Nachdem er die Lage kurz überprüft hatte, watete der Bär ins Wasser. Er steckte den Kopf unter die Oberfläche, um sich von der Qual brennender Augen und Nüstern zu befreien. Wo er stand, war die Bogan seicht, aber ihr Boden sumpfig, so daß er Gefahr lief, zu versinken. Immer wieder riß er Fuß um Fuß aus dem verderblichen Schlamm – da flog aus der Brandwolke ein lodernder Ast heraus und schlug gegen eine Wildkatze, die nahebei auf einem Ast saß. Die Katze sprang heulend in die Luft und lief Gefahr, in das Wasser zu fallen, das sie haßte; in der Luft gab sie sich einen Ruck, und es gelang ihr, auf dem mächtigen Rücken des Bären zu landen. Ihre Klauen bohrten sich tief ein, mit schmerzlichem Gebrumm versuchte er, sie abzuschütteln. Sie aber, wahnsinnig vor Angst, schien in ihm nichts zu sehen, als einen lebendigen Baumstamm, und immer fester hielt sie sich, bohrte sie ihre Klauen in sein Fell. Zu jeder anderen Zeit hätte er sie abgeschüttelt und in Stücke gerissen, aber jetzt konnte er nicht mehr zornig werden. Das Ganze war so unpersönlich, er wußte nur, daß irgend etwas auf seinem Rücken quälte, und daß er es los werden mußte. Er warf sich nieder, überrollte sich im Wasser, und dabei erstickte er die Katze im Schlamm. Als er wieder hoch kam, war die quälende Last verschwunden, aber sein Platz in der Bogan befriedigte ihn nicht mehr. Das Wasser war nicht tief genug, er fühlte sich wie eine Ratte in der Falle. Was er brauchte, war mehr Raum, mehr Luft, mehr Sicht, selbst wenn es nur Schlamm zu sehen gab. Ein paar Rehböcke, die ihn mit ihren großen, sanften, entsetzten Augen kaum sahen, stieß er zur Seite und watete zum Eingang der Bogan. Hier fühlte er den Strudel, der ihn die Wasserfälle hinabzureißen drohte, hier ließ er sich in tieferem Wasser nieder, das seine Schultern überspülte. Eine unbeholfene Elen-Kuh stand nahe bei, zuckte verzweifelnd mit ihren Ohren, starrte nicht in die Flammen, sondern in die verfärbten Wellen und den Schaum der gepeitschten Wasser. Dann kam an seiner Nase vorbei ein großer brauner Otter geschwommen. Er hob Kopf und Schultern über die Wellen wie ein wachsamer Seehund, prüfte die Fälle, und dann stürzte er sich geradewegs, das Haupt furchtlos gehoben, in den Fall. Sicher hatte er sich klar gemacht, daß die kleine Bogan nicht länger Sicherheit bot. Der Bär sah nachdenklich und fast neidisch ihre Flucht, aber ihm fehlte der Mut, sich in die sprudelnden, brüllenden Wellen zu werfen. Bald aber wurde das Gebrüll der Wellen unhörbar im unermeßlich grausamen Aufruhr des Feuers. Flammen sprangen und tosten, es war, als heulten sie, und als hätten selbst die Rauchwolken brüllende Stimmen bekommen. Die Hitze wurde giftig, wurde unerträglich; Funken und Brände fielen so dicht über die Bogan, daß viele Tiere mit plötzlich versengtem Fell wahnsinnig wurden und in den Schmelzofen hineinstürzten, während andere einfach im Wasser niedersanken und sich ertrinken ließen. Die Tiere, die das Wasser kannten, tauchten, so tief sie nur konnten, und erwarteten zitternd ihr Schicksal; nur der weise Fuchs schwamm vorsichtig alle Winkel der Bogan aus und fand endlich eine Höhle unter dem Ufer, deren Eingang von durchweichten Wurzeln geschützt war. In diesem herrlichen, kleinen Versteck saßen zwar schon, eng zusammengedrückt, ein paar Ottern und Moschusratten, aber er drängte sich ohne Förmlichkeit hinein und überließ es den andern, sich unterzubringen. Da die sonst nicht sehr vollkommene Geschichte jenes Waldes zu erzählen weiß, daß er noch in späteren Jahren zwischen den verkohlten Stämmen der Rodung des Menschen auf Hasen und Rebhühner jagte, ist anzunehmen, daß dies Versteck sich als zuverlässig erprobt hat.
