In Kreuz- und Querfahrten, bald nach Norden, bald nach Westen steuernd, tastete der Admiral in dem gefährlichen Wundergarten weiter, ohne die Küste von Cuba aus dem Gesicht zu verlieren. Unzählige buntfarbige Fische tummelten sich in den klaren Gewässern, die Muscheln umschlossen kostbare Perlen, das Meer wimmelte von großen Schildkröten.[242] In seiner Meinung, in Cuba bereits das Festland von Asien erreicht zu haben, wurde er von neuem durch die falsche Deutung eines Namens bestärkt, als er von den Eingeborenen erfuhr, daß weiter im Westen ein großer Fürst namens Magon wohne. Magon und Mango waren identisch, und Mango war der König von Mangî (China). Er gelangte endlich zu der größern Insel de Pinos, nahe dem Westende Cubas. Auf Befragen hatten die Cubaner erklärt, daß man die Grenzen ihres Landes nicht kenne, er könne wohl noch 20 Tage weiter fahren, ehe er das Ende erreiche. Nach seiner Berechnung war er bereits 335 Leguas an diesem großen Lande entlang gesegelt,[243] welches er mit größter Bestimmtheit für den Anfang Indiens erklärte. Er wähnte, nur noch 2 Sonnenstunden (also 30 Meridiangrade) von dem goldenen Chersones — mit diesem Namen bezeichnete man seit dem Alterthum die Halbinsel Malaka in Hinter-Indien — entfernt zu sein.[244] So schmal dachte er sich den noch völlig unbekannten, noch nie betretenen Abschnitt auf dem Erdball. Als er dann der Insel de Pinos gegenüber die Küste Cubas sich nach Süden wenden sah, war auch der letzte Zweifel gehoben: denn die asiatische Küste lief nun, nach seiner Meinung, in südöstlicher Richtung bis zum goldenen Chersones weiter. Bei der Insel Evangelista, denn so nannte er die Isla de Pinos, nahm er neue Vorräthe an Wasser und Lebensmitteln ein. Wäre er nur noch einen oder höchstens zwei Tage weiter gesegelt, so hätte er das Ende des vermeintlichen Continentes erreicht. Schon von der Höhe des Mastes aus hätte man das freie Meer westlich vom Cap S. Antonio sehen können. Leider nöthigte ihn der üble Zustand seiner Schiffe zur Umkehr, so daß er die eigentlich beabsichtigte Fahrt um Indien, wodurch er eine erstmalige Erdumsegelung zu beschließen hoffte, aufgeben mußte. Aber er nöthigte auch noch die gesammte Mannschaft, ein von dem Schreiber Fernan Perez de Luna aufgesetztes Protokoll zu unterzeichnen, in welchem sie sich alle bei schwerer Ahndung zu der verkehrten Ansicht ihres Admirals bekennen mußten, daß man die Provinz Mango vor sich habe.[245] Das geschah am 12. Juni 1494.

Dann wandte sich Columbus wieder nach Osten. Bei ungünstigem Wetter legten die Schiffe den gefährlichen Weg noch einmal unter steten Sorgen zurück. Am 6. Juli gerieth die Niña auf den Strand, wurde zwar mit großer Anstrengung wieder flott gemacht, war aber dabei dermaßen beschädigt, daß man, behufs der Ausbesserung, in der Bucht bei Cap S. Cruz landen mußte. Erst nach 10 Tagen konnte die Fahrt weiter fortgesetzt werden. Am 8. Juli wurde das Cap S. Cruz dublirt und am 20. Juli ging Columbus nach Jamaica hinüber, um diese Insel auch auf der Südseite zu erforschen. Das Land entzückte durch seine Schönheit und Fruchtbarkeit. Von der Menge seiner Bewohner zeugten die zahlreichen Dörfer an der Küste. Auch hier mit widrigen Winden kämpfend, gelangten die Schiffe erst am 19. August an die Ostspitze Jamaicas (das heutige Cap Morante). Am folgenden Tage sah man eine neue Küste vor sich aufsteigen. Das nächste Vorgebirge erhielt den Namen S. Michael (jetzt Cap Tiburon); es war die Westspitze von Haiti erreicht. Gewißheit darüber, daß man die Insel ihrer Niederlassung glücklich wieder gefunden, gewann man erst am zweiten Tage, als einige Indianer am Strande den Seefahrern außer einigen spanischen Ausdrücken auch das Wort „Almirante“ zuriefen.

