Zum Dank für die Errettung Aller nannte er jenes Vorgebirge Gracias à Dios (Gott sei Dank), wie es noch heute heißt. Die Küste, welche sich von da ab, zwischen dem 15° und 10° n. Br. nach Süden zog, bewahrte zwar noch denselben Charakter, aber die Fahrt ging leichter von statten. Hinter dem flachen, sandigen Strande breiten sich zahlreiche Lagunen hin. Der Boden ist, bisweilen bis dicht ans Meer, mit Pechtannen bewachsen oder mit üppigem Platanenwald bedeckt. Große Savannenflächen breiten sich dazwischen aus. Die ganze Gegend gilt als gesund. Erzgänge kennt man hier nicht; aber manche Flüsse, wie der Rio Tinto gegen Norden, und der Rio Pataca scheinen reich an goldführendem Sande zu sein.

Am 25. September gelangte das Geschwader zu einer reizenden Gestadeinsel, welche Columbus den Garten (la Huerta) benannte. Am festen Lande lag, in der Nähe der Mündung eines Flusses, das Indianerdorf Cariai.[277] Hier gönnte er (vielleicht in der Nähe der heutigen Stadt Greytown) seiner Mannschaft eine längere Ruhe, ließ die Schiffe ausbessern und Vorräthe einnehmen. Aus den Erkundigungen, welche Bartolomé Colon am Lande einzog, ging hervor, daß weiter gegen Südosten reiche Goldgestade ihrer warteten. So steuerten denn die Schiffe am 5. October dieser verheißenden Küste zu und kamen nach zwei Tagen in die heutige inselreiche Bai von Chiriqui. Die Indianer nannten diese Gegend Cerabaró oder Carabaro. „Ich selbst,“ schreibt Columbus, „erhielt Mittheilung über die gesuchten Goldbergwerke in der Provinz Ciamba und zwei Indianer führten mich nach Carambaru, wo das nackte Volk Goldschmuck am Halse trug.“

Die Provinz Ciamba, welche Columbus nennt, ist das schon von Polo erwähnte Königreich Tschampa in Hinter-Indien. Der Irrthum des Admirals erklärt sich aber, sowie wir einen Blick auf den Globus Behaims werfen. Westlich von Cipangu (Haiti, nach Ansicht des Columbus) erstreckt sich die Ostküste Asiens zwischen dem 20° und 10° n. Br. von Norden nach Süden. An dieser Küste glaubte der Admiral angelangt zu sein, und eben hier sehen wir auf Behaims Globus das Königreich Ciamba eingezeichnet. So fest war auch hier wieder Columbus von seinen Ideen eingenommen, daß er ohne weitere Erklärung und mit der größten Sicherheit von der „Provinz Ciamba“ spricht.

Wo südlich von der Mündung des Rio San Juan die Küste des mittelamerikanischen Isthmus in den Staaten Costarica und Panama sich im allgemeinen mehr nach Osten zieht, ändert sich die Natur des Gestades. Dicht bewaldete Berge treten bis an die See; größere und kleinere, zum Theil mit Berginseln malerisch besetzte Buchten öffnen sich und bieten guten Ankergrund. Gegenüber von Carabaró lag auf den anderen Seiten der herrlichen, fischreichen Bucht von Chiriqui die Landschaft Aburéma, beide reich an Gold in allen Flüssen. Hier war es, wo Columbus die erste dunkle Kunde von dem großen Ocean erhielt, diese Nachricht aber auf das indische Meer jenseits des Ganges bezog. Neun Tagereisen quer durch das Land nach Westen lag nach den Angaben der Indianer, denen man Glauben schenken durfte, das goldreiche Land Ciguara, dessen Bewohner Korallenschmuck im Haar und große Korallenarmbänder trugen. Auch sollte dort der Pfeffer bekannt sein. Columbus erfuhr weiter, daß in jenem Lande Messen und Märkte abgehalten würden, daß die Leute kunstreich gearbeitete Kleidung trügen, mit Schwertern, Bogen und Pfeilen bewaffnet, sogar mit Harnischen gerüstet seien. Auch glaubte der Admiral aus den weiteren Mittheilungen zu verstehen, daß das Volk auf seinen Schiffen Kanonen führe und Streitrosse besitze. Die goldreiche Küste jenseits der Bai von Chiriqui wurde nach einem Indianerorte Veragua genannt. Eine höhere, der Küste parallel laufende Gebirgskette war fast immer in Wolken gehüllt. Ihre Gipfel schätzte Columbus auf 50,000 Fuß Höhe. Am Fuß der Gebirge, sagte er, öffne sich ein Pfad zu dem asiatischen Ostmeere, so daß Veragua und Ciguara einander gegenüber liegen wie Tortosa und Fuentarabia in Spanien, oder Venedig und Pisa in Italien. Er hoffte also, da er sich die mittelamerikanischen Landschaften auf den einander gegenüberliegenden Küsten einer Halbinsel, wie Spanien und Italien vorstellte, bei einer Weiterfahrt das Ende des Landes umsegeln zu können und eine Meerenge zu finden in ähnlicher Lage, wie südlich von Italien oder Spanien. Darum fügt er hinzu: Die See umgibt Ciguara und in 10 Tagen kommt man von da zum Ganges. Er glaubte also nahe dem südlichen Ende der hinterindischen Halbinsel zu sein, wo nach der Vorstellung des Ptolemäus der Hafen Catigara lag. Bestärkt wurde Columbus noch durch die Angaben der Kosmographie des Aeneas Sylvius[278] (Papst Pius II.), welche er auf seinem Schiffe mit sich führte. Hier fand er bei der Beschreibung Ostasiens, Katais und Matschins (Großchinas) Mittheilungen über das Tätowiren, über den Sonnenkultus u. a., was er an der Küste von Mittelamerika auch beobachtet hatte, so daß er daraus folgerte, er sei in die Nähe des alten Handelshafens von Catigara angelangt, die Halbinsel sei nur noch 9 Tagereisen breit und jenseits derselben erreiche man bei günstiger Fahrt in 10 Tagen den Ganges.

