Noch ein paar Tage lang rückten verspätete Abteilungen von Kühen ein, und da dem Hausherrn das Glück treu blieb, sah er sich endlich als das Haupt eines Harems von mehr als vierzig Mitgliedern. Für sein weites Herz und seine gewaltigen Ansprüche waren das nicht zu viel, aber es machte ihn zum Gegenstand der bittersten Feindschaft. Selbst seine tüchtigsten Nachbarn von rechts und links besaßen keine so zahlreiche Gesellschaft auf ihren Klippen, während im Rücken eine ganze Straße voll junger Bullen war, die zu spät gekommen waren und immer auf eine Gelegenheit zum Wildern lauerten. So sehr war der Hausherr mit ehrenvollen Aufgaben beschäftigt, daß er nicht die Zeit fand, ein Auge voll Schlaf zu nehmen. Und was die Nahrung anbetraf, hatte er schon so lange darauf verzichtet, daß er kaum mehr wußte, was Essen bedeutete. Vierzig Weiber – und alle in Gefahr, von irgend einem Stärkeren oder schlaueren Gesellen geraubt zu werden, der zufällig des Weges kam! Es war schon eine Aufgabe für den bedrängten Hausvater, seine Frauenschar immer wieder abzuzählen. Immer wieder umstreifte er wachsam die eng gelagerte Schar. Und wenn eine, die sich vielleicht vernachlässigt oder übersehen glaubte, den Versuch machte, sich wegzustehlen, um einem traurig blickenden Bewerber in der hinteren Linie zuzulaufen, erfuhr sie plötzlich, daß sie weniger vergessen war als sie gedacht hatte. Sie wurde im Genick gepackt und geschüttelt, bis sie sich selbst für eine verworfene Sünderin hielt, und dann in die Mitte des Harems hineingeschleudert. Alles dies ging natürlich nicht ohne fortgesetzte Reibereien ab, denn der eine oder andere enttäuschte Ehebrecher versuchte, es auf einen Kampf ankommen zu lassen. Aber für die jungen, unerfahrenen Bullen aus der hinteren Gasse war der Hausherr ein viel zu starker und erprobter Kämpfer, so daß diese Reibereien stets rasch ein Ende fanden.
Ein paar Tage nach Ankunft der Kühe wurden die ersten, wolligen, kleinen Hundchen zur Welt gebracht. Als die Geburten zunahmen, verringerten sich die Sorgen des Hausherrn ein wenig. Sobald ein Junges geboren war, konnte er sicher sein, daß die Mutter nicht mehr daran dachte, auszureißen. Ehebrecher freilich waren noch so gefährlich wie immer, denn diese schmiegsamen Räuber scheuten keine Verantwortung und zeigten sich stets bereit, Mutter und Kind zugleich an sich zu nehmen. Sobald die Jungen ihre erste Hilflosigkeit überwunden hatten, durften die Mütter ihren Herrn verlassen, direkt durch das Haupttor, um Fische zu fangen und sich für ihre Kleinen mit Milch zu versehen. Der Hausherr wußte, daß jetzt jede Kuh pünktlich heimkehren würde. Für ihn selbst aber gab es auch jetzt weder Ruhe noch Futter. Er hatte nichts zu tun, als zu Hause zu sein, Wache zu halten, den Nachwuchs von vierzig Weibern zu hüten und Nebenbuhler in die Flucht zu jagen. Es war ein aufreibendes Leben. In jener Zeit war er nicht mehr ein glatter und wohlgenährter Ritter, sondern ein jämmerliches Gestell aus Haut und Knochen, bedeckt mit unschönen, aber ehrenhaften Narben. Kraft und Feuer blieben ihm jedoch, und kein Nebenbuhler forderte ihn heraus, der es nicht bereuen mußte.
Eines Tages erschien jedoch ein Feind, dem selbst des Hausherrn Mut nicht gewachsen war. Die Pelzjäger erschienen auf dem Nistplatz. Es waren nicht jene verbrecherischen Schlächter, die Wilderer, sondern ehrliche Jäger, die mit Schonung töteten. Sie kümmerten sich nicht um die alten Bullen und ihre heranwachsenden Familien, obwohl die Bullen sie wütend anbrüllten. Sie brachen vielmehr in die Spielplätze der unverehelichten Jugend ein und richteten dort unter den Halbbullen und Jungburschen ein furchtbares Gemetzel an. Bald war der einst so fröhliche Spielplatz mit Blut und Leichen bedeckt. Doch achteten sie darauf, selbst von den unglücklichen Jungburschen einen guten Prozentsatz zu schonen, damit der nutzbringende Stamm der Pelzrobben nicht ausgerottet würde.