Inzwischen verzagte der Bär, als das Schicksal mit Flammen über ihn hereinbrach. In der ganzen Gesellschaft war er außer dem weisen Fuchs das einzige Tier, das klug genug war, die Schrecken dieser Stunde ganz zu überdenken. Für seinen mächtigen Körper war keine Höhle im Wasser groß genug. Er wimmerte erbärmlich und kehrte die Augen sehnsüchtig zu dem wild schäumenden Kanal, durch den jenes andere Tier geflüchtet war. Er wagte sich nicht auf diesen Pfad, der ihm sicherer Tod schien. Zwischen zwei Mauern aus Rauch und Flammen war dies stürzende Wasser nur noch eine siedende Straße ins Verderben.
Aber auch die Bogan selbst wurde ein Ort der Schrecken. Was von kleineren Tieren noch lebte, bedeckte wie ein Teppich ihre Oberfläche. Eine oder zwei Wildkatzen, unzählbare Eichhörnchen, Wiesel, Marder, Murmeltiere, Mäuse, Waschbären und selbst ein paar Hasen, die in dieser Stunde letzter Verzweiflung gelernt hatten, zu schwimmen – alles andere war tot. In dem Tollhaus-Gedränge, das jetzt in der Mitte des Teiches wütete, waren selbst ein paar Rehe untergegangen. Der Bär und das schwerblütige stoische Elen hielten sich in all dem vernichtenden Trubel noch aufrecht; sie lagen im Wasser und hoben von Zeit zu Zeit die Mäuler, ihre Lungen mit der brausenden und giftigen Luft zu füllen.
Als er durch Zufall seine verzweifelten Augen stromaufwärts wandte, sah der Bär plötzlich eine wilde Gestalt durch Gischt und Rauch auf sich niederkommen. Sogleich erkannte er sie. Es war der Mensch, der im Heck seines leichten Kanoes ausgestreckt lag und es mit wuchtigen Paddeln zwischen Felsen und Sturzseen hindurchsteuerte. Er hatte sich das Ende einer Decke um den Kopf geschlungen. Ein Zipfel davon, der hinter ihm in der Luft wehte, glimmte und rauchte. Er lenkte sein Kanoe in die Bogan, und beinahe wäre er gekentert, als er heftig gegen den untergetauchten Rücken eines der Elentiere rannte. Auf Armlänge von dem Baren glückte es ihm, das Boot zum Halten zu bringen, und jetzt sah der Bär, daß sein Aussehen sich seltsam verändert hatte. Seine großen, sehnigen Hände, sein mutiges Gesicht waren schwarz und ausgedörrt. Die Augen starrten furchtlos aus kahlen Höhlen, Augenbrauen und Wimpern waren abgesengt. Trotzdem sah der Bär in seinem Kommen einen Schimmer von Rettung. Er fühlte: hier ist ein gewaltiger Geist, den selbst die Dämone des Feuers nicht überwältigen werden! Heulend näherte er sich dem Kanoe, in seinem Herzen wuchs eine Hoffnung. Der Mensch bemerkte ihn und erkannte selbst in diesem verzweifelten Moment, mit entstelltem Lachen, den Feind, der seinen Listen so oft entgangen war.
»Diesmal hat's uns beide im Genick, alter Kerl!« brummte er, während er sich die Decke vom Kopf riß und sie rasch über die Wand des Bootes ins Wasser tauchte. Dann schlang er sie, noch triefend, wieder um Kopf und Schultern, nahm eine Sonde zwischen die Zähne, um die Rauchwolken durch diesen Filter zu atmen. Gleich darauf stürzte er sich wieder in die Wirbel, und in Rauchschwaden eingehüllt, brauste er hinein in den heulenden Wasserfall. Einen Augenblick zögerte der Bär, winselte wie ein junger Hund, und dann stürzte er sich nach.
