Wenn ihm auch bei dieser Gelegenheit und in Zukunft stets mit Auszeichnung begegnet wurde, und er darin eine Vergeltung für das ihm zugefügte bittere Unrecht erblicken konnte, so sah er sich in dem Einen, was er vor allem wünschte, getäuscht, daß er nicht wieder in seine Hoheitsrechte über die neue Welt eingesetzt wurde.

12. Die letzte Reise des Columbus.

Es scheint, als ob König Ferdinand vor der Hand nicht daran dachte, den einmal vollendeten Eingriff in die Rechte des Columbus wieder rückgängig zu machen. Die Verwaltung der indischen Colonien mußte vor allem in einen geregelten Gang gebracht werden. Bobadilla hatte sich durchaus untauglich gezeigt durch die übereilte Parteinahme gegen den rechtmäßigen Statthalter, den er, ohne ihn nur zu sehen und zu hören, von der Insel entfernte. Seine Anordnungen lockerten alle Bande, Zügellosigkeit und Gesetzwidrigkeiten traten an die Stelle der straffen Zucht Bartolomé’s, so daß die bessern Elemente sich von dem neuen Regimente abwandten. Auch war man auf der Insel selbst dem beseitigten Befehlshaber eine entschiedene Genugthuung schuldig. Daher wurde im königlichen Rathe beschlossen, Bobadilla durch den gerechten und unparteiischen Don Nicolas de Ovando zu ersetzen; denn es galt zu gleicher Zeit auch, den nutzlosen Bedrückungen und Grausamkeiten, welche sich die spanischen Herren über ihre indischen Unterthanen erlaubten, ein Ziel zu setzen. Ovando erhielt von der Königin Isabella den ausdrücklichen Befehl, den Caziken und andern Indianern die bestimmte Versicherung zu geben, daß sie selbst ihre neuen Unterthanen in jeder Beziehung zu beschützen gesonnen sei. Nur für den königlichen Dienst sollten die Indianer zu Arbeiten herangezogen werden dürfen. Dieses letzte Recht bot aber in der Folgezeit wieder die Handhabe für fortdauernde neue Quälereien. Auch sollte es gestattet sein, gewiß in der guten Absicht, die Indianer zu entlasten, Negersklaven nach Haiti einzuführen entweder von Spanien oder von der Westküste Afrikas, wo der Menschenhandel schon seit langer Zeit bestand. Damit war der erste Anlaß zu dem für Amerika so verhängnißvoll gewordenen schwarzen Sklaventhum gegeben, welches in den folgenden Jahrhunderten so oft zu blutigen Conflicten und staatserschütternden Kämpfen führen und — ein eignes Verhängniß — nach 300 Jahren grade die erste spanische Colonie, Haiti, ganz in die Hände der Schwarzen und Farbigen liefern sollte.

Das von Bobadilla confiscirte Vermögen des Statthalters sollte Ovando zurückfordern, die dem Vicekönig zustehenden Einkünfte ihm ungeschmälert überweisen, die von Bobadilla erlassene Verfügung bezüglich des freien Bergbaus auf Gold wieder aufheben.

Das Vertrauen, welches man in Spanien auf die Tüchtigkeit Ovando’s setzte und die Hoffnung, mit seinem Eintreffen in Haiti die Colonie geordneten Verhältnissen wieder zugeführt zu sehen, ermuthigte eine große Zahl von Auswanderungslustigen, ihr Heil in der neuen Welt zu suchen. So segelte er mit 30 Schiffen und 2500 Personen am 13. Februar 1502 von San Lucar de Barrameda ab. Ein Schiff ging leider im Sturm unter, die übrigen erreichten indeß am 15. April ihr Ziel. Ovando wurde ohne Schwierigkeit, nachdem er die königlichen Befehle vorgelegt, als Statthalter anerkannt. Gegen Bobadilla, dessen Ansehen mit einem Male verschwand, wurde keine Untersuchung eingeleitet, doch mußte er nach Spanien zurückkehren. Roldan dagegen und seine eifrigsten Parteigänger wurden in Haft genommen und zur Verurtheilung auf die Flotte gebracht, welche den neuen Befehlshaber herübergeführt hatte. Nachdem dieselbe befrachtet war, sollte sie in die Heimat zurückkehren.

