„St. Isidor, Beda, Strabon (Walafried Strabo, der Verfasser der scholastischen Geschichte) und St. Ambrosius, Scotus und alle gelehrten Theologen stimmen darin überein, daß das Paradies im Osten lag. Ich nehme nicht an, daß das irdische Paradies auf einem steilen Berge liege, wie man es uns gelehrt hat, sondern daß dasselbe auf der Höhe der angedeuteten Anschwellung der Erde gelegen sei, welche sich aus weiter Ferne in unmerklichem Ansteigen erhebt, und daß niemand auf den Gipfel kommen kann; daß aber alle die Wasser, welche hier die See bedecken (am Golfe von Paria), von dort herabkommen. Auch glaube ich nicht, daß dieser erhabene Ort schiffbar ist oder daß dort Wasser sich findet, vielmehr halte ich es für unmöglich, dahinanzusteigen, weil ich überzeugt bin, daß ohne den Willen Gottes niemand zu dem Orte des irdischen Paradieses gelangen kann.“

„Es sind hier also gewichtige Anzeichen für die Nähe des Paradieses, und die Ansichten der heiligen und gelehrten Theologen stimmen mit meinen Beobachtungen überein. Und wenn die Wasser (des Orinoco) nicht aus dem irdischen Paradiese kommen, so scheint das ein noch größeres Wunder zu sein, weil ich nicht glaube, daß man auf der ganzen Welt einen so mächtigen und tiefen Fluß findet. Und ich glaube,“ fügt Columbus an einer andern Stelle hinzu, „daß, wenn der erwähnte Fluß nicht aus dem irdischen Paradiese käme, derselbe in einem ausgedehnten Lande im Süden entspringen müßte, von welchem wir bisher noch keine Kunde gehabt haben.“

Las Casas läßt den Entdecker sogar die Worte gebrauchen: „Sollte es doch ein Festland sein, so wird die gelehrte Welt tief darüber erstaunen.“[266] Der Verfasser der vida del Almirante berichtet dazu noch bestimmter, daß Columbus, nachdem er mehrere Inseln entdeckt hatte, überzeugt gewesen sei, in Paria das Festland erreicht zu haben, weil er darin einen mächtigen Strom gefunden, und weil er die Angabe der Bewohner auf den kleinen Antillen bestätigt gesehen, welche von einem großen Lande im Süden gesprochen. Um so befremdender erscheint das Benehmen des Admirals, der schon am zweiten Tage, nachdem er den Drachenschlund glücklich durchsegelt hatte, mit der Strömung gegen Nordwesten zwischen den Testigos und der Insel Margarita hindurchsteuernd, die kaum als continental erkannten Küsten wieder verließ und, indem er die begonnene Entdeckung kurz abbrach, nach Haiti segelte.

War der Eindruck seiner Paradies-Hypothese so mächtig, daß er sein Auge gegen die ermittelte Existenz einer großen Landmasse verschloß, oder beherrschten seine Autoritäten, welche in diesen Erdstrichen von einem Festlande nichts wußten und nichts berichteten, auch jetzt noch seine Ansichten so sehr, daß er ihnen gegenüber und ihnen entgegengesetzt nicht auszusprechen wagte, was der Augenschein lehrte? Das Räthsel wird nicht gelöst durch die vorgebrachte Entschuldigung, es habe seinen Schiffen bereits an Lebensmitteln gefehlt und er selbst sei von einem Augenleiden befallen gewesen, so daß er sich von den Piloten habe berichten lassen müssen. Denn wenn er wirklich zu einer längeren Erforschungsreise ausgerüstet war, konnten doch die Vorräthe nach Verlauf von 14 Tagen (denn länger weilte er nicht an der Küste Südamerikas) nicht schon erschöpft sein. Auch auf den früheren Reisen war er wochenlang durch Krankheiten an der persönlichen Leitung der Schiffe behindert, ohne seine Unternehmungen deshalb sofort abzubrechen. Vielleicht war es, wie Peschel angibt,[267] innere Unruhe über das Schicksal der Colonie, die er seit 29 Monaten verlassen; weniger wohl Besorgniß, daß die Lebensmittel, welche er zuführte, verderben möchten, denn der größere Theil seiner Flotte war bereits von den Canarien aus direct nach Hispaniola gegangen.

Daß er selbst den rein geographischen Werth seiner neuen Entdeckung weniger würdigte, darf man wohl aus den wunderlichen Theorien schließen, welche er darauf aufbaute, und daß er gegen die Weiterführung der Küstenaufnahmen ziemlich gleichgültig geworden war, spricht auch Humboldt aus:[268] „Columbus legte bei seiner dritten Reise mehr Werth auf die Perlen der Insel Margarita und Cubagua als auf die Entdeckung der Terra firma, da er bis zu seinem Tode fest überzeugt war, schon im November 1492 auf seiner ersten Reise in Cuba einen Theil des festen Landes von Asien berührt zu haben.“

Möglicherweise wollte er auch den immer lauter werdenden Widersachern in Spanien nicht neue Veranlassung zu dem schon oft gehörten Vorwurf geben, daß er in nutzlosen Fahrten viel Geld vergeude, sondern wollte sich ganz der Pflege und Ausbeutung seiner Colonie widmen, um sie so bald wie möglich von den Unterstützungen durch das Mutterland unabhängig zu machen.