Tatsächlich war der Bär ein besserer Schwimmer als er selbst geglaubt hatte. Nach den ersten Sekunden hilfloser Verzagtheit im Toben und Rasen der Strudel fand er die Kraft, seinen Kopf wieder über Wasser zu halten und mehr oder weniger seinen Weg zu bestimmen.
Anfangs mißverstand er die Anzeichen der Strudel und steuerte sich schlecht. Aber nachdem er atemlos seinen Weg durch eine Reihe wahnsinniger Stürze hindurch gekämpft hatte, sah er vor sich, ein wenig rechts, etwas wie einen sanfteren Durchlaß durch eine Schranke von Brechern. Dorthin strebte er mit aller Kraft, während er flußabwärts gewirbelt wurde, und erreichte sein Ziel. Seine Füße schleiften am Boden hin, krampfhaft versuchte er, sich mit den Klauen zu halten, aber er wurde fortgerissen, und vom Rand einer spitz auslaufenden Felsnase stürzte er mitten hinein in einen gischtenden Kessel.
Glücklicherweise war der Kessel so tief, daß die Wucht seines Sturzes den Bären nicht zerschmettern konnte. Er kreiste in einem Strudel, bis Atem und Ueberlegung ihm wieder kamen. Dann entrann er seitwärts und geriet wieder in den tosenden Strom. Aber von jetzt ab verstand er es, die heimtückischen sanften Strecken zu meiden, hielt sich in den wirbelnden, heftig schäumenden Kanälen, die ihm genügende Wassertiefe und einen klaren Weg boten.
Der Mensch, der mit seinem starken Ruder steuern und die Fahrt beschleunigen konnte, war jetzt außer Sicht. Aber der Bär schwamm vertrauensvoll in seinen Spuren. Beide Ufer des Flusses waren jetzt eine einzige tobende Feuersbrunst, ein Chaos, eine schwarze Rauchwolke, von roten und gelben Flammen zerrissen. Riesige Stämme bebten minutenlang darüber, dann schwankten und fielen sie, und das Schmettern ihres Falles blieb in all dem Toben ungehört. Maul und Nüstern des Bären brannten wie das Feuer selbst, wenn er seinen triefenden Kopf hob und die glühende Luft atmete. Aber sein Vertrauen in die Führung des Menschen war so groß, daß er nicht mehr verzweifelte.
Der Hauptarm des Südfork mündete endlich in einer gewaltigen Mulde, in die er mit einem Donnern hineinschoß, das selbst im Brausen der Flammen zu hören war. Hier kämpfte der Bär, um ans Ufer zu kommen, aber es war zu spät. Unwiderstehlich packte ihn der Strom, einen Augenblick später war er wieder im Wirbel. Die Strudel überrollten ihn, tauchten ihn unter, dumpfes Dröhnen füllte seine Ohren, seine Lungen waren am Bersten. Dann plötzlich wurde er wieder in die Luft geworfen, fast erstickt fühlte er unter seinen Füßen glatte, wegsame Steine! Im nächsten Augenblick griffen seine Klauen in Holz, sie krallten sich ein wie Zangen und hielten fest! Gleich darauf zog er sich aus dem Strom und kämpfte mit aller Kraft zu ein paar Baumstämmen hin, die abgetrieben und zwischen Felsen eingeklemmt waren. Gerade vor sich sah er zu seinem Erstaunen den Menschen klettern, der, den Körper noch unter Wasser, in einem Felsspalt steckte. Nur seine Augen hielt er frei, der ganze Kopf war in die triefende Decke eingeschlagen, das Kanoe nirgends zu sehen. Mit stieren Augen erkannte der Mensch das schlammbedeckte, keuchende Tier und schob sich in den Stämmen vorwärts, ihm Platz zu machen.