„Am folgenden Tage,“ erzählt Columbus weiter, „sandte ich unsere Böte aus, um die Straße zu sondiren. Man fand 6 bis 7 Faden Tiefe, aber in heftigen Gegenströmungen flutete das Wasser hier in den Golf hinein und dort wieder aus demselben heraus. Doch gefiel es Gott, uns günstigen Fahrwind zu geben, und so passirte ich diese Straße glücklich und kam bald in ruhiges Wasser. Zum Erstaunen der ganzen Mannschaft war das Wasser im ganzen Golfe, wo man es auch schöpfte, süß und trinkbar. Columbus steuerte nordwärts über das Becken des Golfs auf die gebirgige Halbinsel Paria zu, welche die Bucht im Norden abschließt. Hier zeigte sich ein zweiter, noch engerer und gefährlicherer Schlund, wo sich thurmartig einzelne dunkele Klippen aus der brandenden Flut erhoben. Die Küste der Pariahalbinsel zog sich gegen Südwesten, und da Columbus in dieser Richtung eine ruhige Fahrt hoffte, wendete er sich nach Westen. Je weiter man kam, desto frischer und gesunder zeigte sich das Wasser. Das Land schien angebaut, das Geschwader ging vor Anker, Böte wurden zur Kundschaft ans Gestade geschickt, aber die Hütten waren verlassen. Weiter im Westen, wo das Land flacher wurde, hoffte man mehr Menschen zu finden und wünschte mit ihnen in Verkehr zu treten. Wiederum wurden an der Mündung eines Flusses die Anker ausgeworfen. Dort waren die Eingeborenen zutraulicher, näherten sich den Fremden und gaben an, daß ihr Land Paria heiße, und daß dasselbe weiter gegen Westen noch mehr bewohnt sei. Dies bestätigte sich auch bald, als man noch weiter an dem Lande entlang segelte. Reizende, dicht bewohnte Gegenden luden zum Verkehr ein. Die Eingeborenen kamen an Bord und baten den Admiral, im Namen ihres Königs, ans Land zu kommen. Sie trugen Goldschmuck auf der Brust und mit Perlen besetzte Armbänder. Auf die Nachfrage, wo die Perlen gefunden würden, wiesen sie nach Norden und bemerkten, die Fundstätten lägen nicht allzufern. Am Lande zeigten sich die Indianer sehr höflich, die Häuptlinge an ihrer Spitze empfingen sie, führten sie zu großen, geräumigen Häusern, wo man die Gäste zum Niedersitzen nöthigte und mit Brod, Früchten und verschiedenen Arten von rothem und weißem Wein bewirthete, welcher nicht aus Trauben, sondern aus anderen Früchten bereitet war. Leider konnte man sich nur wenig verständigen, weil man keine Dolmetscher hatte. Von dem Mais, welchen sie anbauten, nahm Columbus später mit nach Spanien, um dieses amerikanische Getreide auch nach der alten Welt zu verpflanzen. Das Gold, womit sie sich schmückten, stammte aus den Bergen an der Grenze des Landes, doch warnte man die Spanier durch Zeichen, sich nicht dahin zu wagen, weil dort Menschenfresser wohnten.[255]

