Als die erfolgreichen Jäger ein paar Tage später die Insel verließen, mußte er natürlich der Meinung sein, daß sie seinetwegen von dannen zogen. Da sich niemand fand, der seine Theorie bestritt, ist es erklärlich, daß er stolz darauf war.
Etwa sechs Wochen später, gegen Ende Juli, waren die Jungen stark genug, um zu reisen. Die Qualen des endlos verlängerten Fastens waren fast unerträglich geworden, und so kam der Hausherr und alle seine Nebenbuhler plötzlich zu der Erkenntnis, daß es nicht der Mühe wert war, an einer solchen Küste ihre Harems zusammenzuhalten. Es fiel ihnen ein, daß sie nächstes Jahr andere, aber nicht viel weniger reizende Gefährtinnen sammeln könnten. Da waren plötzlich die schrecklichsten Fehden vergessen, sie stürzten sich ins Wasser und machten sich hungrig daran, Fische zu jagen. Dann wandten sie plötzlich alle die Gesichter nach Süden und bald lagen die öden Felsen einsam da, um wieder Sturm und Kälte der nahenden Polarnacht zu bestehen.
Puck im Zwielicht
Puck, der Düstere, zickzackte durch das purpurne Zwielicht unter dickblättrigen, überhängenden Aesten, und Mücken zu jagen, war alles, woran er dachte. Die langen, ruhigen Stunden des goldigen Sommertages hindurch hatte er geschlafen, wie ein Sack im schattigen Giebel einer alten Scheune aufgehängt, die mitten in einer blühenden Wiese lag. Andere braune Fledermäuse hatten Seite an Seite mit ihm dort geschlafen, wie er, an ihren langen Hakennägeln festgekrallt und feierlich eingehüllt in das seidige Schwarz ihrer faltigen Schwingen. Es war ein beliebter Schlafraum für die Fledermäuse, dieser düstere Giebel, in dem kreuzweise gelegtes Balkenwerk ihnen die angenehmste Gelegenheit gab, sich fest zu haken – und infolgedessen herrschte dort einiges Gedränge. Der eine oder andere fand sich manchmal beengt, wachte auf, quiekte und stieß seinen Nachbarn mit den knochigen Ellbogen seines Flügels, um dann mit blecherner Stimme zu protestieren, – mit einer sehr blechernen, aber doch barschen, ein wenig zitternden Stimme, die fast wie das Räderwerk einer Drei-Mark-Uhr klang. Puck selbst hatte das Glück, ganz am Ende der Reihe zu hängen, als nächster zu einem weiten Spalt im Dach, der die frische Abendluft hereinströmen ließ. Aber mehr als einmal war er fast von diesem Hochsitz abgedrängt worden, sodaß er öfter als irgend ein anderer aufgewacht war, gequiekt und räder-geschnarrt hatte. Auch hatte ihn bei dieser ungewöhnlichen Wachsamkeit ein oder zweimal der Anblick einer großen Ratte geärgert, die tief unten auf einem langen Balken herumlungerte und ihn mit ihren grausamen Perlenaugen anstarrte. Ratten haßte er, aber da er sich in diesem Fall außer Reichweite wußte, war er nicht weiter erschrocken. Er hatte sich in seine Flügel eingehüllt und war wieder eingeschlafen, noch unter dem Blick des Feindes. So war ihm der Tag angenehm genug vergangen. Als es Nachmittag wurde, hatte er sich ein paar Mal aufgerafft, um zu dem Spalt am Giebel zu flattern und einen Blick auf das Wetter zu werfen, bis er sich endlich, als die Sonne hinter den niedrigen Hügeln jenseits des Bachs strahlend untergegangen war, durch den Spalt hindurch ins gold-violettene Dunkel schwang. Zehn Minuten später schon waren ihm die Mitinhaber des Schlafsaals gefolgt, und der Giebel ihrer alten Scheuer war nun leer.
Er war ein seltsam dreinschauender Kerl, der kleine braune Fledermäuserich, ein Gemisch aus Vogel und Maus und Kobold, drollig aber finster, ein richtiger Puck, der alle hellen Stunden verdröselte und im Dunkel zu seinem launischen und ausschweifenden Leben erwachte. Sein kleiner Körper, der in einen kurzen, braunen Pelz von auserlesener Feinheit gekleidet war, hing zwischen zwei ungeheuren Flügeln aus brauner Haut. Diese Haut, die biegsamer war als feinster Gummi, spannte sich, wie Seide über ein Schirmgestell, über die unglaublich entwickelten Arm- und Fingerknochen der Vorderglieder. Am Ende seines Rückens vereinigten sich die beiden Flügel und umspannten noch die zerbrechlichen Hinterbeine bis zu den Knien, die dadurch aussahen, als seien sie in eine falsche Richtung gezogen. Zwischen den starken Schulterblättern saß ein kleiner, seltsamer, fast formloser Kopf mit einem Knuttel von Nase, einem launischen breiten und schiefgezogenen Mund, großen flachen Ohren und winzigen, unruhig glitzernden Jett-Augen. Häßlich und grotesk war er, wenn er sich von seinem Sitz schwang oder im Gebälk herumkletterte. Im Augenblick aber, in dem er sich ins Halbdunkel des Abends schwang, bot Puck, der Düstere, ein erlesenes, ganz phantastisches Bild. So breit und biegsam waren seine Flügel, daß bei gleichem Gewicht kein Vogel der Welt seine Luftübungen von bewundernswerter Gewandtheit nachahmen konnte. Aus vollem Schnellflug in grader Linie konnte er sich plötzlich wie einen Stein fallen lassen oder, im beinahe rechten Winkel hochschnellen wie ein Geschoß, das aus der Schleuder fliegt. Ein schwindelerregendes Zickzack schien sein natürlicher Flug, und Haken konnte er schlagen von einer Exaktheit, die selbst den Sperber beschämten. Daß er das konnte, war gut. Denn die Mücken, die durch die Luft schnellten und tanzten, und andere flinke Insekten waren Pucks Nahrung, die jäh niederschießende Eule seine einzige Feindin.
