Fest in die Bärendecke gehüllt, taumelte sie hinter die Wurzeln der Kiefer, preßte sich eng an ihre Rinde. Als sie das tat, erlebte sie es, daß der Schnee plötzlich unter ihr wich. Mit einem Entsetzensschrei versuchte sie sich zurückzuhalten, im selben Augenblicke war es, als verschwände die Erde unter ihren Füßen. Sich irgendwo anklammernd, hilflos um sich greifend, versank sie in einer blinden Schneewehe. – – – Der Fall dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde und ging kaum sechs oder sieben Fuß tief. Melissas entsetztem Hirn schien es eine lange Zeit, sie glaubte, daß sie, im Fall zerschmetternd, noch einmal zu sich kommen würde. Statt dessen fand sie sich plötzlich sanft und warm gebettet. Mit beiden Händen um sich tastend, griff sie in ein riesiges, warmes, pelziges Etwas, das sich bewegte und leise brummte. Ihr Herz stockte, ein Schreckensschrei erfror auf ihren Lippen. Sie wollte sich verkriechen, aber da war kein Raum. Sie wollte aufstehen, aber sie war glatt auf die Seite gefallen, und ihre Beine versagten den Dienst. Ganz ruhig lag sie, von Angst gelähmt, eng angepreßt an die Flanke des Bären, in dessen Winterlager sie gedrungen war. Die massige Gestalt bewegte sich leise, brummte und winselte, als beschwerte sie sich über die rauhe Unterbrechung im tiefen Winterschlaf. Melissa fühlte, wie eine große Tatze gegen sie drängte, als verlange sie mehr Raum. Eine riesige Schnauze schnüffelte durch ihre Beine und legte sich plötzlich darauf, als wäre da ein bequemes Polster gefunden. Es fiel Melissa ein, daß schon manchmal Menschen vor Angst gestorben sind, und sie glaubte, wenn so etwas geschehen konnte, mußte es ihr jetzt geschehen! Jeden Augenblick erwartete sie, die Zähne des Bären in ihrem Fleisch zu fühlen. Als aber lange Sekunden vorübergingen und nichts geschah, begriff sie, daß das Tier sie als Bettkameradin angenommen hatte und friedlich wieder eingeschlafen war. Mit aller Kraft erstickte sie ein wildes, hysterisches Gelächter, das sich empordrängte. Ihr Zittern machte den Bären abermals winseln und grunzen, als enttäuschte ihn jedesmal sein Schlafkamerad. Das brachte sie zu ruhigem Denken. Sie lag jetzt ganz still und zerbrach sich den Kopf darüber, wie man aus einer so unerhörten Lage entkommen könne. Ein alter Indianer hatte ihr einmal erzählt, daß der Bär während seines Winterschlafes, insbesondere im Anfang, wenn er noch rund und fett ist, so gutmütig sei, wie ein gutgefütterter Kater, daß man in sein Lager einbrechen und ihn aufwecken, kratzen und schinden könne, ohne Gefahr zu laufen. Diese längst vergessene Belehrung kam ihr in den Sinn und brachte Trost. Daß es Wahrheit sein konnte, erlebte sie ja selbst!

Die Wärme des mächtigen Körpers, in dem sie fast versank, und der starke Geruch des Pelzes ließen Angst und Energie zugleich in ihr einschlafen. Sie war behaglich gebettet, beschützt vor der unerträglichen Kälte da oben – und schläfrig. Mein Gott, so unsäglich schläfrig! Nerven und Muskeln gaben gleichzeitig nach. Sie wußte nicht, was sie tat, als sie sich noch tiefer in die Flanke des riesigen Tieres eingrub – und einschlief …

Wundersam, durch Stunden und Meilen voll von Träumen, und wie aus weiter Ferne, kam der Klang einer Stimme zu ihr, die ihren Namen rief. Mit großer Anstrengung machte sie sich wach, schrie »Jim« und öffnete die Augen. Klar im Mondschein war über ihr das Gesicht Jim Wrights, der mit wütendem Eifer den Eingang zur Höhle freigrub.

»Lebst du, Mädel? Bist noch ganz? Ich komme, wenn ich nur erst sehen kann, wo du bist. Beinahe bin ich zu dir hinuntergefallen!«

Vor der rauhen Stimme wurde der Bär unruhig und wimmerte.

»Pscht!« machte Melissa sorglich. »Ja, ich bin noch ganz, aber furchtbar schläfrig. Komm nicht herunter Jim, er schläft! Reich mir nur die Hand und hilf mir hinaufklettern!«

»Heiliger Himmel!« fluchte Jim, als er die ungeheure Gestalt neben Melissa erkannte. Er hatte den Bären zuerst für ihren Pelzmantel gehalten. Nur die plötzliche Angst, daß er auf Melissas Körper stürzen könnte, hinderte ihn, sich zwischen sie und diese schreckliche Gestalt zu werfen.