Aber Columbus hatte nicht die Absicht, sich dahin zu wenden, noch auch die Perlenbänke zu besuchen, denn die Mundvorräthe drohten bei der längeren Dauer der Reise zu verderben, auch waren die Schiffe für eine schwierige Entdeckungsfahrt nicht mehr geeignet, und endlich litt er selbst an den Augen und fürchtete, wie es auf einer der früheren Reisen schon geschehen war, zeitweilig des freien Gebrauchs des Augenlichts beraubt zu werden. Da er Paria noch für eine Insel hielt, so hoffte er sie westlich umsegeln zu können, um sich dann nordwärts zu wenden. Ein Caravele wurde zur Prüfung des Fahrwassers vorausgesendet, man fand aber leider, daß sich der Golf westwärts immer mehr verengte, daß unter dem Einströmen zahlreicher Flüsse das Wasser der Bucht vollständig Süßwasser werde, daß demnach nach dieser Richtung kein Ausgang zu finden sei. Man mußte also umkehren, konnte aber der Strömung wegen nicht an dem bisher besuchten und bevölkerten Gestade von Paria wieder entlang gehen, sondern mußte, der Wirbelbewegung des Wassers im Golfe folgend, an den flachen Ufern der Orinocoinseln hin fast bis zum südlichen Eingang zurücksegeln und dann nordwärts den einzigen Ausweg durch den gefürchteten Drachenschlund zwischen Trinidad und Paria wählen. Die Erscheinung der stürmischen Wirbel an den beiden Ausgängen aus der Pariabucht erkannte der Admiral richtig als die Folge des Zusammenstoßes der gewaltigen Wassermassen, welche der Orinoco ergoß, mit der Strömung des Meeres und bezeichnete die Insel Trinidad als ein durch die abspülende Kraft der Gewässer losgetrenntes Stück des Continents. Am 13. August gelang es dem Geschwader glücklich die gefürchtete Straße des Drachenschlundes zu passiren und in das caribische Meer zu kommen. „Als ich den Drachenschlund verließ,“ berichtet der Admiral weiter, „strömte das Meer so mächtig westwärts, daß ich in einem Tage 65 Leguas zurücklegen konnte; und dabei blies nicht etwa ein starker Wind, sondern es wehte ganz gelinde, was mich zu dem Schlusse führte, daß das Meer gegen Süden beständig ansteigt und dem entsprechend gegen Norden abfällt. Ich halte es für sicher, daß das Meerwasser sich mit dem Himmel von Osten nach Westen bewegt und daß es, weil es in diesem Striche reißender fließt, so viel Land abgespült hat, woher die große Zahl von Inseln — Columbus hat die Reihe der kleinen Antillen im Auge — entstanden ist. Und in der That bieten diese Inseln einen weiteren Beweis dafür, da einerseits alle diejenigen Eilande, welche sich von Osten nach Westen oder genauer von Nordwesten nach Südosten erstrecken, breit sind, andererseits diejenigen, die sich von Norden nach Süden oder von Nordosten nach Südwesten ausdehnen, schmal und kleiner sind. Allerdings scheinen die Wasser in einigen Strichen nicht dieselbe Strömungsrichtung zu haben; aber man trifft dies nur an vereinzelten Stellen, wo sie, durch Land aufgehalten, in eine andere Richtung gedrängt werden.

Neben diesen großartigen Anschauungen über physische Erdkunde begegnen wir auch den wunderlichsten Vorstellungen über die Gestaltung der Erde, die jemals ein Seefahrer ausgesprochen. Aus falschen Voraussetzungen, ungenauen astronomischen Beobachtungen und irrigen Verknüpfungen der Naturerscheinungen mit ein für allemal bei dem Entdecker feststehenden Lehrsätzen, die er aus seiner mittelalterlichen Kosmographie geschöpft hatte, baute er sich ein System von Schlüssen auf, welches in der ungeheuerlichen Behauptung gipfelte, die Erde habe nicht Kugelgestalt, sondern sei wie eine Birne geformt.

„Irrige Beobachtungen der Bewegungen des Polarsternes in der Nähe der açorischen Inseln hatten Columbus schon auf seiner ersten Reise bei der Schwäche seiner mathematischen Kenntnisse zu dem Glauben an eine Unregelmäßigkeit in der Kugelgestalt der Erde geführt.“ Dieser Ausspruch Humboldts[256] findet seine Erklärung in den Bemerkungen des Columbus über seine dritte Reise. „Ich bemerkte,“ sagt er, „daß ich den Polarstern während der Nacht in einer Höhe von 5 Grad hatte und seine Geleitsterne (die Sterne β und γ des kleinen Bären) grade über dem Kopfe; dann um Mitternacht befand sich der Stern in 10 Grad Höhe und bei Anbruch des Tages waren die Begleiter zu Füßen, in 5 Grad Höhe. Ich sah das mit Staunen, beobachtete die Sterne mehrere Nächte hindurch auf das sorgfältigste und mußte, da ich meine erste Wahrnehmung bestätigt fand, es für etwas ganz neues ansehen, daß auf einem so kleinen Raume eine so große Differenz am Himmel vor sich gehen könne.“[257] Zur Erklärung dieser „neuen“ Thatsache verfiel nun Columbus auf die Birnengestalt der Erde. Man wird den Trugschlüssen, welche zu diesem Resultate führten, um so leichter folgen können, wenn wir auch im Folgenden die eigenen Worte des Admirals wiedergeben, und dadurch zugleicherzeit die historische Localfarbe des Gemäldes bewahren.