Bald darauf jagte ein Sturm das kleine Geschwader auseinander, doch fanden sich die Fahrzeuge nach sechs Tagen glücklich wieder zusammen, segelten nach der kleinen Insel Beata weiter, welche mitten vor der Südseite Haitis liegt, entdeckten die reizende Bucht an der Mündung des Neivaflusses und empfingen hier von den Eingebornen die frohe Kunde, daß neue Schiffe von Spanien bei der Colonie angelangt seien. Um seine bevorstehende Ankunft zu melden, sandte Columbus neun Mann mitten durch die Insel nach seinem Blockhause S. Thomas und setzte dann seine Fahrt weiter fort. Die Schiffe wurden durch Sturm und Unwetter von einander getrennt. Der Admiral selbst, der aus gewissen Anzeichen den Ausbruch desselben vorhergesehen, brachte sein gebrechliches Fahrzeug noch bei Zeiten in den geschützten Canal, welcher von der Insel Saona (nahe der Südostecke Haitis) und der Hauptinsel gebildet wird. Aus einer Mondfinsterniß, welche er hier beobachten konnte (14./15. September), berechnete er den Abstand von Cadiz bis Saona auf fünf Stunden 23 Minuten[246] (oder 80° 45′). Nach Ablauf einer bangen Woche konnten sich die drei Schiffe wieder vereinigen. Zwar beabsichtigte der Admiral noch weiter nach Osten zu gehen, Puertorico und die kleinen Antillen vollständig zu entdecken und zugleich die unbändigen Cariben zu züchtigen, allein als er die kleine zwischen Haiti und Puertorico gelegene Insel Mona am 24. September erreicht hatte, brach seine Kraft zusammen. Die übermenschlichen Anstrengungen, die steten Aufregungen der gefahrvollen Reise, (er hatte 32 Nächte nicht geschlafen) hatten seine Energie übermannt. Er brach zusammen und verfiel in eine tiefe, einer Ohnmacht ähnliche Schlafsucht. Alle weiteren Pläne wurden aufgegeben und noch zweifelnd, ob sie ihren Admiral am Leben erhalten könnten, richteten die Piloten den Lauf der Schiffe gegen Nordwesten und segelten nach Isabella, wo sie am 29. September anlangten. Hier erholte sich Columbus bald wieder unter entsprechender Pflege und konnte nun mit Befriedigung die Resultate seiner zweiten Entdeckungsfahrt überblicken, auf welcher ein Gesammtbild von den vier großen Antillen gewonnen war, von denen Haiti und Jamaica vollständig, Cuba fast ganz umsegelt worden war. Wäre er hier nicht durch seine kosmographischen Autoritäten irregeleitet und wie in einem Zauberbanne gefangen, welcher ihn die Inselnatur Cubas nicht erkennen ließ; so hätte er seine weiteren Entdeckungen an jenem Westende der Insel wieder aufnehmen müssen, und wäre vielleicht schon nach dem Goldlande Mexiko gelangt. So aber traute er den Angaben der Indianer zu sehr, welche ihn bei allen Fragen nach Gold immer nach Süden wiesen, und suchte darum auf seiner dritten Reise einen südlichern Weg schon über den Ocean einzuschlagen.

