In der Mündung eines reißenden Polarflusses stieß er auf einen mächtigen Schwarm von Lachsen, die zu ihren Laichplätzen schwammen. Das war eine jener Gelegenheiten, bei denen die sonst so selbstbeherrschten Seehunde den Kopf verlieren. Die ganze Herde wurde wild. Es war das große Lachsfest. Durch den eng gedrängten Schwarm jagten ihre großen, schwarzen, sehnigen Körper, bissen und töteten in einer Art von Delirium zehnmal mehr Fische, als sie vertilgen konnten, bis auf der trüben, grauen Flut große, blutrote Flecke standen. Manchmal warf sich ein schmaler, schwarzer Kopf, der einen stattlichen Schnurrbart trug und auf einem massiven Genick von ungeheurer Kraft saß, hoch über die sprudelnden Wasser und biß in einen fetten, zuckenden Fisch, den er im Maul trug; als wäre ein toller Zerstörungswahnsinn ausgebrochen, zerbissen die Seehunde den schimmernden Lachs in zwei Stücke, schluckten ein Maul voll und ließen die blutigen Reste ins Wasser zurückfallen. Und schon stürzten die tobenden Fischer sich auf neue Beute. Für den Lachs war dies eine böse Stunde. Denn schon pürschten sich vom nahen Ufer ein paar gemächliche weiße Bären heran, die sich in den Schwarm warfen und reiche Beute machten, die sie aber ans Ufer trugen, um sie dort in Ruhe zu verzehren. Das Lachsvolk aber, das unter der Gewalt eines unerträglichen Triebes stand, wich nicht aus und hielt nicht an, und ihre Anzahl war so unermeßlich, daß Seehund und Bär zusammen kaum fühlbaren Schaden anrichten konnten.

Im Ueberschwang seines Jagdeifers passierte es dem großen Bullen, daß er die Ruhe eines nicht allzu friedlich blickenden fremdartigen See-Bewohners störte, der sich zufällig auf dem schlammigen Meeresboden von einer Seite auf die andere wälzte. Das Tier trug eine blasse Leichenfarbe, war etwa zwölf Fuß lang und erweckte den Eindruck, als entstammte es der Mesalliance eines Einhorns mit einem Tümmlerwal. Aus der Mitte seines ungeheuren, stumpfen Maules ragte, wohl sechs Fuß lang, ein massiver, scharf zugespitzter, seltsam geschwungener Hauer aus hartem Elfenbein. Seine kleinen, kalten Schweinsaugen betrachteten die Legionen von Lachsen, die über ihm hinzogen, ohne Teilnahme, vielleicht, weil einstweilen sein Riesenappetit auf Lachs befriedigt war.

An jener Stelle war das Wasser der Mündung nicht mehr als zehn oder zwölf Fuß tief. Da geschah es, daß der große Seehund bei seinem besinnungslosen Tauchen das See-Einhorn mit seiner Hinterflosse gewaltig über die Schnauze schlug. Vielleicht litt das Einhorn gerade in diesem Moment an Verdauungsstörungen. Jedenfalls war sein Zorn sehr leicht gereizt. Mit jäher Wut stieß es in die Höhe. Der Seehund sah gerade mit einem Blick den blassen Koloß in die Höhe schnellen, obwohl das schäumende Wasser fast undurchsichtig war. Geschmeidig wie ein Aal wich er zur Seite, gerade noch zur rechten Zeit. Die starke Elfenbein-Lanze traf nicht in ein Zentrum seines Lebens, aber immerhin riß sie ihm gerade vor der Vorderflosse eine breite, rote Wunde in die Flanke.

In der Wildheit seines Angriffs fuhr das Einhorn nicht nur mit dem Hauer, sondern mit seinem halben Körper aus dem Wasser heraus. Als er wieder untertauchte, griff der gereizte Seehund ihn seinerseits an und schlug ihn gewaltig über das Schweinsauge. Aber dabei stellte er fest, daß sein Angreifer einen Panzer aus Tran trug, der für seine Zähne undurchdringlich war. Und so zog er sich aus dem Gefecht und verlor sich unter den Lachsen, während das Einhorn sich wieder in den Schlamm sinken ließ, um seine unterbrochene Verdauung fortzusetzen.

An einem fast unbewegten Morgen, als die blasse Sonne tief am Horizont hing, erreichte der große Seehund jene seltsame Insel der Pribiliv-Gruppe, die während der ganzen Nordlandsfahrt sein Ziel gewesen war. Die Küste dieser Insel war über alle Beschreibung kahl und elend, aber die Spitze, auf die der Seehund hielt und auf deren Besitz er Anspruch erhob, bot für seinesgleichen gewisse Vorteile. Eine halbe Meile vorgelagert lag eine andere flache Insel, die schmal und lang, als Wellenbrecher gegen die schweren Seen des Ozeans diente. Der Kanal zwischen den beiden Inseln aber war immer voll von Fischen, und rings um den Felsvorsprung, auf dem er Wohnung genommen hatte, war das Wasser klar und tief. Als er landete, war der lange Bogen jener Felsküste sogleich von den Scharen seiner Reisegefährten bestürmt. Durch die Polar-Einsamkeit, die bisher still wie ein Grab gewesen, hallte jetzt ihr scharfes Gebell und grunzendes Schreien, denn wie Wilde stürzten sich die Ankömmlinge über das Felsgestade.