Columbus hatte inzwischen, da er sah, daß er nicht sofort in seine westindische Herrschaft wieder eingesetzt werde, sich zu einer neuen großen Entdeckungsfahrt gegen Westen erboten. Man darf annehmen, daß die Erfolge der Portugiesen einen wesentlichen Einfluß auf seine neuen Pläne ausübten. Vasco da Gama war im September 1499 aus dem indischen Gewürzlande zurückgekehrt, zu einer Zeit also, wo Columbus noch in heftigem Kampfe gegen Roldan lag. In Spanien hatte er weitere Nachrichten über Indien eingezogen, und da er sich überzeugt hielt, das Ostgestade des asiatischen Continents bereits in Cuba und Paria berührt zu haben, da ferner durch die Entdeckungsfahrten spanischer Privatunternehmer, der Hojeda, Vespucci, Pinzon noch weitere Küsten des Festlandes, zu welchem Paria gehörte, besucht waren, so schloß er daraus, eine Fahrt zwischen Cuba und Paria gegen Westen werde ihn nach dem portugiesischen Indien bringen. Die gewaltige Meeresströmung, welche an der Küste Südamerikas ungestüm nach Westen drängte, mußte nach seiner Vorstellung durch eine noch unerforschte Meerenge führen, hinter welcher er das indische Meer „jenseits des Ganges“, wie es seit dem Alterthum genannt wurde, zu finden meinte. Durch diese Vorstellungen war die Richtung der neuen von ihm ins Auge gefaßten Unternehmung bestimmt. Sein Plan wurde von den spanischen Souveränen gern genehmigt, und so konnte er bereits im Herbste 1501 an die Vorbereitungen zur Ausrüstung der bewilligten Schiffe gehen. Er scheint selbst sein Leben daran setzen zu wollen, um einen großen Erfolg zu erzielen; aber als ein vorsichtiger Mann wollte er dabei die Zukunft seiner Familie möglichst sicher stellen. Darum ließ er von den wichtigsten Dokumenten beglaubigte Abschriften nehmen und dieselben in der Bank von Genua niederlegen. Darunter befand sich auch die am 14. März 1502 von der Krone gegebene erneuerte Versicherung, daß ihm und seinen Kindern alle seine verbrieften Rechte unverkürzt erhalten bleiben sollten. Er hatte vier kleine Caravelen, von 70 resp. 50 Tons ausgerüstet und mit 150 Leuten bemannt. Sein Bruder Bartolomé, der ihm überall die kräftigste Stütze gewesen war, sowie sein jüngerer, damals erst 13jähriger Sohn Ferdinand begleiteten ihn.

Am 9. Mai 1502 ging er von Cadiz aus in See. Beseelt von frommer Hoffnung, daß seine Unternehmung gelingen werde, schrieb er von den Canarien aus an seinen Freund und Rathgeber, der Karthäusermönch Gaspar Gorricio in Sevilla. „Ich reise im Namen der heiligen Trinität und hoffe auf Sieg“.[273] Eine rasche Fahrt von 19 Tagen brachte das Geschwader von den Canarischen Inseln über den Ocean nach Martinique (Matinino) und von hier an den kleinen Antillen und der Südküste von Puertorico entlang nach San Domingo. So lange seine Schiffe im Stande waren, wollte er seine Reise beeilen, aber da eins derselben zur Forschungsreise untauglich war und schlecht segelte, so wollte er dasselbe gegen ein besseres vertauschen und dieses auf seine Kosten ausrüsten lassen. Im Haupthafen von San Domingo lag die große Flotte noch vor Anker, als er am 29. Juni vor der Stadt erschien. Aber Ovando gestattete dem Admiral nicht, ans Land zu kommen und Columbus hinwieder hatte sich mit der Hoffnung geschmeichelt, sein gesunkenes Ansehen in seiner Colonie wieder zu heben, wenn er als Befehlshaber eines Geschwaders einlaufe. Nur die von ihm aus Spanien mitgebrachten Briefe konnten abgegeben werden, Ovando lehnte jede weitere Annäherung ab. Auch darin fand Columbus kein Gehör, daß er aus astrologischen Ursachen[274] den nahebevorstehenden Ausbruch eines furchtbaren Sturmes verkündete und daher den Statthalter Ovando warnte, vor Ablauf einer Woche die im Hafen segelbereite Flotte, auf welcher sich Bobadilla, Roldan u. a. befanden, nicht abfertigen zu wollen.

Wenn nun bald darauf, als die Flotte wirklich ausgelaufen war, der Orkan losbrach, gegen 20 Schiffe mit Mann und Maus verschlang und dabei auch Bobadilla und Roldan vernichtete; wenn von allen Fahrzeugen nur ein einziges, und dazu ziemlich gebrechliches, welches aber das wieder ausgelieferte Vermögen des Admirals an Bord hatte, endlich nach Spanien die Reise fortsetzen konnte: mußte Columbus in allem nicht die unmittelbare Hand Gottes und sein Strafgericht erkennen? Er selbst hatte sich mit seinen vier Schiffen in die Nähe der Küste geflüchtet und dort das verderbliche Unwetter glücklich überstanden, wenn auch der schlechte Segler, den sein Bruder befehligte, aufs Meer getrieben und seiner Böte beraubt wurde. „Der Sturm war furchtbar,“ schreibt Columbus, „die Schiffe wurden getrennt und ich fürchtete, daß die übrigen untergegangen. Wie schmerzlich ist es bei solcher Gefahr und in Angst um den Sohn, den Bruder, die Freunde, nicht ans Land oder in den Hafen flüchten zu dürfen, an einer Küste, welche ich unter so vielen Mühseligkeiten für Spanien selbst gewonnen habe.“