In seiner Colonie fand Columbus eine unerwartete, aber sehr willkommene Stütze an seinem Bruder Bartholomäus. Derselbe war schon vor Beginn der ersten Reise in seines Bruders Auftrage nach England gegangen, um dem britischen Könige Vorschläge behufs einer Fahrt nach Indien zu machen, und war 1493, ehe ihm selbst sichere Kunde von dem Erfolge seines Bruders zugekommen war, von dem Könige Heinrich, welcher directe Nachricht von der Entdeckung der neuen Welt erhalten hatte, mit dem Versprechen entlassen, die Pläne des Christoph Columbus unterstützen zu wollen. Bartholomäus eilte über Frankreich nach Spanien, wo er, für den ihm in England gewordenen Auftrag allerdings zu spät, eintraf, aber doch bei Hofe sehr wohlwollend aufgenommen wurde und durch sein festes männliches Auftreten, durch seine gewandte Rede und seine nautischen Fertigkeiten sich bald einen günstigen Boden bereitete. Man ertheilte ihm den Titel eines „Don“ und übergab ihm die Führung dreier Schiffe, welche, mit den von dem Admiral erbetenen Vorräthen und Hilfsmitteln versehen, nach Haiti abgehen sollten. Columbus erhielt zugleich Nachricht von dem mit Portugal abgeschlossenen Theilungsvertrage und fand in dem Briefe der Monarchen vollständige Zustimmung zu den bisher von ihm getroffenen Maßnahmen. Auch noch andere in demselben Jahre 1494 einlaufende Briefe ließen in schmeichelhafter Weise die ungeminderte Gunst des Hofes erkennen. Aber neben diesen erfreulichen Zeichen seiner wachsenden Macht fand der Vicekönig von Indien unter den Spaniern Mißstimmung, Unzufriedenheit, Aufruhr. Der Geistliche Boïl, dem man das Seelenheil der Indianer anvertraut, war seines mühevollen Amtes überdrüssig geworden, der Anführer der Truppen, Margarit, der sich den Anordnungen des vom Admiral eingesetzten Statthalters nicht gefügt hatte: beide verließen auf den Schiffen, mit denen Don Bartolome Colon gekommen war, die Ansiedlung und kehrten nach Spanien zurück. Unter den spanischen Truppen war die Manneszucht in bedenklicher Weise gelockert. „Margarit,“ sagt Muñoz,[247] „brachte unter unsere Leute die Pest der Zwietracht und veranlaßte bei den Indianern einen tödtlichen Abscheu gegen den spanischen Namen. Er hielt das Kriegsvolk beständig in der angebautesten und wohlversehensten Gegend der Vega-Real (Königsgau), wo es schwelgen und sich alle Freiheit erlauben durfte.“ Dieser Uebermuth der Soldateska trieb die Indianer aus ihrer Schlaffheit auf, die bedeutendsten und mächtigsten Häuptlinge der Insel traten zu einem Bunde zusammen, um die fremden Eindringlinge zu vernichten. An der Spitze der Verschwörung stand Caonabo. Diesen gefährlichsten Gegner zu beseitigen, übernahm der verwegene Alonso Hojeda, welcher mit einer Handvoll unternehmender Gesellen den feindlichen Caziken aufsuchte und unter der Vorspiegelung besonderer Auszeichnung zu bereden wußte, sich mit glänzenden Handfesseln schmücken zu lassen, an denen kleine Glöckchen, woran die Indianer ganz besonders Gefallen fanden, befestigt waren. Der auf solche Weise bereits halbgefangene Häuptling mußte sich dann zu Hojeda auf sein Roß setzen, um dergestalt, mit den neuen Abzeichen eines hohen Ranges geschmückt, in der Mitte seines Volkes zu erscheinen. Statt aber in das Dorf, wie versprochen war, einzureiten, jagte Hojeda mit seinem Gefangenen der Küste zu; die Indianer aber wurden durch das kühne Auftreten des spanischen Ritters und durch das ihnen unbekannte Roß so in Schrecken gesetzt, daß sie zu spät an die Befreiung ihres Herren dachten. Hojeda kam glücklich, wenn auch erschöpft und halbverhungert, mit seinem Gefangenen in Isabella an, wo er den Caziken in die Burg ablieferte. Caonabo blieb hier, sorgfältig bewacht, bis er von Columbus selbst auf seiner Rückreise mit nach Spanien genommen wurde; aber er starb auf der See.

