Stromfahrt durchs Feuer

Gewissermaßen kannten sie einander recht gut, der Mann und der Bär. Seit fast zwei Jahren waren sie anerkannte Feinde.

Tatsächlich gesehen hatte der Mann den Bären nur einmal, und auch da nur für einen kurzen Blick – ein Paar pfiffiger, neugieriger Augen, die im tiefen Dickicht aufblitzten, einen furchtbaren, schwarzen Schatten, der geräuschlos im Dunkel versank. Die großen Spuren aber kannte er gut, die ein Drittel größer waren als die des gewöhnlichen schwarzen Bären in Ost-Kanada und sich in bedrohlichen Kreisen rings um seine Hütte zogen. Er kannte seine Klauen-Abdrücke, narbengezierte Bäume, in die der Träger dieser Klauen seine Zeichen fast so hoch setzte wie ein Grizzly-Bär.

Diese gefährlichen Klauen hatten manchen dicken, kaum halb verfaulten Baumstamm wie Papier auseinandergerissen, wenn der Bär nach Ameisen und Käfern suchte. Aus alldem konnte der Mensch unschwer den Schluß ziehen, daß hier seiner Herrschaft über die Wildnis, eine Herrschaft, die er vor kurzem erst angetreten hatte, ein gefährlicher Nebenbuhler drohte. Und dieser Nebenbuhler würde wahrscheinlich, wenn die kleine Farm erst mit Vieh versorgt war, auf Schafe und Ochsen eine schwere Steuer legen.

Im übrigen nahm der Mann an, daß sein Rivale einen Pelz von seltener Pracht trug, der auf dem Pelzmarkt einen besonderen Preis erzielen würde. In den Pausen zwischen Roden und Graben, Kartoffelpflanzen und Weizen säen, Hütten bauen und Busch brennen begann er deshalb, seinem gefährlichen Gegner Fallen zu stellen, denn er hielt ihn für zu listig, in den Bereich seiner Büchse zu kommen.

Der Bär kannte andererseits den Menschen viel besser, als der Mensch ihn kannte. Er beobachtete ihn, seit er zum ersten Male den Fuß auf die Ufer des wilden Südfork gesetzt hatte. Seitdem folgte ihm das riesige schwarze Tier wie ein Schatten, feindselig natürlich, weil er ein Fremder und ein Störenfried in seinen Einsamkeiten war, vor allem aber mit gespannter Neugier. Trotz seiner Größe konnte er sich, wenn es nötig schien, so geräuschlos wie ein Wiesel oder eine Schlange bewegen. Bewegungslos wie einer der alten Baumstümpfe, die längst vergessene Holzfäller zurückgelassen, hatte er beobachtet, wie des Menschen Axt blitzte und durch die Luft flog, wie Birken, Tannen und Eschen fielen, wie die Rodung wuchs und Sonnenlicht auf den wirren Grund des Forstes fiel.

Sein Erstaunen waren die beiden schweren, roten Ochsen, die dem scharfen Ruf des Menschen folgten und gefällte Stämme für ihn schleppten. Dann hatte er beobachtet, wie unter den geschickten Händen des Menschen die Hütte Form bekam, eine ganz überraschende Form. Anfangs hatte er nicht begriffen, warum die beiden großen Ochsen so gehorsam waren, statt sich gegen den Menschen zu kehren, ihn auf die langen Hörner zu spießen oder mit den gespaltenen Hufen in den Boden zu trampeln. Bald aber hatte er eine unerklärliche Gewalt in der Stimme des Menschen erkannt, in seiner unbedenklichen Gleichgültigkeit gegen jedes Auge, das ihn aus dem Dunkel des Urwalds anstarren mochte. Es war klar, daß der Mensch sich nicht fürchtete. Er mußte also sehr stark sein. Da begann der Bär, ihn zu fürchten, obwohl er zunächst nicht wußte, wovor er sich eigentlich fürchtete. Höchstens war es das Geheimnisvolle in der menschlichen Stimme, das scheinbar die Ochsen unterwarf und zum Gehorsam zwang.

Als die Hütte gebaut war, geschah etwas Sonderbares. Der Mensch war außer Sicht, über der sonnenbeschienenen Rodung summten Wespen und Fliegen, die roten Ochsen lagen wiederkäuend im Schatten und atmeten tief, ein großer Rehbock trat aus dem Baum und äugte nach der Hütte.