Mit den Pelzjägern kam ein nachdenklicher Mann, der nicht töten, sondern beobachten wollte. Das Töten liebte er nicht. Als er sich einen Augenblick das Schlachten angesehen hatte, rümpfte er mit Ekel seine Forschernase. Dann hatte er es sehr eilig, sich abzuwenden und den übrigen Teil der Niederlassung zu studieren. Sie mit einer Kamera zu beschießen und in Erfahrung zu bringen, was die Pelzrobben treiben, wenn sie eine ärmlichere Aufgabe hatten als die, geschlachtet zu werden. Ohne auf Drohungen, Geheul und schnappende Rachen zu achten, ging er langsam hinter den Nistplätzen entlang; blieb alle paar Schritte stehen, um seinen Apparat anzusetzen und zu knipsen. Voll Begeisterung und neuer Kenntnisse kam er hinter das Felsstück, auf dem der kampfgewohnte Hausherr seinen Harem von vierzig Schönheiten bewachte.
Diese ungeheure Familie und ihr imposanter Wächter fesselten das Auge des Beobachters. Das war wirklich ein Hausstand, den man beobachten mußte. Erst knipste er aus einigem Abstand; dann entschloß er sich, in das gedrängte Privatleben einzudringen und die häuslichen Einrichtungen zu untersuchen. Ohne besondere Aengstlichkeit wich er den zornigen Bullen der Hintergasse aus, die vor ihren armseligen Harems tobten, und wanderte furchtlos mitten hinein unter die ängstlichen Kühe und die rundäugigen, treuherzigen Jungen von der Familie unseres Hausherrn. Soviel Seehunde hatte er kampflos schlachten sehen, daß er sich von dem Mut dieser Tiere ein falsches Urteil gebildet hatte. Ohne auf die scharfe Warnung des Hausherrn zu achten, beugte er sich nieder, um eines der Jungen zu untersuchen und zu streicheln, das ihn mit seinen Augen voll rührender Tiefe und Sanftheit furchtlos anblickte.
Nun wußte der Hausherr recht gut, wer dieser Fremde war – der ungeheure Mensch, der alle Tiere unterworfen hat, der plötzlich zu töten versteht, unsichtbar oder mit einer zuckenden Flamme –, aber er zauderte nicht; es galt, sein Heer zu verteidigen und da dachte er nicht an die Gefahr. Eine häßliche, aber gefährliche Gestalt, schritt er sofort zum Angriff.
Gerade im kritischen Augenblick blickte der Mensch auf und sah den rasenden Bullen. Er machte einen wilden Sprung, verlor seine Kamera, aber entging dem gefährlichen Biß seines Angreifers. Eine große Flosse traf ihn jedoch und so fiel er halb betäubt auf den Rücken einer protestierenden Kuh.
Zu seinem Glück beschäftigte sich der Hausherr zunächst damit, die Kamera zu vernichten, und inzwischen fand der Mensch Zeit, sich auf den nächsten Ueberfall vorzubereiten. Die einzige Waffe, die er trug, war ein schwerer Knotenstock, den er zugleich als Stütze und als Keule benutzte. Als er zur Seite sprang, bekam sein Gegner einen schweren Hieb über die Nase, die empfindlichste Stelle des Seehundes und der Hausherr brach zusammen wie ein durchbohrter Gladiator.
Der Mensch sah voll Mitgefühl auf seinen gefallenen Feind nieder, hob das Ueberbleibsel von Kamera auf, tätschelte ein Junges, das ihm nicht aus dem Weg gehen wollte und zog sich zurück. Als er die rückwärtige Linie der Bullen durchbrochen hatte, sah er sich um und stellte mit großer Befriedigung fest, daß sein Hieb nicht ganz so wirksam gewesen war, wie er gefürchtet hatte. Der Hausherr kam langsam wieder zu sich, hob sein furchtloses Haupt und überzählte seine Familie, um festzustellen, ob keines fehlte. Dann brüllte er wieder, obwohl es noch ein bißchen schwächlich klang, allen Eindringlingen seine Verachtung zu.