Die Flotte, auf welcher Columbus gekommen war, mußte, nach dem Vertrage mit den Rhedern, binnen Monatsfrist wieder abgefertigt werden, und wenn er sie auch bis über sechs Wochen zurückbehielt, so mußte er sie doch endlich am 18. October entlassen, ohne, wie er gewünscht hatte, den spanischen Monarchen von dem wiedergewonnenen Frieden in der Colonie berichten zu können. Er schilderte in seinem Briefe seine Gegner als Diebe, Schurken, Räuber und Landstreicher und erklärte in seiner Aufregung, er werde sich noch genöthigt sehen, die äußersten Gewaltmaßregeln anzuwenden, um diese Friedensstörer zu vernichten.

Natürlich hatte auch die Gegenpartei Gelegenheit gefunden, in einem Schreiben an die Regierung ihr Verhalten zu begründen und über den Admiral und seine Verwandten die ärgsten Beschuldigungen von Willkürherrschaft und Grausamkeit vorzubringen, wodurch die Feindschaft gegen die Genuesen am spanischen Hof neue Nahrung gewann. Das konnte freilich nicht ohne bedenkliche Folgen auf die Anschauung der Monarchen bleiben.

Columbus sah sich wieder zu neuen Verhandlungen getrieben und mußte schließlich, wenn auch widerstrebend, unter schimpflichen Bedingungen mit den Meuterern Frieden machen. Dieselben erhielten demgemäß zwei Schiffe mit Proviant, um nach Spanien zurückkehren zu können. Auch mußte ihnen der Vicekönig einen Schein ausstellen, wonach ihnen der rückständige Sold in Spanien bezahlt werden sollte und ertheilte ihnen schließlich sogar noch das Zeugniß, daß sie sich in Indien um den König wohl verdient gemacht hätten. Alle, welche in Indien bleiben wollten, erhielten freie Geleitsbriefe.

Weil aber Columbus die versprochenen Schiffe zur gesetzten Frist nicht ausrüsten konnte, erklärten seine Gegner auch diesen Vertrag für nichtig. So dauerte die Zwietracht bis zum September 1499. Endlich bequemte sich Columbus sogar dazu, Roldan wieder als Oberrichter einzusetzen, dessen Parteigenossen mit Ländereien zu beschenken und zu gestatten, daß, wenn der rückständige Sold nicht voll ausgezahlt werde, die Meuterer das Recht haben sollten, diese Zusagen mit Gewalt zu erzwingen.

Tiefer konnte sich ein Statthalter nicht erniedrigen, als in solcher Weise den Aufruhr durch Belohnung auszuzeichnen. Zwar hatte Columbus gar nicht die Absicht, diese Versprechungen zu halten, und darum den Vertrag an Bord eines Schiffes unterzeichnet, wo er, wie er sich selbst und auch seinem königlichen Herrn zu bereden suchte, nur in seiner Stellung als Admiral rechtskräftige Urkunden unterzeichnen konnte, während der Ausgleich mit den Meuterern hätte von ihm auf dem Lande in seiner Eigenschaft als Vicekönig vollzogen werden müssen.[269] Aber zeigte er durch solche Handlungs- und Denkweise nicht auf das klarste, daß ihm zu einer höchsten Verwaltungsstelle alle Befähigung abging?

In Spanien hörten die Klagen gegen ihn nicht auf. Daß er den Antheil der Krone an der Ausbeute aus den Goldminen nicht rechtzeitig einsandte, nannte man bereits Unterschlagung; und daß er den Oberrichter Roldan, den er selbst gleichsam als seinen Liebling großgezogen und zu der hohen Stellung vorgeschlagen hatte, jetzt als seinen gefährlichsten Feind bezeichnete, mußte Bedenken erregen. Die Königin war erzürnt, daß Columbus mit dem letzten Geschwader wiederum, um dem Fiscus Geld zuzuführen, eine Fracht von Sklaven gesendet hatte, statt der so oft in Aussicht gestellten Schätze von edlem Metall und Gewürzen.

