Als die drei Bullen erkannten, daß die Mörderin sich ihrer Rache ganz entzogen hatte, kehrten sie um, wälzten sich grunzend und zankend ins Meer zurück. Die Mutter aber, in Gram und Zorn untröstlich, blieb! Richtete sich an der Felswand auf, klammerte sich mit ihren großen Flossen machtlos daran fest, schlug ihre Hauer gegen den Stein, als sollte er unter ihren Hieben zerbrechen. Wieder und wieder fiel sie zurück, um ihre nutzlosen und dennoch erhabenen Anstrengungen zu wiederholen, sobald sie nur wieder Atem in der Brust fühlte. Die alte Bärin aber sah, ihr Junges stillend, gelassen auf dies Schauspiel herab.
Langsam kam die unglückliche Kuh dann zur Besinnung, kehrte um und kroch schwerfällig, mit müden, ruckartigen Bewegungen den Felsen hinab. Sie stürzte sich ins Meer, hoch auf schlugen die Wasser, und dann schwamm sie davon, eine Meile weit draußen zu ihrer Herde zu stoßen.
Ein bedrängter Hausvater
Im vergangenen Jahre war der Seehundbulle verspätet nach Norden gekommen und hatte trotz seines Grimms und seiner Rauflust, was Wohnung und Weiblichkeit betraf, schlecht abgeschnitten. Mit einem recht mittelmäßigen und ganz nackten Felsstück, weit fort vom Wasser, hatte er sich zufrieden geben müssen, dazu mit einem armseligen Bestand von drei sanftäugigen, aber mehr oder weniger mitgenommenen kleinen Damen. Diese drei, die er in wildem Kampf von zwei benachbarten Bullen eroberte, hatten bei der Auseinandersetzung über ihre unterwürfigen Reize manche Mißhandlung erlitten, und ihre sonst glatten Pelze waren danach so zerrissen und zerschlissen, daß der bedenkenfreieste Pelzhändler erschrocken wäre.
In Erinnerung an den Preis, den er für seine Verspätung bezahlt hatte, wurde unser Seehundbulle in diesem Jahre schon frühzeitig erregt, tobte in der purpurnen See und hielt sein Antlitz nordwärts gewendet. Längs der steilen, umbrandeten Küsten von Kalifornien und Oregon, durch die wilden Brecher des Pazific schwamm er nun zielbewußt, manchmal gradenwegs wie ein Fisch, dann in schönen Bogen, die er mit gewaltiger Schnelligkeit und biegsamem, öligem Gleiten beschrieb, als hätte er aus seinem ganzen schweren Körper eine mächtige Schraube gemacht, die ihn durch die Flut trieb. Während des größten Teils seiner leidenschaftlichen Reise schwamm er unter Wasser und hob nur von Zeit zu Zeit seine schnurrbärtige Schnauze in die Luft, um zu atmen. In jenen belebten Meeren gab es soviel Fische, daß selbst er seinen nie ruhenden Hunger mühelos sättigen konnte. Von Zeit zu Zeit unterbrachen sie dennoch ihre Fahrt, er und seine Gefährten, – denn er war auf dieser Nordlandreise in Gesellschaft anderer gereifter Bullen –, um ein paar Stunden ihrer kostbaren Zeit mit tollen, fast kindlichen Spielen im Schein der verführerischen Frühlingssonne zu verbringen. Es war, als hätten sie für den Augenblick vergessen, wie eilig ihre Reise war, und als ob eine Welle von Leichtsinn sie mit sich risse.
Eigentlich war diese Auswanderung fast ohne Gefahr für die Vorhut des Seehundvolkes. Alles Bullen, ausgewachsene Bullen, stark und gewandt, mit Körpern von mindestens sechs Fuß Länge, die aus Sehnen und gestählten Muskeln bestanden, gab es selbst in diesen gefährlichen Wassern wenig Feinde, die sie zu fürchten hätten. Wenn sie nicht gar zu unachtsam waren, würde kein Hai ihnen nahe kommen, denn mit ihrer überlegenen Geschwindigkeit und ihrer wunderbar entwickelten Tauchkunst konnten die großen Robben dem plumpen Hai recht unangenehme Ueberraschungen bereiten. Sie fürchteten höchstens den blitzschnellen, erbarmungslosen »Mörder«, den Schwertfisch, der ohne Anzeichen plötzlich aus den Tiefen emporstoßen konnte. Auch waren sie immer auf der Wache gegen die schwarz-weiße Schreckensgestalt der furchtbaren Orca, die man auch den Mord-Wal nennt. Die schlimmsten Feinde der nordwärts wandernden Seehunde aber – jene skrupellosen Räuber von menschlichen Wilddieben – ließen unsere Bullen und seine Kameraden friedlich ziehen, denn ihr grobes und narbiges Fell war für die Pelzhändler wertlos. Diese Verbrecher warteten lieber auf die glatten jungen Kühe und die zweijährigen, oder höchstens dreijährigen Bullen mit ihrem feinen Pelz, die »Jungburschen«, wie sie von den Pelzjägern genannt werden.
Aber obwohl kein Wilddieb ihm die Reise störte, hatte der große Seehund eine furchtbare Angst zu überstehen, ehe er die lange Strecke der britisch-columbischen Küste hinter sich hatte. Von den Königin-Charlotte-Inseln kam ein kanadischer Regierungskutter, klein, aber geschäftig und gierig wie ein Terrier, der Ratten jagt, mitten in die Herde gedampft. Der große Bulle tauchte tief in den dunkelgrünen Glimmer der See, tief erschreckt durch den feindseligen, schwarzen Kasten und die grausam schäumende Schraube, während die übrige Herde sich in panischer Angst zerstreute. Aber inzwischen hatte der kanadische Kommandeur schon festgestellt, daß er bloß die Vorhut von alten Bullen vor sich hatte, und daß er seine Beute, nämlich die Pelzwilddiebe, weiter südlich zu suchen hätte.
Nach diesem Abenteuer hielt der große Seehund westwärts und folgte dem kühn geschwungenen Bogen der Küste von Alaska. In steigender Hast hatte er sich an die Spitze der Vorhut gesetzt und so umschwamm er den Zipfel von Alaska, passierte die Kette der alëutischen Inseln, dort, wo sie sich wie die Steine einer Furth zum Nachbar-Kontinent hinüberstrecken, und kam an die seichte Flut des Behring-Meeres. Bis hierher war die Reise fast ohne Ereignisse gewesen. Aber gerade hier hatte er ein Abenteuer zu bestehen, das seine Laufbahn beinahe zu einem plötzlichen und wenig rühmlichen Ende geführt hätte.