Die Insel war der Ausläufer einer Berghöhe und fiel in steilen Hängen zum Meer. Die weiße Bärin war viel zu klug, um die Höhe zu erklettern und dann über die Walrosse herzufallen. Sie wußte gut, daß die Herde gegen jede Annäherung von der Landseite her auf ihrer Hut war. Von dorther kam ja alles, was sie fürchteten. Als sie das Gestade erreicht hatte, schwamm sie deshalb unter Wasser bis zum äußersten Vorsprung. Dort erst ging sie, durch eine Scholle gedeckt, an Land und preßte sich dabei so eng an den Felsen, daß sie selbst ein Stück davon schien. Jede Bewegung machte das Junge eifrig nach. Aber als sie sich auf den Hintertatzen hob und den schmalen Kopf in einen Riß der Scholle legte, um hinüberzuäugen, hielt es sich im Hintergrund und wartete auf sie, den Kopf ängstlich zur Seite gedreht.

Die Walrosse waren nicht fünfzig Fuß weit weg in guter Sicht. Bei aller Hungerqual übereilte die Bärenmutter sich nicht, sondern blieb minutenlang auf der Lauer, prüfte die Zugänge zum Walroß-Lager, während eine leichte Brise ihr die angenehmste Witterung in die Nüstern trug. Sie sah, daß an die Herde selbst nicht heranzukommen war, denn die lag wohlgeschützt und nahe dem Wasser. Wenn sie einen Ueberfall versuchte, würden alle beim ersten Alarm entweichen; versuchte sie aber, eins der Jungen im Wasser zu greifen, dann wäre sie im Augenblick überwältigt, gespießt von den mächtigen Hauern, auf den Meeresboden gezerrt, ersäuft und zerrissen worden. Mit glühenden Augen aber beobachtete sie die Kuh und das Kalb, die höher am Abhang lagen. Da war eine Aussicht, voll von Gefahr, aber es war eine Aussicht! Sie ließ sich auf alle Viere fallen, machte sich flach und begann, zwischen den Felsen in die Höhe zu kriechen, jeden Hügel, jeden Vorsprung als Deckung nützend. Das Junge folgte ihr noch immer.

Es war wunderbar, wie klein sich das gewaltige weiße Tier machte, während es langsam seine Beute beschlich, seine Bewegungen waren geräuschlos wie die einer Katze. Das war auch nötig, denn das Walroß hat scharfe Ohren, und in der Luft war kein Hauch als das tiefe Atmen und Grunzen der Herde, das gelegentliche Klirren und Klingen von brechendem Eis.

Nicht mehr als zwanzig Schritt vor ihrer Beute hielt die alte Bärin und warf ihrem Jungen einen kurzen, strengen Blick zu. Sofort stand es auch und verkroch sich dann behutsam hinter einen Felsen. Nun schlich die Mutter allein weiter. Sie wußte, daß ihr Kleines flink genug war, um dem Ansturm eines Walrosses auszuweichen, aber sie wollte es keiner Gefahr aussetzen.

Plötzlich hob die Walroßmutter den Kopf und spähte um sich, als ahnte sie eine Gefahr. Es war nichts Drohendes zu sehen, aber sie war unruhig geworden. Sie neigte den Kopf zu ihrem Kalb und fing an, es den Hang hinunter zu der übrigen Herde zu wälzen.

Wie aus den nackten Felsen gezaubert, erhob sich da, nicht zwölf Fuß weit vor ihr, eine riesige, weiße und furchtbare Gestalt. Der alte Bulle auf Posten ließ seinen Warnungsruf hören. Aber in dem Augenblick schon fiel die weiße Masse über das kranke Kalb her, hob die Tatze und zerschmetterte ihm das Genick, ehe es noch wußte, wie ihm geschah.

Mit Geheul richtete die Walroßmutter sich auf, warf die Wucht ihres Körpers gegen den Feind. Ihr Angriff war schnell, erstaunlich schnell, aber die weiße Bärin war schneller. Fast im selben Augenblick, in dem sie den tödlichen Schlag geführt hatte, schob sie mit verblüffender Kraft und Sicherheit ihre tote Beute zur Seite, ein paar Fuß tief den Abhang hinunter. Zugleich spannte sie ihren langen Rücken wie einen Bogen, und so gelang es ihr, den Ansturm der Walroßmutter halb zu parieren, der andernfalls ihr Ende bedeutet hätte. Immerhin trug sie auf der einen Hüfte eine schwere Wunde von ihren furchtbaren Hauern davon, die wie Rammklötze niederfuhren, und auf ihrem weißen Fell zeichnete sich eine breite, blutige Spur. Im nächsten Augenblick hatte sie ihren Raub vor dem zweiten Angriff der Mutter in Sicherheit gebracht.

Das Walroß-Lager war jetzt in Aufruhr! Die anderen Kühe hatten ihre erregten Jungen sofort in die See gerollt und stürzten sich ihnen mit gewaltigem Plätschern nach. Die drei Bullen kletterten mit furchtbarem Grunzen, in großen ungeschickten Sätzen die Höhe hinauf, voll Eifer, in den Kampf zu kommen. Die beraubte Mutter stöhnte und keuchte in vergeblichen Anstrengungen, die Mörderin ihres Jungen zu erreichen. Doch zeigte sie sich immerhin so gewandt, daß die Bärin genug zu tun hatte, ihr zu entgehen, während sie ihre Beute den Hügel hinauf halb schleppte, halb trug.

Auf einmal blieb das tote Kalb in einer Spalte hängen, und die Bärin mußte eine Pause machen, es freizubekommen. Das dauerte nur einen Augenblick, aber es fehlte nicht viel, dann wäre dieser Augenblick ihr letzter gewesen. Die ungefüge Gestalt der Kuh war ihr im Rücken, sie fühlte es mehr, als sie es sah. Wie eine plötzlich freigegebene Sprungfeder schnellte die Bärin zur Seite, und die beiden Hauern fuhren nieder, gerade da, wo sie gestanden hatte, mit der Wucht einer ganzen Tonne von Knochen und Muskeln, deren Waffe sie waren.

Die verzweifelte Kuh richtete sich blitzschnell auf, um ihre Vorteile auszunutzen. Aber diesmal kam sie schlecht an. Ihre viel intelligentere Feindin hatte sie umgangen und fuhr jetzt mit wütenden Zähnen von hinten in ihren Nacken. Aus dem Gleichgewicht geworfen, rollte die Kuh felsabwärts und überschlug sich, ehe sie wieder zum Stehen kam. Die drei Bullen hielten mitten in ihrem atemlosen Ansturm inne, um zu sehen, was geschehen war. Und in diesem Augenblick gelang es der Bärin, ihre Beute auf ein Riff zu schleppen, das die Walrosse unmöglich erklettern konnten. Ein paar Fuß höher, und sie hatte eine geräumige Plattform erreicht, von der sie zwanzig Fuß hoch auf die wütenden Walrosse hinab sah. Wenige Sekunden später traf auch das Junge auf ihren Ruf bei ihr ein. In sicherem Abstand vom Feind war es leichtfüßig über die Felsen geklettert.