Der Admiral sah sich aus verschiedenen Ursachen bewogen, im Frühjahr 1496 nach Spanien zurückzukehren. Zwar war von Seiten der Regierung ein strenges Verbot ergangen, welches allen privaten Handel mit der neuen Colonie untersagte, daneben war es aber jedem Spanier gestattet, dahin auszuwandern, und überdies durften Handelsschiffe zur Aufsuchung neuer Länder über den Ocean und überall, ausgenommen in Haiti, Handel treiben. Dadurch wurde offenbar das dem Entdecker der neuen Welt gegebene Privilegium verletzt. Columbus wollte daher seine Gerechtsame persönlich wieder in Erinnerung bringen, außerdem aber den Anfeindungen und Verleumdungen, welche bereits gegen ihn und seine Verwaltung laut wurden, entgegen treten. Bei dieser Gelegenheit sollten auch mehr als 200 Colonisten, welche dem Lande zur Last lagen und auf Staatskosten erhalten werden mußten, zurück gebracht werden. So verließ denn der Admiral, nachdem er die Verwaltung der Insel seinem Bruder Bartolome als Adelantado übertragen hatte, am 10. März 1496 mit zwei Schiffen, 225 Spaniern und 30 Indianern Haiti, steuerte durch die Reihe der kleinen Antillen, berührte Guadalupe und langte am 11. Juni in Cadiz an.

10. Die dritte Reise des Columbus und die Entdeckung Südamerikas.

Wiederum zog der Entdecker, wie bei seiner Rückkehr von der ersten Fahrt, mit prunkendem Gefolge durch Spanien an den Königshof. Die vornehmsten Indianer wurden mit goldenem Schmuck behängt, den sie recht augenfällig zur Schau tragen mußten. Andere zeigten Gewürze und feine Hölzer. Dadurch sollte der Glaube an den Reichthum der neuen Länder wieder aufgefrischt und beim Volke verbreitet werden. Durch die Sicherheit seines Auftretens wußte er selbst seiner Behauptung, in Haiti das Ophir Salomos gefunden zu haben, Eingang zu verschaffen. Zwar waren die Zeitverhältnisse seinen weiteren Plänen wenig günstig, denn einerseits war Aragonien mit Frankreich in Krieg verwickelt und alle verfügbaren Mittel und Kräfte des Landes wurden gesammelt, um das Königreich Neapel den Franzosen wieder zu entreißen, andererseits war die große Gönnerin des Columbus, die Königin Isabella, durch Familienangelegenheiten, durch die bevorstehende Vermählung ihrer Kinder, des Infanten Don Juan und der Infantin Dona Juana mit den Kindern des Kaisers Maximilian, dem Erzherzog Philipp und der Prinzessin Margarethe von Oesterreich, vollständig in Anspruch genommen. Trotzdem fanden die spanischen Monarchen noch Gelegenheit, den Bericht des Admirals anzuhören und ihm die wiederholte Versicherung ihrer Gunst auszusprechen. Wenn somit auch nicht sofort zur Ausrüstung eines neuen Geschwaders verschritten werden konnte, so fand Columbus doch Gelegenheit, sich seine Privilegien von neuem bestätigen und die Rechte eines Admirals neu verbriefen zu lassen. Auch die eigenmächtig vorgenommene Ernennung seines Bruders Bartolome zum Statthalter (adelantado) wurde nachträglich bestätigt. Eine neue Verzögerung erlitt die Vorbereitung zur dritten Reise durch den unerwarteten Tod des spanischen Thronerben Don Juan, am 4. October 1497. Die bereits für die indischen Unternehmungen bewilligten Gelder mußten für den französischen Krieg verausgabt werden, so daß erst im Januar 1498 zwei Schiffe mit Vorräthen nach Haiti, zur Versorgung der Colonie, vorausgesendet werden konnten. Die fortdauernden Störungen seines Planes, die in einflußreichen Kreisen offen zu Tage tretende Misgunst gegen seine kostspieligen Unternehmungen