Verdauung ist für die Bäuche dieser Tiefseebewohner ein Prozeß, der mit erstaunlicher Schnelligkeit vor sich geht. Schon nach einer oder zwei Stunden hatte der Körper des überfüllten Wegelagerers seine normale Gestalt annähernd wiedergewonnen, sofort auch erwachte sein Hunger von neuem, sah man wieder sein lockendes, violettes Flämmchen über der Schlammplatte funkeln und tanzen.
Diesmal hatte er nicht lange zu warten, denn der Erfolg des vorangegangenen Gelages machte die sonst einsame Stätte zu einem Treffpunkt der Tiefseewelt. Eine unglaublich monströse, phantastisch formlose Gestalt kam langsam an. Mit großen, leeren Augen sah sie den Köder, machte sich langsam auf, ihn zu verschlingen. Der Neuankömmling, der sich in grünsilbriger Beleuchtung nur schattenhaft kundgab, sah aus wie eine Art Doppeldecker. Bei einer Länge von etwa fünf Fuß erinnerten Kopf und Hinterkörper an einen ungewöhnlich fetten und großmäuligen Aal. Tatsächlich war er eine seltsam entstellte Abart der Aalfamilie. Was ihn vom Familientyp abweichen ließ, war sein Bauch, der ausgewalzt schien, an den Randflossen fast durchsichtig, und der ungefähr wie ein lenkbares Luftschiff zigarrenförmig unter seinem Körper hing. In dieses amüsante Gepäckstück von Bauch war ein starker, schwärzlicher Fisch, von nicht weniger als zwei Fuß Länge hineingepackt, zusammen mit einer Masse zinnoberroter kleiner Seekrebse.
Selbst mit so außerordentlichem Proviant war die seltsame Kreatur noch wohl bei Appetit, vielleicht hielt sie das hübsche, violette Lämpchen für einen pikanten Nachtisch. Sie riß den Rachen auf und schoß herbei. Mit der unteren Kinnlade berührte sie schon beinahe das glühende Ding, indes sie sich leicht zur Seite warf, dabei aber hatte der pendelnde Zylinder ihres Magens den Felsblock im Schlamm beinahe berührt. Es öffnete sich der Felsblock und nahm gemächlich beides zugleich auf: den Bauch selbst und seine halbverdaute Beute. Dann schloß sich der felsähnliche Rachen, mit krampfhaftem Schwanzschlagen machte sich der Schwimmer davon, von Gestalt nun etwa einem gewöhnlichen Aal gleichend. Minutenlang drehte er sich in wahnsinnigen Kreisen, dachte nicht mehr an Feind noch Beute, für die er ja keine Verwendung mehr hatte. Dann, mit seinem Bauch jeden Lebensinhalts beraubt, legte er sich zur Seite und sank auf den Meeresgrund. Ehe er noch ausgezuckt hatte, war er schon zum Fraß einer Kolonie winzig kleiner, zitronengelber, augenloser Krabben geworden.
Die gelben Krabben hätten in kaum fünf Minuten eine bunte und zahlreiche Auswahl ungeladener Gäste bei ihrem Bankett gesehen, hätte nicht ein seltsames Etwas nun alle Aufmerksamkeit in etwas höhere Wasserschichten gezogen. Unmittelbar über ihren Köpfen erschien eine massige Gestalt, die im Niedergehen immer größer und glänzender wurde. Als sie näherkam, erwies sie sich als blaßgrünlicher Körper, mit langen Reihen und Bündeln aus weißem, gelbem, blauem und violettem Licht übersät! Der verwandelte sich in eine strudelnde Masse wildkämpfenden Lebens. Endlich ließ er sich langsam auf die Seelilien nieder und war nun das fast nackte Skelett eines Walfisches, innen und außen von jeder Species Tiefseeschmarotzer überschwemmt. Kein Wunder, daß unter solchen Umständen die zitronengelben Krabben ihren Raub in Ruhe verzehren durften.
Der Walfisch war an der Oberfläche von Fischern harpuniert, abgetrant und weggeworfen worden. Als das blutende Stück Aas versank, hatten sich zuerst Scharen von Haien gierig daraufgeworfen, sein Fleisch in großen, dreieckigen Stücken vom Skelett gerissen. In einer Tiefe, in der Haie den Druck des Wassers nicht länger ertragen können, war das riesige Skelett schon beinahe kahl. Den Haien folgten in immer größerer Zahl Scharen hungriger Tiefseebewohner, von jeder Familie und Art, schreckliche, 12 bis 15 Fuß lange, lanzenähnliche Geschöpfe, deren bewaffnete Kinnladen dem gewaltigsten Hai Respekt einflößen, kleine, schwarze, taschenähnliche Fische, die nicht größer sind, als eine Menschenhand, die nur aus Magen und Rachen bestehen, die aber keine Schwimmkraft haben, um die saftigen, Fleischstücke an sich zu reißen, in die sie die bissigen Zähne versenken. Während das mächtige Knochengerüst im größeren Wasserdruck immer langsamer niedersank, retteten die kleineren Geschöpfe sich so weit wie möglich in sein Inneres, um vor den größeren und gierigeren Tafelgenossen sicher zu sein. Aber innerhalb wie außerhalb des Skeletts war dieses Mahl ein unaufhörlicher und unbarmherzig geführter Krieg, denn großzügig und unparteiisch fraßen die Gäste einander auf.
Sobald das Skelett in seinem zitternden Glanz in das Bett von Seelilien gesunken war, eilten meilenweit alle Kriechtiere herbei, die meisten ohne Augen, aber mit langen Antennen von wundervoller Empfindlichkeit, und jedes wollte seinen Teil erobern. Jetzt strahlte das riesige Aas von Licht und Funken.
Nach kaum einer Stunde waren die Knochen so sauber, daß nur jenen Kreaturen etwas blieb, die am Kopf Bohrer tragen und imstande sind, aus dem festen Knochenbau Säfte zu saugen. Und dann war die Schar der Gäste wieder verschwunden: teils von ihren Feinden verschlungen, teils beschäftigt, andere zu verschlingen. Von den mächtigen Rippen und aus dem porösen Rückgrat des Skeletts schwanden die Lichter.
Zu seinem Mißvergnügen hatte der Wegelagerer, obwohl sein Versteck kaum fünfzig Fuß weit vom Seelilienbett entfernt war, keinen Teil an dem Trubel nehmen können. Es war gegen seine Methode, sich aus dem Schlamm zu erheben und in fremde Händel einzugreifen. Für ihn war es am besten, wenn er sein Lämpchen emporreckte und ein paar unzufriedene Mitläufer solchen Gelages an sich zog. Ein paar bescheidene Bissen waren ihm auf diese Art zuteil geworden, gerade genug, seinen Appetit zu erregen.