Hier schlug der große Bulle sofort sein Heim auf: die Wolken waren sein Dach, die vier Winde seine Mauern, sein Fundament eine schräg abfallende Klippe, die auch der tollste Polarsturm nicht erschüttern würde. Wie gut er gewählt hatte, sollte er sogleich erproben, denn als er kaum fünf Minuten lang im Besitz seiner Wohnung war, mußte er sie schon verteidigen. Ein anderer Bulle, noch größer als er selbst, mit ergrautem Schnurrbart und mit einer weißen Narbe quer übers Gesicht, warf sich auf die Klippe und fiel in Wut über den Hauseigentümer her. Aus der Selbstverständlichkeit dieses Angriffs ließ sich vielleicht schließen, daß er im vergangenen Jahr der Inhaber der Wohnung gewesen war und berechtigte Ansprüche zu verfechten glaubte. Aber an jenen wilden Gestaden gelten nur solche Rechte, die man sich erkämpft. Mit Gebrüll richtete sich der Hausbesitzer auf, stemmte sich auf seine seltsamen, wackligen Knochen und fiel mit entnervender Wut über den Eindringling her.

Die überhöhte Stellung gab ihm einen gewissen Vorteil. Seine hinteren Flossen, die breit, kurz und stark sind, waren nach vorn gebogen, wie die Hinterbeine eines Land-Vierfüßlers, nicht trostlos nach rückwärts wie die der östlichen Seehunde, sie boten ihm eine sichere Stütze für diesen Angriff. Beim ersten Streich schon verwundete er seinen Gegner unbarmherzig und drängte ihn bis auf den rechten Winkel des Felsens zurück. Der Eindringling jedoch war wuchtig und stark-knochig und wußte sich zu halten. So blieb der Ausgang des Kampfes minutenlang zweifelhaft.

Die einander würdigen Gegner brüllten sich ihre Wut ins Gesicht, während die nächsten Nachbarn in Beifallsbezeugungen ausbrachen. Im schräg auffallenden Strahl der Sonne wiegten sich die beiden Nacken der Duellanten auf und nieder, ihre Köpfe stießen so blitzschnell gegeneinander, daß das Auge kaum folgen konnte, und zielten einander nach der Gurgel und parierten mit weit offenem Rachen die tödlichen Hiebe. Die Ueberlegenheit an Temperament und Jugend, die es dem Hausbesitzer möglich gemacht hatte, als erster der ganzen Herde anzukommen, erwies sich endlich dem schwereren Gewicht überlegen. Der Eindringling bekam einen schweren Stand, und plötzlich, sei es, daß er den Mut verlor, oder daß er durch seine Wunden geschwächt war, wurde er geworfen und taumelte ins Wasser. Auf seine Klippe postiert, noch immer kampflustig den Kopf wiegend, erwartete der Hausherr einen neuen Vorstoß. Aber der Eindringling hatte genug. Noch einmal streckte er den Kopf hoch über die Wellen und blickte seinen Feind an, dann tauchte er unter, schwamm beschämt von dannen und suchte sich einen Platz in den überspülten Ausläufern der Niederlassung.

Während der nächsten vierundzwanzig Stunden hatte der Hausherr noch vier Kämpfe zu bestehen, um sein Eigentum zu verteidigen. Von diesen späteren Zusammenstößen war aber keiner so gefährlich wie der erste. Dann wurde, zum Glück für seine blutende Flanke, das Leben friedlicher, denn das Lager war endlich aufgeteilt.

Der große Bulle konnte jetzt zwar ausruhen und verschnaufen, aber seine Ruhe mußte er mit unermüdlicher Wachsamkeit bezahlen. Nachkömmlinge wollten landen, die seinen Anspruch auf die gewählte Wohnung bestritten. Aber wenn er an den Rand seines Riffs kroch, seinen blutenden Körper zeigte, den mächtigen Nacken wiegte und seine großen, klugen Augen in ihrer entschlossenen Wachsamkeit funkeln ließ, bot er das Bild eines so gefährlichen Gegners, daß die Herausforderer sich meist beruhigten und weiterschwammen, um leichtere Kämpfe zu bestehen. Versuchte wirklich einer zu landen, dann fiel der Hausherr über ihn her, ehe er noch recht ans Trockene gekommen war, und fertigte ihn mit klaffenden Wunden ab. Zugleich aber mußte er gegen seine unmittelbaren Nachbarn, zwei schwere rauflustige Bullen auf der Hut sein. Die hatten zwar selbst gute Wohnungen gefunden, aber sie drohten stets, die Grenze zu überschreiten, die er gezogen hatte. Vielleicht war diese Grenze wirklich fast übertrieben weit, aber der Hausherr hatte die Absicht, eine große Familie zu gründen und sich für die Entbehrungen des letzten Jahres zu entschädigen. Mit wütendem Bellen und Brüllen warnte er deshalb vor jedem Versuch, in sein Recht einzugreifen.