lasteten schwer auf dem ungeduldig harrenden Admiral und verstimmten ihn tief. Da für eine neue, auf der Südseite der Insel anzulegende Colonie sich nur mit Mühe eine hinlängliche Anzahl von Auswanderern freiwillig aufbringen ließ, so verfiel Columbus auf den gefährlichen Gedanken, sein indisches Reich mit Sträflingen zu bevölkern. Die spanischen Gerichte erhielten die Anweisung, alle Verbrecher, welche mit Verbannung bestraft werden mußten, nach Indien zu verweisen. Auch die portugiesische Regierung hatte bei den Fahrten Gamas und seiner Nachfolger zu dem Mittel gegriffen, einige Verbrecher zur Ausführung lebensgefährlicher Unternehmungen, Kundschaften und dergleichen mit an Bord zu senden; Columbus ging aber in seinem Plane weiter, und machte die Verbrecher zu Colonisten, welche in der jungen, nur mühsam zu erhaltenden Ansiedlung die Elemente der Unzufriedenheit und Gährung verstärkten. Dazu kam der immer mehr zu Tage tretende Zwiespalt des Admirals mit dem Bischof Fonseca als dem Leiter des indischen Amts, welcher sich den zu hohen Anforderungen des Columbus überall widersetzte. In Folge dieser Misstände und des Miskredits, dem die indischen Angelegenheiten bereits unterlagen, konnte Columbus erst am 30. Mai 1498 die Rhede von San Lucar de Barrameda an der Mündung des Guadalquivir mit sechs Schiffen verlassen und in See gehen.

Um französischen Kaperschiffen, welche ihm vom Cap S. Vicente aus den Weg verlegen wollten, auszuweichen, steuerte der Admiral auf einem Umwege nach Madeira, wo er sich sechs Tage aufhielt, und dann weiter nach den Canarien. Auf der Höhe der Insel Ferro entsandte er drei Schiffe direct nach Haiti und gebot ihnen denselben Cours einzuschlagen, welchen er 1493 genommen hatte, und an der Küste Hispaniolas entlang zu seiner Colonie zu segeln, um derselben neue Hilfsmittel zuzuführen. Er selbst ging weiter gegen Südwesten nach den Capverden, indem er ein größeres Schiff und zwei Caravelen bei sich behielt. Seine Absicht war, die heiße Zone aufzusuchen und in der Nähe des Aequator über das Weltmeer nach Westen zu steuern, denn hier hoffte er die kostbarsten Produkte zu finden. In dem allgemeinen Glauben der Zeit, daß nur die heiße Zone neben den schwarzhäutigen Bewohnern auch die edelsten Erzeugnisse hervorbringe, wurde er durch die Mittheilungen eines angesehenen Seemanns bestärkt, welcher auf Anregung der Monarchen ihm seine Gedanken darüber in einem schmeichelhaften Briefe[248] mittheilte. Moisen Jaime Ferrer aus Blanes, einem catalonischen Hafenorte nordöstlich von Barcelona, huldigte in seinem Schreiben den überschwenglichen Vorstellungen, welche der Admiral von seiner Sendung selbst hatte. Er nannte die Entdeckungsfahrt mehr göttlich als menschlich, bezeichnete den Führer als einen Abgesandten Gottes, welcher ausersehen sei, in den unbekannten Westen das Christenthum zu tragen, wie einst der heilige Apostel Thomas nach dem Osten, nach Indien gezogen sei. Er sprach dabei die Hoffnung aus, daß sein Unternehmen zur Ehre Gottes und zu Nutz und Frommen der ganzen Christenheit, besonders Spaniens gedeihen werde und behauptete, daß nach allen seinen Erkundigungen, welche er in Syrien und Aegypten bei den Händlern über die Herkunft der werthvollsten Produkte eingezogen habe, Edelsteine, Gold, Gewürze und Droguen größtentheils aus der heißen Zone stammten, und daß Columbus diese Dinge nur dort erst in Ueberfluß antreffen werde, wo die Menschen schwarz oder dunkelhäutig wären.