War diese Berechnung richtig und hatte er damit, auf die Autorität des Ptolemäus bauend, welcher Catigara 180 Meridiane östlich von den Canarischen Inseln ansetzt, gegen Westen segelnd, die Hälfte des Erdballs umfahren, dann konnte auch der Umfang der Erde nicht so groß sein, wie seit der Berechnung des Alterthums allgemein angenommen wurde; denn er war sich wohl bewußt, daß er in geradem Abstande von Osten nach Westen noch nicht eine so große Strecke durchmessen hatte, welche der Hälfte des Erdumfanges entspräche. Aber auch vor dieser Consequenz schreckte er nicht zurück und erklärte darum in seinem Briefe aus Jamaica: Die Welt ist nicht so groß, als man gewöhnlich annimmt, denn ein Aequatorialgrad beträgt nicht 60 sondern nur 56⅔ Meilen (millas).[279]

Unter diesen Vorstellungen und in der sicheren Erwartung, die Meerenge bald zu erreichen, segelte er weiter, ohne das Goldland von Veragua genauer zu untersuchen. Am Abend vor Simon und Judä wurde er widerstandslos vom Sturme fortgetrieben und fand erst nach mehreren angstvollen Tagen Schutz vor der wilden See und dem rasenden Sturme in einem prächtigen Hafen, dem er den Namen Puerto bello gab. Hier blieb er vom 2. bis 9. November liegen, bis das Unwetter sich ausgetobt zu haben schien. Nach den Goldminen von Veragua wollte er nicht zurückkehren; er sah sie schon als spanisches Eigenthum an. Unter heftigen Regengüssen segelte er weiter, wurde aber schon nach kurzer Fahrt genöthigt, wider seinen Willen, an der schützenden Küste eine Zuflucht gegen die von neuem losbrechenden Wetter zu suchen. Die Umgebung des Hafenplatzes war wohl angebaut und bot eine willkommene Fülle von Nahrungsmitteln, daher erhielt die Bucht den Namen Puerto de los bastimentos (Hafen der Vorräthe). Sturm und Ungewitter hielten ihn hier bis zum 23. November fest. Als er sich ohne günstiges Wetter von neuem wieder hinauswagte, konnte er unter großer Anstrengung nur 15 Meilen zurücklegen; denn Wind und Strömung waren ihm dermaßen entgegen, daß er nach dem verlassenen Hafen zurückweichen mußte. Unterwegs fand er einen andern Hafen, den er Retrete nannte. Es war ein ganz kleiner, unbequemer Hafen, der von Sandbänken und Felsen umsäumt war. Hier ward er von neuem auf die Dauer von 14 Tagen festgehalten. Am 5. December, als er die Zufluchtsstätte verlassen und nur vier Meilen weit gekommen war, brach der Sturm mit gesteigerter Wuth wieder los und machte ihn völlig rathlos. Die schaumbedeckte See erhob sich zu furchtbarer Höhe, wie er noch nie erlebt hatte. „Der Wind war uns grade entgegen,“ so beschreibt Columbus diese Unwetter, „und machte es uns unmöglich, nach einer vor uns liegenden Landspitze zu steuern. Die See kochte wie ein Kessel über starkem Feuer. Tag und Nacht flammte der Himmel von den zuckenden Blitzen, welche von so entsetzlichem Donner begleitet waren, daß wir alle fürchteten, die Schiffe müßten untergehen.“ Neun Tage schwebte er so in Lebensgefahr und während dieser ganzen Zeit strömte das Wasser vom Himmel nicht wie Regen, sondern wie eine neue Sündflut. Die Mannschaft wurde so muthlos, daß sie den Tod als eine Erlösung aus diesem Jammer ansah. Zweimal hatten die Schiffe bereits Verluste an Böten, Ankern und Tauwerk erlitten und lagen nun ohne Segel bei.

