Es war im ersten, trunkenen Sturm des arktischen Frühlings. Wie durchzuckt von der Wärme langer Tage, die voll Sonne waren, brach zu Füßen der südwärts gewandten Gletschermauern strahlendes Grün und blühendes Leben aus dem dünnen Erdreich, das ewiges Eis umschloß. Bäche erwachten in sonnenbeschienenen Tälern, an ihren Ufern sproßte das Gras, öffneten sich wie in leidenschaftlicher Eile sternengleich Blumen, weiße, gelbe und blaue. Die kleinen nordischen Schmetterlinge kamen in Schwärmen, mit ihnen wespenschlanke Bienen und unzählbare Arten von Käfern, als hätten die plötzlich erwachten Blüten sie, in ihrer Sehnsucht befruchtet zu werden, aus dem Schlaf gerufen. Ueber ihren schmutzigen Nestern, in unzugänglichen Klippen, schrien die Möwen, oder sie füllten die Luft mit dem Leuchten ihres Gefieders, wenn sie über das graugrüne ruhige Meer hinschwärmten. Für einen Augenblick versuchte die nordische Welt alle Qualen des Winters zu vergessen, seine mitleidlose Wildheit, seine tätliche Kälte und sein Dunkel.

Die plumpen, großen, grunzenden Walrosse fühlten ihn auch und begrüßten ihn, den Glanz des arktischen Frühlings in ihren Einsamkeiten. In den Klippen einer Felsinsel, ganz nahe dem Wasser, sonnte sich eine kleine Herde. Es waren zwei alte Bullen und vier Kühe mit ihren krabbelnden, klumpigen Kälbern. Alle hatten sie sich gern, sie lagen da Kopf an Kopf, die Vorderflossen zärtlich über des Andern formlosen Leib gelegt, und in allen Tönen des Behagens grunzten, stöhnten, brummten sie, während die helle Sonne ihre dicken Häute kitzelte. Alle fühlten sie sich unter diesem Himmel frei von Sorgen, bis auf einen einzigen alten Bullen. Er war auf Wache, streckte seinen mächtigen Kopf mit Hauern und Schnurrbart hoch über die schweigenden Gefährten hin, hielt Augen, Ohren und Nase bereit, um eine nahende Gefahr zu wittern.

Eins der formlosen, unbeholfenen Kälber lag mit seiner Mutter in einer Vertiefung des Felsens, vielleicht zwanzig Fuß weit fort von der Brandung – in einem sicheren Winkel, den kein Wind aus Nord oder Ost berühren konnte. Die übrige Herde war dem Meer so nahe, daß von Zeit zu Zeit eine breite, bleigrüne Welle aussprang und sie überspülte. Die Jungen zeigten Lust, aufzuspringen und sich diesen plötzlichen Duschen zu entziehen. Aber ihre Mütter waren streng genug, um sie nahe dem Wasser zu halten.

Jetzt wurde die kleine Gruppe durch ein Haupt vermehrt. Ein anderer alter Bulle, der auf dem Boden des Meeres fouragiert hatte, indem er mit seinen Hauern Muscheln, Seesterne und Austern aufgrub und sie in der massiven Mühle seiner Kinnbacken klein schrotete, hob plötzlich sein wildes Haupt an die Oberfläche. Trotz seines mächtigen Körpers bewegte er sich im Wasser fast so schnell und graziös wie ein Seehund. In einer Sekunde war er an der Klippe. Dort stemmte er seine ungeheuren Hauer ein, zog sich mit der Kraft seines breiten Rückens empor, stützte sich auf eine breite Vorderflosse und hob sich aus dem Wasser. Dann warf er sich laut grunzend vor Zufriedenheit unter seine Kameraden.

Es bildete keine sehr liebliche Gesellschaft, dies ungeschlachte Seevieh, das muß zugegeben werden. Die Ausgewachsenen waren zehn bis elf Fuß lang, rund und ausgebaucht wie Bierfässer. Der Schmuck eines Schwanzes ging ihnen ab, ihre Farbe war ein schmutziges Gelbbraun. In dünnen Büscheln war ihre Haut mit widerspenstigen Borsten bewachsen, und das gab ihnen etwas Ungepflegtes, als wären sie von Mäusen befressen. Lächerlich krumm waren ihre kurzen, aber stark entwickelten Flossenfüße. Der obere Teil ihres Schädels war flach, schmal und ohne Ohren, die Schnauze dagegen ungeheuer entwickelt, denn sie mußte die massiven, abwärts wachsenden Hauer tragen, von denen jede ihre zwölf bis fünfzehn Fuß lang war. Die tolle Vergrößerung des Oberkiefers wurde auch noch betont durch den Schmuck langer, steifer Schnurrbärte, die ihrem Träger den Ausdruck borstiger Reizbarkeit gaben. Die wackligen Gestalten der Kälber machten denselben Eindruck wie die der Eltern, aber ihr sauberes, junges Fell war noch nicht so faltig, auch durch Beulen und Schrammen noch nicht entstellt, natürlich hatten sie keine Hauer, aber in Erwartung dieser Waffe war ihre Schnauze schon überstark und gab ihnen einen Ausdruck von Roheit, dem die Sanftheit ihrer Babyaugen lächerlich widersprach. Sie rollten und schmiegten sich gegen die berghaften Flanken ihrer Mutter, deren wachsame Hingabe sie empfanden.