„Ich habe stets gelesen, daß die Welt, Land und Wasser zusammen, sphärisch sei, und die von Ptolemäus gemachten Beobachtungen, so wie diejenigen der anderen Gelehrten, welche über diesen Gegenstand geschrieben, haben durch die Mondfinsternisse und andere Erscheinungen oder Beweise, welche in der Richtung nach Osten und Westen beobachtet sind, so wie durch die Erhebung des Poles über den Horizont von Süden nach Norden, dasselbe dargethan.“

„Ich sah aber eine so große Unregelmäßigkeit (disformidad, Unterschied in der Elevation des Polarsternes), daß ich mir eine andere Vorstellung von der Welt machte, und daß ich daraus schloß, sie sei nicht rund, wie man es bisher beschrieben hat, sondern wie eine Birne gestaltet (de la forma de una pera), welche vollkommen rund ist, mit Ausnahme der Stelle, wo der Stil ansetzt, oder auch wie ein ganz runder Ball, an dem auf irgend einem Punkte eine Art Warze, wie die Brustwarze einer Frau, aufgesetzt ist, und daß dieser Punkt der Warze höher und dem Himmel näher liegt und im äußersten Osten im Ocean sich unter dem Aequator befindet. Ich nenne den äußersten Osten jene Gegend, in welcher alles Land und alle Inseln endigen.[258] Zur Unterstützung dieser Ansicht verweise ich auf die Linie 100 Meilen westlich von den Açoren,[259] von wo gegen Westen sich die Schiffe sanft gegen den Himmel erheben und man sich einer milderen Temperatur erfreut. Die Magnetnadel verändert in Folge dieser Milde ihre Richtung um einen Viertelswind, und je mehr man westwärts kommt und sich (zu der Anschwellung der Birnenform) erhebt, um so mehr weist die Nadel nach Nordwesten. Und diese Erhebung bewirkt die Abweichung des Kreises, welchen der Polarstern mit seinen Begleitern beschreibt. Je mehr man sich dem Aequator nähert, desto höher erheben sich die Gestirne über den Horizont und desto größer wird der Unterschied in den Kreisen sein, welche die Begleitsterne beschreiben. Ptolemäus und andere Gelehrte, welche von dieser Welt geschrieben haben, betrachten die Erde als kugelförmig und meinen, daß sie es überall ebenso sein müsse wie an jenen Orten, wo sie sich befanden; namentlich auf jener Hemisphäre, deren Mittelpunkt mit der Insel Arin zusammenfällt,[260] welche unter dem Aequator (!) zwischen dem arabischen und persischen Meerbusen liegt. Die Grenzen dieser Hemisphäre laufen im Westen durch das Cap S. Vincente in Portugal, im Osten durch Cangara (Cattigara) und das Land der Serer (vgl. oben [S. 6.] und [7.]); und so findet sich keine Schwierigkeit anzunehmen, daß die Erde auf dieser Hälfte kugelförmig sei. Aber die westliche Erdhälfte gleicht einer halben Birne mit der Anschwellung am Stiel. Ptolemäus und die übrigen, welche über die Welt geschrieben haben, kannten diesen Theil der Erde nicht, der damals unbekannt war, und so urtheilten sie nur nach der sphärischen Gestalt auf der ihnen bekannten Seite.“

„Allein auf der von mir entdeckten Erdseite,“ meint Columbus, „liegen die Verhältnisse anders und nöthigen zu anderen Schlußfolgerungen. Denn an der Küste Afrikas, unter dem Parallel von Arguin (vgl. oben [S. 91]) fand ich die Bewohner dunkel und die Erde wie ausgeglüht. Unter der Breite der Capverden waren die Eingebornen noch schwärzer[261] und je weiter nach Süden, desto schwärzer dergestalt, daß unter dem Parallel von Serra Leona, wo der Polarstern sich 5 Grad erhebt, auch die allerschwärzesten Menschen wohnen.“

