»Wie geht's, Geselle?« rief er. »Mach' dir's bequem hier! Du und ich, wir sind wohl die Einzigen, die noch leben hier herum!«
Der Bär schrak ängstlich zurück, betroffen von dem matten Klang dieser Worte oder von den Augen des Menschen, die auf ihm lagen. Aber da er an seinen Hinterbeinen noch den reißenden Strudel fühlte, drang er weiter vor und kroch in Sicherheit, kaum einen Arm weit ab von dem Mann.
Einstweilen waren die beiden Flüchtlinge sicher. Sie hatten Wasser genug, sich damit zu bedecken, und ein paar Felswände über ihren Gesichtern schützten sie vor gelegentlich vorzischenden Flammen, die über die Fläche des Stroms hinleckten. Nun konnten sie nichts mehr tun, als warten.
Den ganzen Tag und die ganze Nacht (obwohl sie nicht wußten, wann Tag und Nacht miteinander wechselten) lagen Mensch und Tier so nebeneinander und klammerten sich ans Leben, während rings um sie und über sie fort das Feuer raste. Dann begann es abzusterben, glühende Baumstümpfe und Stämme blieben zurück, ihr Rauch schwelte am Ufer, hier und da zischte noch eine Flamme auf. Die Luft war jetzt so kühl, daß man ohne Qual atmen konnte. Und ein verzweifelt grauer Wolkenhimmel blickte auf das Bild der Zerstörung herab.
Der Mann stand auf, reckte seine steifen Glieder, wrang das Wasser aus seinen Kleidern und dann – so rasch wechseln unsere Bedürfnisse! – setzte er sich an die nächste Glut, um seinen Körper zu wärmen. Der Bär beobachtete ihn ängstlich, aber er wagte sich nicht näher. Wie ein Hund folgte er den Bewegungen des Menschen. Für den Augenblick hatte er allen eigenen Willen verloren.
Der Mensch erkannte jetzt klar: für die nächsten Tage gab es keine Flucht von diesen glühenden Gestaden, wenn nicht ein Wolkenbruch kam und die schwelenden Torflager löschte. Aber zwischen seinem Zufluchtswinkel und dem Ufer, ein kleines Stück stromabwärts, bemerkte er eine Landzunge aus Sand und Geröll, an der ein paar Holzblöcke gestrandet waren. Sie lag unter dem sprühenden Schaum der Wasserfälle so geschützt, daß die Hitze wohl ein paar Büsche angesengt, aber nicht vermocht hatte, sie zu verbrennen. Diese langgestreckte Kiesfläche schien dem Menschen ein Weg zur Rettung, er mußte sie erreichen. Aber der tiefe Wirbelstrom würde ihn, obgleich er ein tüchtiger Schwimmer war, wie einen Strohhalm vorbeiwirbeln. Wenn der Bär es nur zuerst versuchen wollte! Gleich darauf aber fiel ihm ein, daß selbst dieser Versuch ihm nichts nützen würde, denn der Bär war imstande, sich in einer Strömung zu behaupten, in der er selbst unterging wie eine junge Katze. Trotzdem sah er den Bären auffordernd an und rief ihm über die tosenden Wellen zu:
»Versuch du's, Kamerad! Hier können wir noch lange hängen.«
Der Bär glaubte, er würde irgend eines Verbrechens angeklagt, und zog sich ängstlich in einen Winkel zurück. Da er nichts tun konnte, als sich dem Schicksal zu stellen, verlor der Mensch jetzt keine Zeit mehr. Durch Warten konnte er weder Kraft noch einen neuen Entschluß gewinnen. Indem er sich sorgfältig auf der schmalen Brücke zwischen den beiden Kanälen hielt, nutzte er alles aus, was sein tolles Wagnis erleichtern könnte. Als er dem reißenden Strom nicht länger widerstehen konnte, warf er sich so weit hinaus wie möglich und schwamm verzweifelt darauf los, hoffnungslos und doch hoffend, er würde die Landzunge erreichen, ehe der Fluß ihn vorbeigetrieben hätte. Im nächsten Augenblick freilich erkannte er, daß alles umsonst war. In diesem Wirbel war er nicht mehr als ein treibendes Blatt.
Der Bär hatte jede seiner Bewegungen verfolgt. Was das Manöver bedeutete, ahnte er nicht, aber er glaubte, daß der Mensch auf diesem Wege den Rettungswinkel nicht verlassen könnte. Als er dann sah, wie der sich mitten in den Fluß hineinwarf, den Kopf zum Ufer gewandt, fühlte er sich ganz verlassen. Mit einem wimmernden Schrei stürzte auch er in den Strom. Den Menschen aus den Augen zu lassen, wagte er nicht mehr. Dann würde das Feuer zurückkehren und ihn vernichten!