In der Nähe der eigentlichen Landenge von Panama wurde Columbus zur Umkehr genöthigt. Seine Schiffe waren in dem erbärmlichsten Zustande und hielten sich, von Bohrwürmern angegriffen, kaum noch über Wasser. Aber auch auf dem Rückwege nach Veragua tobte das Wetter und hielten widrige Winde ihn beständig auf, so daß er wiederholt sich in den Schutz der Küste flüchten mußte; so auch am Weihnachtsabend, wo er aus der bevorstehenden Opposition des Saturns mit der Sonne auf ein neues Ausbrechen der Wuth der feindlichen Elemente sich glaubte gefaßt machen zu müssen. Erst mit dem Beginn des neuen Jahres 1503 trat günstigeres Wetter ein und so erreichte er, im Zustande höchster Erschöpfung, denn die Mannschaft lag größtentheils krank darnieder, die Küste von Veragua am Epiphaniastage und lief in den Fluß Belen oder Yebra ein, über dessen Barre er zwar mit großer Schwierigkeit, aber doch glücklich in stilles Fahrwasser gelangte. Am folgenden Tage brach der Sturm wieder los und hätte es ihm unmöglich gemacht über die Barre zu kommen, wenn er von dem Unwetter noch auf der See überrascht worden wäre. Der Regen hielt bis zum 14. Februar an, so daß man anfangs nicht im Stande war die Schiffe zu verlassen. Am 24. Januar schwoll der Fluß plötzlich so gewaltig an, daß er die Schiffe von ihren Kabeln losriß und beinahe wieder auf das Meer hinausgetrieben hätte.

Erst am 6. Februar konnte der Admiral es wagen, seinen Bruder Bartolomé mit 68 Mann auf Kundschaft nach dem Veraguafluß zu senden. Der Adelantado erreichte in seinen Böten bald das Dorf des Quibian oder Caziken von Veragua. Der Häuptling, nach Landessitte bemalt, aber nackt, kam den Fremden mit großem Gefolge, aber unbewaffnet entgegen. Bei der Zusammenkunft holten seine Begleiter aus der Nähe einen großen Stein herbei, wuschen denselben in dem Flusse sorgsam ab, rieben ihn trocken und legten ihn vor ihrem Fürsten nieder, damit er, seiner Würde gemäß, sitzend die Unterhaltung beginnen könne.[280] Auf den Wunsch der Spanier, zu den Fundstätten des Goldes geführt zu werden, zeigte sich der Quibian sofort bereit und bestellte drei Führer, um die Fremden dahin zu geleiten. Bartolomé Colon sandte einen Theil seiner Mannschaft zum Schutz der Böte zurück und brach mit den übrigen nach den Minen auf. In allen Gewässern konnte man mit leichter Mühe zwischen den Wurzeln der Bäume, unter dem Flußgeröll und im Sande Goldblättchen auflesen. Weiter brachten die Indianer den Adelantado mit seinem Gefolge auf einen hohen Berg, von wo aus man das Land weit und breit übersehen konnte und erklärten, daß überall, namentlich gegen Westen auf 20 Tagereisen weit sich Gold sammeln lasse und nannten Städte und Dörfer, welche in jenem Goldgebiete lägen. Nachher erfuhr man, daß der schlaue Quibian den Spaniern die ergiebigen Gebiete eines ihm feindlichen Nachbarfürsten hatte zeigen lassen, um die Fremdlinge mit seinem Feinde in Streit zu bringen, daß er aber die besten Goldfelder im eignen Lande verheimlicht hatte.

Am 16. Februar setzte Bartolomé die Erforschung des Landes weiter fort, fand überall reichliche Spuren von Gold, besuchte mehrere Caziken, bei denen er freundliche Aufnahme fand, erkannte aber, daß das Gebiet von Veragua von allen am reichsten sei. Auch wiederholte sich hier wieder die Kunde von einem mächtigen Kulturvolke, das an dem andern Meere wohnen sollte.