In seiner Gier erlaubte er sich, aus seinen seltsam verhüllten Augen einen fahlen Schimmer auf der Suche nach Beute umherzustrahlen.
Diese glimmernden Augen entdeckten etwas, das ihr Licht sofort verlöschen, die violette Farbe verschwinden ließ, als hätte man ein Lämpchen entzwei geschlagen. Mit einem Ruck vergrub der Wegelagerer sich tiefer im Schlamm. Was er gesehen hatte, war ein langer, kränklich weißer, suchender Fühler, der – viele Schritte fern – die Rippen des Skeletts abtastete. Andere, gleich neugierige Sucher waren gefolgt. Aber der Wegelagerer hatte sich nicht die Zeit gegönnt, sie zu beobachten. So viel Schlamm wie möglich wünschte er über sich, selbst über seine Augen gebreitet, solange diese Fühler, Riesenschlangen gleich, durch die Nachbarschaft geisterten.
Ein Zufall hatte es gewollt, daß ein riesiger, weißer Tintenfisch, auch Tiefsee-Teufelsfisch genannt, der mit Hunderten seinesgleichen ein paar Meilen weit sein Lager hatte, über sein Jagdgebiet hinausgeschweift war. Vielleicht hatte der Angriff eines Zuges von Pottwalen ihn aufgeschreckt und zur Wanderschaft veranlaßt. Seine weiten, alles umfassenden Augen hatten das schimmernde Sinken des Skeletts beobachtet. Er bewegte sich langsam; wenn die Not nicht große Eile bedingt, pflegt er seinen Körper über den Meeresboden zu schleppen, statt wie der kleine Tintenfisch in höheren Gewässern auf dem Rücken zu schwimmen.
So war, als er den Schauplatz erreichte, von dem großen Mahl nichts übrig geblieben, seinen Hunger zu stillen.
Dieser träge Wandersmann war keineswegs unter seinesgleichen besonders beachtenswert. Zusammen mit seinem Kopf, der einen Papageienschnabel trug, maß der kriechende Sack seines Körpers kaum zehn Fuß, denen allerdings die gespreizten Fühler noch weitere zwanzig Fuß Reichweite gaben. So stark wie der Arm eines Mannes war jeder dieser Fühler, die sich in einem Büschel wie Karottenblätter von der Stirn ausbreiteten. Jeder Fühler trug an seinem Ende eine Saugplatte von großer Gewalt und war empfindlich wie der empfindlichste Menschenfinger. Wie ebensoviele blasse, hungrige Schlangen waren sie in emsiger, steter, suchender Bewegung. Das unheimlichste an dem unbeschreiblichen Monstrum aber waren die Augen: zwei tintenschwarze Linsen, weit ausgebuchtet und so hoch, daß ihre oberen Ränder den Kopfansatz fast berührten. Ohne Lider, unbeweglich und von einer nicht beschreibbaren Bösartigkeit, blickten sie drein, als könnte ihrer wachsamen Gier nichts entgehen.
Die schrecklichen Fühler betasteten jeden nackten Knochen des Walfischskeletts, ergriffen jede armselige Kreatur, die dort noch hing und warfen sie in den grausigen Schnabel. In furchtbarer Schnelle und Präzision vollendeten bei dieser Gelegenheit auch ein paar arme Fische ihr Schicksal, unklug genug, den Schauplatz nicht längst verlassen zu haben. Im Papageienschnabel begegneten sie sich mit etlichen Krabben und Krahfischen, die vergeblich versucht hatten, sich ins Versteck der Seelilien zu retten. So bescheidene Beute aber diente nur als Appetitanreger. Voll Jagdlust hob das blasse Ungeheuer sich auf den Grat des Walfischskeletts, spähte aus und ließ sich gemächlich auf die andere Seite gleiten, seine unfehlbare Gier hatte in dem benachbarten Felsstück etwas Bemerkenswertes entdeckt. Rasch zogen zwei neugierige Fühler zur Aufklärung aus. Mit einem Griff, der das zähe Fleisch des Wegelagerers krampfte, faßten sie zu.
Entdeckt und ohne Hoffnung sich zu retten, geriet der Straßenräuber nicht in Verzweiflung, sondern in sinnlose Wut. Er stammte aus grimmigem Kämpferblut, seine Augen spieen grüne Flammen, wie wahnsinnig schnappte das Tor seines Rachens. Wohl zwei Fuß weit tat dieser Rachen sich auf, packte einen der Fühler, wo er vier oder fünf Zoll dick war, und zermalmte ihn ohne Anstrengung, so sehnig er war. Dann aber hatten vier weitere Fühler sich in seinen Körper geheftet, daß alles Schnauben und Spucken und Schnappen keinen Widerstand mehr bedeutete.
Nicht schnell, aber unwiderstehlich wurde er aus seinem Lager geholt und in das Gezüngel schnürender Arme gezogen. Weite, tintenschwarze Augen glühten ihn ausdruckslos an. Dann tat der Papageienschnabel sich furchtbar auf, in einem langen, durstigen Schlürfen verschwand der Wegelagerer, den Kopf voraus, wehrlos, wohlschmeckend.
Mit diesem nahrhaften Bissen war das weiße Monstrum einstweilen gesättigt. Er setzte seinen Körper langsam in Bewegung und verkroch sich in die Rippen des Walfischs. Dort schien es mit offenen Augen zu schlafen, die Fühler sorglos um sich gebreitet. Als es wiederum still wurde, steckten die Glühwürmer ihre Lichterchen in Brand, ganze Büsche weißer Strahlen umschlangen rote und grüne Sterne, all die schwebenden, kaum erkenntlichen gespenstischen Lichter zogen Phosphorglanz durch stille Wasser. Nur das schöne zarte Violett tanzte nicht mehr über der verankerten Felsplatte im Schlamm der Tiefe, fünfhundert Faden unter dem Meeresspiegel.