In fünf Tagen segelte das Geschwader von der Küste des Continents über das caribische Meer nach Haiti. Die westliche Abdrift führte die Schiffe über ihr Ziel hinaus, so daß, als Columbus das Ufer seines Coloniallandes erreicht hatte, der Cours, nach Osten zurück, eingeschlagen werden mußte, um den Platz der neuen von Bartolomé Colon gegründeten Stadt San Domingo zu erreichen, welche an der Mündung des Ozamáflusses lag.

11. Die Zustände auf Haiti und die Gefangennahme des Columbus.

Während der Abwesenheit des Vicekönigs hatte sein Bruder Bartolomé als Adelantado oder Statthalter die Colonie verwaltet, die Zahl der festen Häuser auf der Insel vermehrt und die Häuptlinge zur Anerkennung der spanischen Oberhoheit gebracht. Der ihnen auferlegte Tribut bestand entweder in Gold oder in anderen den Spaniern willkommenen Erzeugnissen des Landes. Unter dem thätigen Hieronymiten Fray Ramon Pane, welcher innerhalb eines Jahres die Sprache der Eingeborenen erlernte, und unter dem Franziskaner Fray Juan Borgoñon hatte das Bekehrungswerk unter den Indianern begonnen. Nach dieser Richtung war also die Befestigung der Colonie in günstiger Entwicklung begriffen. Anders verhielt es sich mit den eingewanderten Spaniern, den Soldaten und Colonisten. Hier trat der tiefe Gegensatz der Nationalitäten immer greller zu Tage. Daß sie genuesischen Fremdlingen gehorchen mußten, ertrug ihr Stolz mit Widerwillen. Der Adelantado forderte strenge Manneszucht; statt des erträumten glückseligen Lebens, dessen Vorspiegelungen sie über das Meer gelockt hatten, warteten ihrer angestrengte Arbeiten, sollten sie mit Entbehrungen aller Art, selbst mit Hungersnoth kämpfen und wurden in unablässigen Märschen nach allen Theilen des Landes ermüdet.

Während der Abwesenheit des Statthalters brach in der Stadt Isabella der Aufstand aus. Der Commandant Diego Colon, dem es überhaupt an Energie zu fehlen schien, gerieth in eine mißliche Lage, um so mehr, als der Oberrichter Francisco Roldan sich an die Spitze der Unzufriedenen stellte. Bei der Rückkehr des Adelantado mußte Roldan mit seinem Anhange aus der Stadt weichen, fuhr aber fort, die Familie des Columbus zu verdächtigen und zu schmähen als Feinde des spanischen Blutes. Auch das wurde besonders den Genuesen zum Vorwurf gemacht, daß sie die Goldminen als Familienmonopol behandelten. Um die Indianer für sich zu gewinnen, erklärte Roldan ihnen, er wolle sie gegen die Bedrückungen des Statthalters schützen. In Folge dessen verweigerten jene den Tribut und lieferten keine Nahrungsmittel mehr. Selbst die treugebliebenen Spanier wurden durch die nun eintretende Noth entmuthigt und begannen zu desertiren, und wenn nicht im Anfange des Jahres 1498 zwei Schiffe von Spanien neue Lebensmittel und Mannschaften gebracht, so hätte schon damals die Colonie sich vielleicht aufgelöst. Durch diese Zufuhr gewann Bartolomé Colon neue Kräfte, die aufrührerischen Caziken zu bändigen und Roldan in den entfernten Gau von Jaragua zu verdrängen, wo derselbe sich einem üppigen Leben hingab und seinem Gefolge Zügellosigkeiten und Bedrückungen aller Art gestattete. Ende Juli kamen die drei von Columbus vorausgesendeten Schiffe an die Südseite von Haiti, wo Roldan Gelegenheit fand, sofort einen Theil der neuen Ankömmlinge auf seine Seite zu ziehen, und grade einen Monat später traf auch der Admiral selbst bei der neugegründeten Stadt San Domingo ein. Vor allem war ihm daran gelegen, den Unfrieden unter den Spaniern, durch welchen die Entwicklung der Colonisation vollständig gelähmt wurde, zu beseitigen. Da er sah und hörte, daß viele des unerquicklichen Lebens und Treibens auf der Insel überdrüssig geworden waren, denn man vernahm oft den auffälligen Schwur: „So wahr mich Gott wieder nach Castilien bringe“, so erließ Columbus eine Bekanntmachung, in welcher er jedem Spanier gestattete, auf einem der fünf zur Abfahrt nach Spanien vorbereiteten Schiffe in die Heimat zurückzukehren. Er hoffte dadurch besonders die Zahl seiner Widersacher und der Misvergnügten zu lichten. Aber Roldan und seine Partei gingen darauf nicht ein; sie hielten sich für mächtig genug, dem Vicekönige zu trotzen. Dieser ließ sich dann sogar dazu herbei, einen freundlichen Brief an den Oberrichter zu schreiben und eine Versöhnung anzutragen, fand aber auch dafür kein Gehör; denn seine Gegner erkannten seine hilflose Lage, daß er ohne Geld gekommen und seinen Soldaten den rückständigen Sold nicht bezahlen, sich bei einem ausbrechenden Kampfe also auch nicht auf sie verlassen konnte.