Diese Ideen waren für den Admiral maßgebend, und er machte sie sich dergestalt zu eigen, daß er aus ihnen wiederum als aus unanfechtbaren Lehrsätzen seine seltsamen kosmographischen Folgerungen zog. Wir besitzen von Columbus selbst einen ausführlichen Bericht über den Verlauf seiner dritten Reise,[249] in welchem diese merkwürdigen Ansichten niedergelegt sind. Die eigenthümliche Gemüthsstimmung, welche diese Erzählung durchweht, und welche die Behauptung Ferrers, daß auch er den Columbus für das unmittelbare Werkzeug Gottes halte, noch verstärkte, lernen wir am besten aus den eigenen Worten des Entdeckers kennen, mit denen er den Verlauf seiner ersten Fahrten und die später lautwerdende Misgunst berührt. „Ich zog aus,“ schreibt der Admiral, „im Namen der heiligen Trinität und kehrte bald wieder heim, mit dem Beweis in der Hand von alle dem, was ich gesagt hatte. Ew. Hoheiten schickten mich zum zweitenmale und ich entdeckte in kurzer Zeit durch Gottes Gnade das Festland im äußersten Osten auf einer Strecke von 330 Leguas,[250] und dazu noch 700 Inseln. (!) Ich umsegelte die Insel Hispaniola, welche größer als Spanien ist.“ Diese arge Uebertreibung erklärt sich nur daraus, daß Columbus, ohne eigne Berechnung einfach die auf den Karten (man vergleiche den Globus Behaims) niedergelegte Größe Cipangus (denn dafür hielt er die Insel Haiti), mit jener von Spanien verglich und beide Länder ziemlich gleichgroß gezeichnet fand; denn in Wahrheit ist Spanien mindestens sechsmal und die ganze pyreneische Halbinsel, welche Columbus wahrscheinlich im Auge hatte, sogar mehr als siebenmal so groß wie Haiti. „Dann,“ fährt der Admiral fort, „erhoben sich Klagen und Verdächtigungen, um meine Unternehmungen zu verkleinern, weil ich nicht gleich mit goldbeladenen Schiffen heimkehrte. Die Kürze der Zeit und andere Hemmnisse wurden dabei nicht in Rechnung gebracht. Daher fiel ich, entweder wegen meiner Sünden oder zu meinem Heile, wie ich glaube, in Misgunst und fand bei allem, was ich sagte und wünschte, Widerstand.“ Weiter zeigt er dann mit ausführlichen historischen Belegen, daß er für Spanien das Goldland Ophir wiedergefunden und in Besitz genommen habe. „Von den Capverden segelte ich 480 millas oder 120 Leguas gegen Südwesten (Anfang Juli), wo ich fand, daß der Polarstern 5 Grad hoch stand. Da trat Windstille ein,[251] die Hitze war so groß, daß ich fürchtete, Schiffe und Mannschaften würden versengt. Kein Mann wagte sich unter Deck, um auf Wasser- und Mundvorräthe zu achten.[252] Diese Hitze dauerte acht Tage; am ersten Tage war der Himmel klar, am zweiten wurde es nebelig und regnete es; aber wir fanden keine Erleichterung, so daß ich glaube, wir wären alle umgekommen, wenn die Sonne wie am ersten Tage geschienen hätte. Nach acht Tagen sandte mir Gott einen günstigen Wind und ich steuerte nun nach Westen.