Als er in dieser Nacht durch die duftenden Wiesen am Wasser segelte, war die ruhige Luft voll von Insekten: Mücken, Fliegen, Nachtfalter und die ersten schwärmenden Maikäfer. Solange er hungrig war, schnappte er gierig nach allem, was er sah. Aber als das Dunkel wuchs und sein Heißhunger gestillt war, wurde er wählerisch. Manchen guten Bissen, der leicht zu haben war, ließ er sich direkt am Munde vorbei gehn und vergnügte sich damit, nach schwer erreichbarem Wild zu jagen. So haschte er einmal nach einem hoch fliegendem Falter weit über den Baumspitzen, und diese Beute griff er unmittelbar vor dem Schnabel eines niederstoßenden Nacht-Vogels, schlang sie hinunter und verschwand, ehe der enttäuschte Vogel noch recht wußte, wer ihm zuvorgekommen war. Ein anderes Mal ließ er sich fallen und erwischte einen Maikäfer, der grade von einem wiegenden Grashalm aus die Flügel zum Flug spreitete, zur namenlosen Empörung einer Spitzmaus, die sich an den Käfer herangepürscht hatte und grade zum Sprung ansetzte. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Pucks Augen, denen das Zwielicht klar wie Kristall war, die wildernde Spitzmaus im Gras beobachtet hatten, und daß es ihm ein diebisches Vergnügen war, ihr die Beute vor der Nase wegzuschnappen. Selbst die pfeilschnellen Turmschwalben konnte er manchmal auf diese Art narren – ein Schatten tauchte vor ihnen auf, und auf geheimnisvolle Weise verschwand die eben noch gejagte Motte.
Als in den Wolken das violette Licht verblaßte, verließ Puck, der Düstere, seine Wiese und flog stromabwärts, über Feld und Hecken, zu einem Garten, in dem zwischen Rosen- und Blumenbeeten, im Schutz tiefer Bäume, ein Haus mit breiten Veranden lag. Hier schien die linde Sommernacht wie trunken vom Hauch taufeuchter Rosen und Levkojen, japanischer Lilien und Würze streuender Nelken. Hierher zog süßer Honigduft die Nachtkäfer in dichten Schwärmen. In diesem Garten, unter den Bäumen, lustwandelten ein Mann und ein Mädchen am Flußufer, das weiße Kleid des Mädchens leuchtete durch die Nacht.
Eine andere kleine, braune Fledermaus, ein Weibchen, gesellte sich zu Puck und nahm an seinen fröhlichen Spielen teil. Vielleicht war es sein Weibchen, jedenfalls seine Spielgefährtin. Ueber diesen Punkt läßt sich nicht streiten, denn in Bezug auf seine häuslichen und intimen Gewohnheiten hat Puck, der Düstere, bisher wenig erraten lassen. Eine kleine Weile wiegten sich die beiden in fröhlichen Tänzen, umkreisten, überflogen und untertauchten sich, drehten sich manchmal in schwindelnd rasch gezogenen Bogen, um sich an irgend einem Stelldichein-Platz in der Luft wieder zu finden. Das Weibchen flog weniger leicht, nicht ganz so blitzsicher wie Puck selbst – und wer die beiden auf kurze Entfernung und bei gutem Licht beobachtet hätte, hätte gesehen, daß sie bei aller Spieligkeit eine sehr treue und hingebende Mutter war. Denn bei allem Tollen trug sie ihre beiden Kleinen mit sich! Die brachten es auf irgend eine seltsame Art zu Wege, ihr ins Genick zu klettern, und dort saßen sie so fest, daß ihre schnellsten Wirbelflüge, ihre fast atemberaubend steilen Schwünge die Kleinen nicht aus dem Sitz warfen. Ein lebhafter Abend muß es für diese Mauskinder gewesen sein, die noch zu jung waren, um zu Hause zu bleiben, weil eine schweifende Ratte sie finden konnte.