„Bei meiner Fahrt von hier gegen Westen stieg anfangs die Hitze noch aufs höchste; so bald ich aber die Grenzlinie (100 Meilen westlich von den Açoren) überschritten hatte, fühlte ich, wie die Temperatur milder wurde, so daß mir bei der Insel Trinidad und dem Lande Gracia, welche gleichfalls unter dem 5. Grad n. Br. liegen,[262] das Klima so milde erschien, und Felder und Bäume so schön grün waren, wie im Monat April in den Gärten von Valencia. Dazu waren die Eingebornen nicht so dunkel, als ich sie früher in Indien gesehen hatte. Die liebliche Temperatur rührt nur von der Höhe dieses Theils der Erdoberfläche her. Folglich kann die Erde hier nicht sphärisch gestaltet sein.“

Wenn schon zu diesen mit großer Zuversicht ausgesprochenen neuen Lehrsätzen Alexander von Humboldt bemerkt,[263] daß die Hypothese von der Unregelmäßigkeit der Figur der Erdkugel einen Mangel an mathematischen Vorkenntnissen und eine Verirrung der Einbildungskraft verrathe, die uns mit Recht überraschen müsse; so wächst unser Erstaunen und unsere Verwunderung noch mehr, wenn wir aus dem Munde des Columbus vernehmen, daß er sich in Bezug auf astronomische Vorgänge auf den naivsten Standpunkt des Kinderglaubens der Naturvölker stellt. Um nämlich zu beweisen, daß auf jener birnenförmigen Anschwellung das irdische Paradies liege, und daß er selbst so glücklich gewesen sei, in dessen Nähe zu kommen, fährt er in seiner Deduction also fort: „Was aber noch besonders zur Unterstützung meiner Ansicht beiträgt, ist dieses: Als der Herr die Sonne schuf, geschah es am ersten Punkte des Orients, wo das erste Licht erschien (!)[264] und wo die höchste Erhebung der Erde ist. Obwohl nun Aristoteles der Ansicht gewesen, daß der antarktische Pol oder das Land unter ihm der höchste Theil der Erde und dem Himmel am nächsten sei,[265] haben doch andere Gelehrte sich dagegen erklärt und sich für den arktischen Pol ausgesprochen. Demnach scheint also die Annahme gerechtfertigt, daß ein Theil der Erde dem Himmel näher sei als der andere. An die äquatoriale Zone dachten sie nicht, und das ist keineswegs zu verwundern, denn über diese Region fehlte es an einer genauen Kenntniß, da vor mir noch niemand zur Entdeckung ausgesendet worden.“ „Dort nun,“ führt Columbus aus, „in der Nähe des Drachenschlundes rasen die Wasser des Oceans und kämpfen mit den Ergüssen des Orinoco, welche mit ungeheurer Wucht nach den Ausgängen des Golfes von Paria drängen.“ Diese gewaltigen Strömungen lassen sich nach seiner Meinung nicht anders deuten, als daß die Süßwasserströme aus einer bedeutenden Höhe (von der birnenförmigen Anschwellung) herabrauschen, auf welcher das irdische Paradies gelegen ist.

„Die heilige Schrift bezeugt, daß unser Herr das irdische Paradies schuf, und daß dort vier Flüsse aus einer Quelle entspringen. Ich finde nicht und habe noch nie gefunden irgend eine Schrift der Griechen oder Lateiner, welche genau die Lage des Paradieses angebe und habe es noch auf keiner Karte gefunden, welche nach zuverlässigen Angaben gemacht ist. Einige verlegen es nach Aethiopien an die Quellen des Nil; aber andere, welche diese Länder durchzogen, fanden weder die Temperatur, noch die Sonnenhöhe ihren Ideen entsprechend. Andere wieder haben das Paradies auf den Canarischen Inseln gesucht.“