Das Kalb, das von der Herde am weitesten getrennt landeinwärts lag, hatte Schmerzen und wimmerte. Am Morgen hatte es vom Horn eines vorbeiziehenden Narwals einen bösen Stich in die Schulter bekommen, und die ängstliche Mutter versuchte es zu trösten, preßte es derb aber zärtlich an ihre Seite und lockte es, zu säugen. Die ganze Herde schien in diesem Augenblick mit dem Leben so über alle Begriffe einverstanden. Aber die besorgte Mutter war mit den Klagen ihres Jungen zu sehr beschäftigt, um auch nur zu fühlen, wie zärtlich die Frühlingssonne schien.

Noch eine andere Mutter, nicht fern von dieser, war trotz des Frühlings unglücklich. Auf dem Festland, das hinter der Insel lag, kam ein magerer weißer Bär mit seinem Jungen zum Ufer gewandert. Die enge Bucht zwischen Insel und Festland war voll großer Eisschollen, die der Strudel der letzten Flut hineingetragen hatte. Von diesen wellenzerfressenen und verschlammten Blöcken waren viele am Ufer zurückgeblieben, die jetzt im Strahl der Sonne zerschmolzen und manchmal mit gläsernem Klirren auseinander fielen. In der Hoffnung, einen toten Fisch oder irgend einen anderen genießbaren Abfall der See zu finden, schnüffelte die brave Mutter zwischen diesen Trümmern hin und her. Schon lange war ihre Jagd schlecht gegangen, die Lachsschwärme hatten ihr Erscheinen an der Küste unerklärlich verspätet, und jetzt rumorte der Hunger in ihren Eingeweiden. Freilich füllte sie sich den Magen, wie es eben ging, mit den jungen Trieben der Binsen und anderem Grünzeug, aber das war nicht die Kost, für die Mutter Natur sie nun einmal gebaut hatte. In Ermangelung richtiger Nahrung preßte sie ihr lebendiges Leben selbst in die Brüste, um den Kleinen zu stillen. Aber auch er litt, denn der Vorrat an Muttermilch war erbärmlich gering. Gerade jetzt, als die alte Bärin still stand, um einen Haufen Seetang zu durchschnüffeln, kroch der Kleine unter ihren Leib, um zu säugen. Er wimmerte vor Enttäuschung, so dünn war der Strahl ihrer Milch. Sie drehte den Kopf, um ihn zärtlich zu lecken, und ihre stolzen Augen schimmerten in Traurigkeit.

Da sich unter den angeschwemmten Eisschollen nichts fand, was ein Bär genießen konnte, wandte sie sich verzweifelt dem Wasser zu, als sie plötzlich eine seltsame Witterung von der See her fing. Die kam direkt von der Insel, war Walroß-Witterung! Sie hob die lange Schnauze mit der schwarzen Spitze und sicherte, dann stand sie unbeweglich wie ein Eisklotz und suchte prüfend die Insel ab. Das Junge stand ebenso bewegungslos, entweder ahmte es die Mutter nach, oder es gehorchte einem wohlverstandenen Zeichen. Sich still zu verhalten, gehört zum Ersten, was jede kleine Kreatur der Wildnis zu lernen hat.

Kein Walroß war zu sehen, aber die Nase der Bärin konnte sich nicht getäuscht haben. Daß die plumpen Seetiere da waren, auf der andern Seite der Insel wahrscheinlich, war sicher; sie sonnten sich wohl und genossen den herrlichen Tag. Walrosse waren eigentlich nicht das Wild, das die Bärin gewählt hätte. Die großen Bullen waren mutig und hitzköpfig, die mächtigen Kühe furchtlos in der Verteidigung ihrer Jungen wie sie selbst – sie waren Gegner, die man, wenn irgend möglich, vermied. Aber gerade jetzt hatte sie keine Wahl. Ihr Junges hungerte! Nichts auf der Welt schien ihr so wichtig, wie dies kleine unruhige Bärlein mit seinen Schalksaugen.

Mit dem Jungen eng an ihren Fersen, stahl sie sich nun, durch die Eisschollen gegen jede Sicht geschützt, in die zurückebbende Flut hinein. Die Bucht war so voll von Treibeis, daß sie für ihr Junges fürchtete, aber zurücklassen konnte sie es nicht. So nahm sie es beim Schwimmen eng an ihre Seite. Es war ein guter Schwimmer, der furchtlos tauchte, wenn sie es tat, der mit seiner kleinen, schwarzen Nase die grau-grünen Wellen tapfer und schnell durchschnitt. Es tat ihr alles nach, war wachsam, schnell und vorsichtig wie sie, denn es wußte, daß diese Jagd auf großes Wild ging.