Am 14. Juli segelte Columbus von Haiti ab und steuerte, indem er die Inseln Jamaica und Cuba zur Rechten ließ, grade gegen Westen. Jenseits Jamaica trieb ihn aber eine heftige Strömung gegen Nordwesten bis zu der Region, wo die „Gärten der Königin“ lagen, doch sah er das Land nicht. Von hier steuerte er nach der terra firma hinüber und erreichte am 30. Juli die im äußeren Golf von Honduras gelegene Insel Guanaja,[275] welche er nach dem prächtigen Fichtenwalde Isla de Pinos nannte. Dort traf er mit yukatanischen Händlern zusammen, welche in ihren großen, aus einem Stamm gefertigte Barken allerlei Handelswaren hatten, als messingene Schellen, Messer und Beile von hellem, durchscheinenden Stein, hölzerne Schwerter, deren Schneiden aus scharfen Steinen bestanden, welche beiderseits in Rinnen eingefügt waren, schön geschnitzte hölzerne und marmorne Gefäße, baumwollene, in verschiedenen Farben gewebte Decken u. a. Columbus erkundigte sich bei den Insassen der Böte nach dem Lande im Westen. Man nannte das Land der Maya (Yukatan). Da die Handelswaren eine höhere Kultur verriethen, als die Spanier bisher im westindischen Gebiete angetroffen, so wäre Columbus, wenn er die Heimat der einheimischen Händler aufgesucht hätte, zu den Städten in Yukatan, vielleicht gar an das Gestade von Mexiko gelangt. Aber von der Vorstellung einer Meerenge beherrscht, welche ihn weiter südlich um die vermeintliche hinterindische Halbinsel, in deren Nähe er sich zu befinden glaubte, in den Golf von Bengalen führen sollte, blieb der Admiral seinem Plane treu und segelte statt nach Westen, nach Osten, und sah sich dadurch auch bei der letzten Fahrt auf die Erforschung innerhalb des caribischen Meeres beschränkt. Zunächst ging der Admiral nach dem im Süden gelegenen festen Lande hinüber und landete in der Nähe des Cap Honduras, um von dem neu entdeckten Gebiete für Spanien Besitz zu ergreifen. Es scheint, daß er bei dem fortdauernd schlechten Wetter hier gegen 14 Tage verweilte, dann steuerte er an der Küste gegen Osten. Aber die heftigen Stürme und die furchtbare Gegenströmung ließen ihn kaum einen Schritt vorwärts gewinnen. In einem Zeitraum von vier Wochen, vom 14. August bis zum 12. September (Columbus gibt irrthümlich 60 Tage, Peter Martyr richtiger 40 Tage, den Aufenthalt bei Guanaja eingerechnet), legte er, unter stetem Laviren, nur einen Abstand von drei Meridianen zurück. „Es regnete, donnerte und blitzte unaufhörlich, es sah aus, als ob die Welt untergehen sollte. In der ganzen Zeit sah ich weder Sonne noch Sterne. Meine Schiffe hatten furchtbar gelitten, die Segel waren zerrissen. Wir hatten Anker, Takelwerk, Böte und eine große Menge Vorräthe eingebüßt. Das Schiffsvolk war krank und niedergedrückt. Manche gelobten ein religiöses Leben zu führen und alle verpflichteten sich zu Walfahrt und Beichte. Wir haben manche Stürme erlebt, aber nie einen von solcher Heftigkeit.“[276] Am meisten war Columbus um seinen 13jährigen Sohn besorgt; aber er fand einen Trost darin, daß dieser sich auf der See bewährte. Dann machte er sich Vorwürfe darüber, daß er seinen Bruder Bartolomé, den er gegen dessen Willen mitgenommen, stets der äußersten Gefahr ausgesetzt sah, weil er sich auf dem schlechtesten Fahrzeuge befand. Der Admiral selbst lag fieberkrank danieder, leitete aber trotzdem von einer kleinen Cabine aus, die auf Deck errichtet worden war, den Lauf des Schiffes. Krankheit und Sorgen preßten ihm die Klage aus, daß er nun in 20 Dienstjahren voll Mühen und Gefahren noch nichts gewonnen habe und bis jetzt in Castilien noch keinen Dachziegel erworben habe, daß er in Spanien beständig auf das Wirthshausleben angewiesen gewesen sei und meistens kaum die Mittel besessen habe, um seine Rechnungen bezahlen zu können.

So erreichte er endlich am 12. September das östlichste Vorgebirge von Honduras, von wo die Küste nach Süden lief und ihm besseres Wetter und günstiger Fahrwind in Aussicht stand.