Krank vor Angst legte Melissa eine Hand vor die Augen, um dies gräßliche Gesicht nicht mehr zu sehen und wankte aus dem Pung. Der Vagabund warf ihr die Bärendecke nach und sauste ab.
Melissa stand bis an die Knie im Schnee. Neben ihr lag die Bärendecke, mit zitternden Beinen ließ sie sich darauf fallen. Um sie herum lagen jetzt zerstreut, halb im Schnee vergraben, ihr Koffer, ihre Bündel und Päckchen. Der Schlitten schwenkte an der nächsten Wegbiegung und verschwand. Ein paar Sekunden später verklangen die Glöckchen und jetzt war kein Laut mehr ringsum als manchmal das Knarren von Holz in den frosterstarrten Bäumen.
Nur ein paar Minuten lang blieb Melissa ohne Ueberlegung. Dann fand sie sich wieder und dachte nach: Konnte sie die paar Meilen zu Fuß machen, ehe Hunger und Frost sie überwältigten? Natürlich konnte sie es. Sie wollte doch! Ganz rasch wollte sie gehn und Lärm schlagen und Polizisten auf die Spur bringen. Vielleicht war es sogar besser hier allein zu sein als mit dem Verbrecher im Schlitten. Ein Mörder war er doch zweifellos. Die Empörung gab ihr neue Kraft und belebte sie. Sie raffte die Röcke bis zum Knie, griff nach der Bärendecke, warf einen Abschiedsblick auf den Koffer, die kostbaren Bündel und stapfte tapfer die weiße Straße hinab nach County-Line.
Der frische Entschluß trieb sie vorwärts, ließ sie bis zu den Hüften durch Schneetriften stampfen. So hatte sie gut eine halbe Meile zurückgelegt, ehe sie ihre Not ganz erkannte. Oefter und öfter mußte sie jetzt Atempausen machen. Ihr Kampf mit den endlosen Schneemassen wurde weniger und weniger zum Triumph. Sie dachte daran, den schweren Bärenpelz aufzugeben. Aber dann fiel ihr ein, daß dieser Pelz ihre einzige Zuflucht war, wenn sie Halt machen und gründlich ausruhen mußte. So schleppte sie ihn verzweifelt mit sich, hüllte sich hinein und setzte sich darauf, so oft sie rastete. Vor Anstrengung blieb sie anfangs warm. Dann kam die Erschöpfung, und sofort empfand sie die Schärfe der Kälte. Der Mondschein sogar schien vor Kälte zu zittern, und plötzlich fiel ihr ein, daß sie County-Line vielleicht niemals erreichen würde. Sie zwang sich, diese Möglichkeit zu vergessen, aber sie drängte sich durch die Maschen ihres Willens und schwächte sie.
Dann schickte sie einen Gedanken zu Jim, der ihr neuen Mut gab und ihr Herz wieder wärmte. Vielleicht folgte er ihr, trotz ihres Verbotes. Walter war nur ein lieber Junge, den sie lenken mußte. Aber Jim, der war durch und durch ein Mann!
Bisher war kein Wind zu spüren, die dicken Bäume hatten ihn vollständig aufgefangen. Aber an der nächsten Straßenbiegung schlug er ihr voll ins Gesicht, fing den Atem von ihrem Munde und verdoppelte den bissigen Frost.
Noch ein Kampf von zehn oder fünfzehn Minuten, dann mußte sie gründlich ausruhen. Zugleich kam die große Sehnsucht nach Schlaf über sie und erfüllte ihr Herz mit neuer Angst. Denn sie wußte, wenn sie jetzt nachgab, war alles zu Ende. Wenn sie jetzt einschlief, wachte sie nicht wieder auf.
So schleppte sie sich in den Schutz einer riesigen zusammengebrochenen Kiefer, deren weißbeschneite Wurzeln hoch in die Luft standen. Für ein paar Minuten mußte sie ihr ermattetes Hirn und ihren halbgelähmten Willen aus der zerstörenden Kraft des Windes retten. Die aufgereckten Baumwurzeln boten guten Windschutz. Sie legte mühsam die zwanzig Schritte zurück und wollte ein paar Minuten lang ohne Qual einem neuen Entschluß nachhängen, um keinen Preis aber sich niederlegen. Eine Vision schwebte vor ihren Augen: das warme, sichere Heim ihrer Eltern und der kleinen Schwester, die jetzt vielleicht glücklich schlief …
So leid tat sie sich selbst, daß sie Schmerz fühlte. Aber obwohl noch immer entschlossen und noch immer tapfer, dabei fast erstarrt, bannte sie die lähmende Vision. Sie wußte, daß jede Faser ihres Willens zum Kampf geballt sein mußte.