten. Der Körper war silbrig, in einer Art Kleid, das mattgrün phosphoreszierte.
Gleichgültig schwamm der Ruderfisch das zitternde lila Lämpchen an, das, so bedrohlich er aussah, sein Kommen kühn erwartete. Als er herankam, tat er ein schmales, nicht sehr gefährliches Maul auf, natürlich verschwand das Licht. Die Höhle darunter öffnete sich, schlürfte empor und schloß sich hinter den Kiemen des Ruderfisches. Minutenlang peitschte der lange Schwanz verzweifelt das Wasser, daß alle Lichter rings vor Schreck erloschen. Aber in der Gewalt dieses schrecklichen Rachens, dieser langen, reißenden Fänge, war der Tintenfisch hilflos trotz aller Kraft und Größe. Rasch wurde er reinlich in zwei Hälften zerbissen, der Kopf mit seinen Schutzstacheln rollte zur Seite. Die breite, nicht gerade einnehmende Gestalt des Räubers schwang sich aus dem Schlamm empor, schnappte gierig nach dem zitternden Körper, riß ein Stück von zwei Fuß Länge ab und verschlang es mühelos. Sein Magen schwoll und schwoll, aber er hielt das Festmahl durch, bis nur mehr ein zwei oder drei Fuß langes Stück Schwanzende an das Opfer erinnerte. Dann sank er auf sein Lager zurück, paddelte mit den Flossen, bis sein geschwollener Körper wieder ganz im Schlamm vergraben war und fuhr fort, das Riesenmahl zu verarbeiten. Da für den Augenblick kein Nahrungsbedürfnis bestand, wurde die violette Lampe eingezogen.
Sobald der Tumult sich gelegt hatte und die gespenstischen Lichter wieder erschienen waren, lief auf irgendwelchem seltsamen Weg das Gerücht um, neben dem großen Stein würde ein Festmahl gehalten. Nach wenigen Minuten schon wurden die beiden Ueberbleibsel des toten Ruderfisches, sein Schwanz und sein bewehrtes Haupt der Mittelpunkt von gierigem Leben und scharfen Kämpfen, über die in seltsamer Verwirrung Lichter spielten. Der blutrote Tiefseekrahfisch, gewaltige Krabben, Fische, die nur aus Kopf, Rachen und langen, peitschenähnlichen Schwänzen bestanden, Fische, die nur Magen und Därme waren, Fische mit Papageienschnäbeln, Geschöpfe ohne Augen, aber mit langen tastenden Antennen ausgerüstet, Fische, deren riesige, starrende Augen in gar keinem Verhältnis zu ihrem übrigen Körper standen, rissen Bündel von den beiden widerstandslosen Fetzen Fleisch oder fielen sich gegenseitig an, – wie ihr Geschmack sie reizte. Ihre Lichter spielten ineinander und verwoben sich, bis jedes Stück des Opfers eine Masse aus pulsendem Dämmerlicht schien.
Da jeder dieser rasenden Genießer von kleiner Figur war – die größte der Fischgestalten maß nicht mehr als einen Fuß Länge – herrschte während der ersten Zeit unter den Festgenossen keinerlei Mangel. Dann aber kamen drei seltsam blickende Fremdlinge angesegelt, zu sehen, was los war. Schwarze Fische mit kurzen Leibern, etwa zwei Fuß lang, mit schleppenden, traurigen Säcken am Bauch. Ohne Eile schwammen sie herbei, überblickten die Sachlage, öffneten ihre Mäuler. So weit waren diese Mäuler, daß der eigene Körper des Fisches bis zum Schwanz darin Platz gehabt hätte. Neben diesen gähnenden Fallen wurden ihre Träger selbst beinahe zierlich.
Ohne Gier begannen die Besucher sich zu nähren, nicht vom Aufgetragenen, sondern von ihren Festgenossen. Sie schlürften ein wenig und verschlangen mühelos die ganz in Anspruch genommenen Esser. War man einmal in diesem Rachen, dann gab es nur noch einen Weg, denn die Kinnbacken waren mit langen, scharfen Zähnen besetzt, die alle hineinführten in die fassungskräftige und glitschige Gurgel. Fische, Garnelen, Krabben, sie alle wurden unparteiisch aber energisch in diese breiten elastischen Mägen gepumpt, in denen sie zu Paketen gequetscht liegen blieben, bis die Säure mächtig einsetzender Verdauung ihnen die letzte Ruhe gab.
Nach ein paar Minuten hing unter jedem der drei Fremdlinge ein Bauch, der größer war, als sein gesamter übriger Organismus. Dann segelten sie gewichtig und nachdenklich von dannen, das Versteck eines Tiefsee-Anemonen-Dickichts zu suchen, in dessen Schutz sie friedlich verdauen konnten. Die unbeschädigten Festteilnehmer aber setzten ihr Bankett fort, als hätte sie nichts gestört.