Man sah wohl, daß die Colonie unter den beständigen Wirren ihrer Auflösung entgegenging. Ein Mittel, die Ordnung wieder herzustellen, bot sich in dem Wunsche des Vicekönigs, welcher um einen tüchtigen Richter bat, um die Streitigkeiten auf der Insel zu untersuchen und Recht zu sprechen. Aber die königliche Vollmacht, welche dem neuen Richter auch die ganze Verwaltung der Insel übertrug und von Columbus sogar die Uebergabe der höchsten militärischen Gewalt verlangte, ging wiederum zu weit, weil sie die wiederholt bestätigten Rechte des Genuesen als Vicekönig ohne weiteres bei Seite schob.[270] Francisco de Bobadilla, dem so weitgehende Befugnisse durch Decret vom Mai 1499 ertheilt wurden, erhielt sogar das Recht, jeden, der ihm für das Wohl der Colonie gefährlich schien, mit Gewalt aus der Insel zu entfernen. Seine Entsendung nach Haiti erfolgte aber erst im Sommer 1500, seine Ankunft vor San Domingo am 23. August. In der Woche zuvor hatte Columbus noch sieben Spanier mit dem Tode am Galgen bestraft, weil sie Unruhen anstifteten; und doch schrieb er an die Amme des Prinzen Juan: „als Bobadilla nach S. Domingo kam, war die Insel ruhig“. Bobadilla sah die Leichen der Erhängten noch am Galgen beiderseits der Einfahrt in den Hafen, und sah diese Art der Justiz als einen Beleg für die Grausamkeit des Genuesen an, welcher er entgegentreten müßte. Weder der Admiral noch sein Bruder Bartolomé waren um diese Zeit in der Stadt anwesend. Bobadilla landete am nächsten Morgen mit seiner Schar, und ließ, nachdem er in der Kirche der Messe beigewohnt, seine Beglaubigungsschreiben der versammelten Menge vorlesen. Als er dann noch zum Schluß das königliche Mandat verkündigte, daß allen in königlichen Diensten Stehenden der rückständige Gehalt ausgezahlt werden solle, hatte er bereits einen großen Theil der Spanier gewonnen. Dann drang er mit Gewalt, aber ohne Blutvergießen in die Festung ein und ließ sich die Gefangenen ausliefern, um seinem Amte gemäß ihre Vergehen zu untersuchen. Seine Wohnung nahm er im Hause des Columbus, dessen Eigenthum und Papiere er mit Beschlag belegte, als sei er nur abgesendet, dem Vicekönig den Proceß zu machen, nicht aber, die Rechtsansprüche beider Parteien zu prüfen. Das ganze Volk zog er aber dadurch auf seine Seite, daß er am nächsten Tage verkündigen ließ, in den nächsten 20 Jahren könne jedermann ungehindert sich mit Goldgewinnung befassen, falls nur der eilfte Theil des Ertrages an die Krone abgeliefert würde. So entfremdete er mit Ausnahme der wenigen Getreuen dem Vicekönig die Gemüther aller Spanier und konnte es auch wagen, indem er den ihm gewordenen königlichen Auftrag verkannte und überschritt, Hand an den Admiral und seine Verwandten zu legen. Gebieterisch fordert er diesen auf, vor ihm zu erscheinen, und Columbus leistete, als er die königlichen Befehle gesehen, Folge, indem er ohne Begleitung nach San Domingo reiste. Mittlerweile hatte Bobadilla den Bruder des Vicekönigs, Don Diego, in Ketten an Bord eines seiner Schiffe bringen lassen. Gleiches Schicksal widerfuhr kurz darauf dem Admiral selbst. Bobadilla erreichte von dem Gefangenen sogar, daß dieser seinem energischen Bruder Bartolomé schrieb, er möge sich gleichfalls der königlichen Entscheidung unterwerfen. So wurde auch der dritte von den genuesischen Brüdern gefesselt. Bobadilla scheute sich, persönlich mit den Gefangenen zu verkehren. „Ich habe nie mit ihm gesprochen,“ klagte Columbus in seinem Briefe an die Amme des Prinzen, „auch hat er keinem anderen erlaubt, mit mir zu sprechen. Ein Gouverneur, der z. B. nach Sicilien geschickt wird und das Land nach bestehenden Gesetzen friedlich regiert, hat eine ganz andere Stellung als ich in einem ganz fremden, neu unterworfenen Lande mit fremden Menschen und Sitten. Wenn ich geirrt habe, so geschah es ohne Schuld oder unter dem Zwange der Verhältnisse. Was mich am meisten kränkt, ist die Wegnahme meiner Papiere, die ich nie wieder sammeln kann, und die meine Unschuld am besten beweisen würden.“[271]

Columbus war durch die ihm widerfahrene Schmach so vollständig gebrochen, daß er selbst für sein Leben fürchtete. Als der Hidalgo Alonso de Villejo, ein Verwandter Fonsecas, mit der Wache bei ihm erschien, um ihn aufs Schiff zu bringen, fragte Columbus, in dem Glauben, man führe ihn zum Tode: „Villejo, wohin führt Ihr mich?“ „Aufs Schiff um abzusegeln,“ lautete die Antwort. „Abzusegeln?“ wiederholte der Admiral fast ungläubig. „Villejo, redet Ihr die Wahrheit?“ Erst bei der wiederholten Versicherung, daß man ihn nicht täusche, fühlte sich Columbus beruhigt. Auch fand er sowohl bei dem Schiffscapitän Andreas Martin als bei Villejo Ehrerbietung und Theilnahme. Man wollte ihm die Ketten abnehmen; aber er lehnte es ab: Spanien sollte die Schmach sehen, die ihm, angeblich auf königliches Geheiß, als Lohn für seine hohen Verdienste angethan war. Eine kurze und glückliche Ueberfahrt ließ ihn schon in der letzten Woche des November 1500 in Cadiz landen.

Der Hof befand sich in Granada. Der Capitän Andreas Martin hatte gestattet, daß Columbus einen Brief an die Amme des Prinzen richten dürfe, welche, wie er wußte, bei der Königin bedeutenden Einfluß besaß. So gelangte die Darstellung der Verhältnisse nach seiner Auffassung eher zu Ohren des Königpaars, als der bestimmt feindselige Bericht Bobadilla’s.

Wie es schon in Cadiz und Sevilla, soweit die Kunde gedrungen war, das größte Aufsehen erregte, daß man den Entdecker der neuen Welt in Ketten nach Spanien zurückbefördert hatte, so fühlten auch die Monarchen, daß die gleichsam in ihren Namen dem Vicekönig angethane Schmach ihren Schatten auf die eigne Majestät werfe, und gaben daher sofort ihr höchstes Misfallen darüber zu erkennen. Columbus sollte sogleich seiner Fesseln entledigt und mit aller ihm gebührenden Auszeichnung behandelt werden. Zu gleicher Zeit ließen sie ihm eine bedeutende Summe (2000 Ducaten) zustellen, damit er seinem Range gemäß reisen und bei Hofe erscheinen könne. Daß er in seinen Ketten vor dem Thron erschienen, darf wohl als romantische Ausschmückung bezeichnet werden; eher aber dürfen wir dem Zeugniß Herreras[272] glauben, daß Columbus, als er vor den Majestäten am 17. December erschien, und dem Königspaar knieend seine Huldigung darbrachte, vor innerer Bewegung nicht sprechen konnte.