Eine traurige Begleiterscheinung dieser Lage war es, daß der ununterbrochen bedrängte Hausherr keine Zeit mehr hatte, sich zu nähren. Wenn er nur für einen Augenblick seinen Posten verließ, mußte er damit rechnen, daß er bei der Rückkehr einen anderen Bullen dort treffen und gezwungen würde, neue Kämpfe zu führen, deren Ausgang zweifelhaft war. Keine zehn Schritte weit vor seiner Nase war die Tafel gedeckt. Fette Fische schwärmten in der eisigen, großen See, aber er konnte nicht gehen, um sie zu fangen. In dieser Beziehung war er sicherlich schlechter daran als seine Kameraden und Nebenbuhler. Aber jeder Bulle, der einen wirklich guten Platz gesichert hatte, mußte alle Zeit und alle Aufmerksamkeit darauf verwenden, ihn zu bewachen.
Es war vielleicht der erste Mai, und während der folgenden fünf oder sechs Wochen, durch all die langen, blassen Polartage, an denen die Sonne tief am Horizont stand und kaum einen Augenblick dahinter verschwand, brach der Hausherr kein einziges Mal sein Fasten. Ja, er wagte es kaum, zu schlafen, denn immer noch konnte irgend ein tapferer, junger Neuankömmling ihn überfallen. Zum Glück war er von dem fetten Winter und seinem leichten Dasein her noch gut genährt, und die stattliche Transchicht unter seinem Fell hielt seine Kräfte aufrecht.
Gegen Ende des Monats kamen die glatten und friedlichen Horden der »Halbbullen« und der »Jungburschen« an, die noch nicht alt genug waren, sich zu paaren, oder auch nur Ansprüche an dergleichen zu stellen. Mit ihnen erschien die Schar der kleinen, sanftäugigen, einjährigen Kühe, spielfrohe Kinder des Ozeans. Diesem ganzen Gewimmel Unschuldiger schenkten die alten Bullen keinerlei Aufmerksamkeit. Die schwärmten an den Ausläufern der Niederlassung hin, waren glücklich über jede Art Unterkunft, die sie fanden, und verbrachten ihre friedvollen Stunden – wenn sie sich nicht mit Fischen beschäftigten – mit harmlosen, glücklichen Spielen wie eine Schar Kinder, die von der Schule kommt. Dann endlich, in der ersten Woche des Juni, trat das lang erwartete Ereignis ein, dem all dies Suchen nach Unterkunft, dies Wachen und Kämpfen und Fasten gegolten hatte, die Ankunft der erwachsenen Kühe.
Sie kamen in immer größeren Scharen, Flosse an Flosse gedrängt.
Da die Kühe mit zwei Jahren ausgewachsen sind, die Bullen aber nicht vor dem siebenten Jahr, und da die Weibchen außerdem in größerer Anzahl geboren werden als die Männchen, kamen im Durchschnitt zehn oder zwölf von ihnen auf einen erwachsenen Bullen. Trotzdem war kein Bulle in der Herde, der nicht Angst gehabt hätte, er würde zu kurz kommen.
Die ersten beiden Kühe kamen knapp hintereinander direkt auf das Riff unseres bedrängten, aber jetzt triumphierenden Hausvaters zugeschwommen. Er erwartete sie in großer Erregung, den Kopf so hoch übers Wasser gehoben wie es nur möglich war und eifrig winkend. Das Seehundsweibchen ist viel kleiner als ihr polygamer und gewalttätiger Herr, sanftäugig und von milden Sitten. Als die erste Schwimmerin das Riff erreichte, griff der Hausherr ihr formlos ins Genick, ehe sie noch Zeit hatte, aus eigenem Antrieb den Felsen zu erklettern, und half ihr mit mehr Gewalt als Zärtlichkeit aufs Trockene. Der derbe Griff seiner Zähne in ihr Genick mußte schmerzhaft sein, aber die kleine Kuh schien es als Zeichen seiner Zuneigung zu nehmen, denn sie beklagte sich nicht. Er jedoch, der so plötzlich ihr Herr geworden, nahm sich nicht die Zeit, schön zu tun oder seine glitzernde Braut auch nur zu bewundern. Als er sie sicher in seinem Rücken wußte, machte er sich blitzschnell daran, ihrer Reisegefährtin dieselbe verbindliche Aufmerksamkeit zu beweisen. Diesmal aber kam er zu spät. Sein energischer Nachbar zur Rechten war ihm gerade noch zuvorgekommen und schnappte stolz die widerstandslose Schöne fort, um seinen eigenen Herd mit ihr zu schmücken.
Heulend vor Enttäuschung und eifersüchtig blickte der Hausherr über seine Grenzen hinüber, um zurückzufordern, was er für sein Eigentum hielt. Aber da zeigte ihm ein kurzer Blick nach rückwärts, daß sein Nachbar zur Linken sich eben anschickte, die Braut zu rauben, die er schon erobert hatte. Einen Augenblick lang bebte er in hilfloser Unentschlossenheit. Aber die treulose, kleine Kuh gab kein Zeichen, als ob sie ihm folgen wollte, sondern sie schien bei der Aussicht eines plötzlichen Wechsels ihres Eheherrn schamlos gleichgültig. So verfügte er sich wütenden Herzens an ihre Seite und stand dort mit keuchendem Rachen Posten. Der Frauenräuber, der schon öfter als einmal die Rauflust unseres Hausherrn gekostet hatte, war bescheiden genug, sich zurückzuziehen. Inzwischen kamen die Kühe in solcher Zahl an, daß jeder große Bulle genug zu tun hatte, alle einzufangen, die in seinen Bereich kamen und nicht mehr versuchen mußte, seinen Nachbarn zu berauben. Während der nächsten achtundvierzig Stunden etwa gelang es dem schnellen und unermüdlichen Hausherrn, nicht weniger als zwei Dutzend sanftäugige Weiberchen zu greifen und unterzubringen. Schön artig huddelten sie sich auf der Felsplatte in seinem Rücken und beobachteten mit Bewunderung seine herkulischen Anstrengungen, ihre Zahl zu vergrößern. Eifersucht kannten sie nicht. Die meisten von ihnen waren vielleicht sogar stolz, einem gut besetztem Harem anzugehören, dessen Größe die Tapferkeit seines Herrn bekundete. Zwei allerdings erlaubten es sich, die Liebenswürdigkeit eines leichtsinnigen jungen Bullen in der hinteren Linie entgegenzunehmen, dem es bisher nicht gelungen war, sich eine Gefährtin zu sichern. Ihr Herr war ja eifrig damit beschäftigt, weitere Ankömmlinge in Empfang zu nehmen. Aber für die meisten lag in dem Griff, mit dem der Hausherr sie im Nacken gepackt hatte, etwas Unvergeßliches. Er bewies ihnen einen gewaltigen Liebhaber und nahm ihnen die Lust zum Herumtreiben.