“ Columbus gab also den weitern Cours gegen Südwesten auf, weil er sich von seinen frühern Fahrten erinnerte, daß er jenseits von 100 Leguas westlich von den Açoren stets eine merkliche Abnahme der Hitze beobachtet hatte und daher auch jetzt die Region der milderen Temperatur aufzusuchen beschloß. Unter der Breite von Serra Leona, wie er meinte, steuerte der Admiral 17 Tage mit günstigem Winde nach Westen und fand am Morgen des 31. Juli Land. Es war eine in drei Bergen aufsteigende Inselküste. Unter dem Gesange des Salve regina näherte man sich in freudiger Erregung dem Strande. Die Insel erhielt den Namen Trinidad, das zuerst berührte Vorgebirge wurde Cabo de la Galea (jetzt Cap Galeota) benannt. Man hatte also die südlichste der kleinen Antillen erreicht, welche nahe an der Küste des südamerikanischen Continentes liegt. Dieser zunächst gelegene flache Streifen des Festlandes erhielt den Namen Gracia. Auf Trinidad bemerkte man Häuser, von gutgepflegten Gärten umgeben und zahlreiche Menschen. Auch Böte ließen sich blicken, aber scheu vermieden die Schiffer jede Annäherung an die fremdartigen großen Fahrzeuge. Man suchte sie durch Lockmittel, auch durch Musik, die vom Verdeck ertönte, zu bewegen, näher zu kommen; aber vergebens. Man sah nur aus der Ferne, daß sie mit Bogen und Pfeilen und hölzernen Schilden bewaffnet waren, und bemerkte mit Staunen, daß diese Indianer eine viel hellere Hautfarbe hatten, als die früher gesehenen. Ihre Haare waren nach spanischer Art vor der Stirn abgeschnitten.[253] Als Bekleidung trugen sie nur einen aus buntfarbigen Baumwollfäden gefertigten Schamgürtel.

An der Südküste Trinidads segelte der Entdecker gegen Westen, erreichte am 1. August die westliche „Sandspitze“ der Insel, welche sich auf zwei Leguas dem gegenüberliegenden Orinocodelta nähert. Trichterartig verengt sich gegen Westen der Ocean zwischen Insel und Festland und drängt die gewaltigen Massen süßen Wassers, welche sich aus den Deltaarmen des Orinoco ergießen, unter der Wucht des nordwestlich flutenden Aequatorialstromes zu der immer enger werdenden Straße nach dem Pariagolfe. Das Wasser strömte mit solcher Gewalt in den Golf hinein, wie der Guadalquibir bei Hochwasser, also ungefähr 2½ Meilen in einer Stunde. „Wenn man weiter nach Norden fahren will,“ schreibt Columbus, „so trifft man auf eine Reihe von Stromschnellen, welche den Canal durchsetzen und einen furchtbaren Lärm machen. Ich glaubte, dies komme von Felsen und Riffen, welche den Eingang sperren. Dahinter zeigten sich zahlreiche tosende Strudel, wie wenn die Wogen sich über Felsen brechen.“ Außerhalb des Canals gingen die Schiffe vor Anker, denn Columbus fürchtete wegen der Strömung nicht zurückkehren und wegen der vor ihm liegenden Untiefen nicht vorwärts kommen zu können. „Tief in der Nacht vernahm ich vom Decke des Schiffes aus ein furchtbares Getöse, welches von Süden her gegen das Schiff kam.“ Die wirbelnden schiffshohen Wasserberge, welche heranrollten, drohten die Schiffe zu kentern. Columbus war von Jugend auf mit den mannigfachsten Gefahren der See vertraut, aber niemals war er durch die übermächtigen Gewalten des Ocean so in Angst und Schrecken versetzt, als hier.[254]