Es schien klar, daß man sich hier in der Nähe der reichsten Gebiete Asiens befand, und daher beschloß Columbus hier eine Niederlassung zu gründen. Veragua war der goldene Chersones. (Siehe oben [S. 207].)[281]
Am Flusse Belen wurden Häuser errichtet, der Adelantado entschloß sich in der Colonie die Leitung zu übernehmen und mit einem Fahrzeuge zurückzubleiben, indeß Columbus nach Spanien zurückkehren und von da neue Verstärkungen herüberführen wollte. Der Quibian, den der Admiral durch Geschenke für seinen Plan gewonnen glaubte, sah die Versuche seiner Gäste, sich häuslich niederzulassen, mit schelem Blick und wachsendem Unbehagen. Das gute Einvernehmen zwischen Spaniern und Indianern wurde allmählich getrübt, denn die Eingeborenen hatten von der Anmaßung der Fremden zu leiden. Der Quibian benutzte die entstehende Zwietracht zu einer allgemeinen Verschwörung, man wollte die neuen Häuser der Colonie in Brand stecken und die Insassen tödten. Diego Mendez, ein dem Columbus treu ergebener Mann, erhielt zuerst von diesem Plan Kenntniß; er bewachte die Bewegungen der bewaffneten indianischen Scharen, so daß sie im geheimen ihre Absicht nicht ausführen konnten, ja er drang sogar bis zu dem Mittelpunkte der feindlichen Macht, bis zur Behausung der Caziken vor, indem er sich für einen Wundarzt ausgab, welcher dem verwundeten Häuptling Linderung bringen wolle. Nachdem er sich dabei noch einmal vergewissert hatte, daß in der That ein Angriff auf die spanische Niederlassung bevorstehe, kehrte er nach dem Belen zurück. Bartolomé Colon wählte sofort gegen 50 tüchtige Leute aus, rückte vor das Haus des Quibian und nahm denselben sammt seiner zahlreichen Familie gefangen. Leider entkam der Häuptling in der darauf folgenden dunkeln Nacht wieder und gab nun das Signal zum Angriff auf die Ansiedlung. Inzwischen hatte der Admiral im Anfang April drei Schiffe aus dem Flusse wieder über die Barre aufs Meer gebracht, um nach Spanien zurückzukehren, während sein Bruder nebst einem Schiffe in Veragua zurückbleiben sollte. Als aber durch den erbitterten Angriff der Indianer die am Lande befindlichen Spanier aus ihren Hütten vertrieben wurden, und als vollends der Capitän Diego Tristan mit seiner Bootsmannschaft, welche den Fluß Belen hinaufgegangen war, um Wasser zu holen, von den Feinden erschlagen worden, war das Schicksal der Colonie besiegelt. Es galt nur noch, den Adelantado mit seinen Leuten, die sich am Strande verschanzt hatten, zu retten. Der Admiral, selbst in heftigem Fieber liegend, und fast aller seiner Böte beraubt, nicht fähig seinem Bruder Hilfe zu bringen, gerieth in die höchste Aufregung. „Ich war allein draußen,“ erzählte er später, „an der gefährlichen Küste, von schwerem Fieber befallen und todesmatt. Alle Hoffnung, zu entkommen, war dahin. Ich arbeitete mich mühsam auf den höchsten Theil des Schiffes und rief mit zitternder Stimme unter heißen Thränen die Hauptleute mir zu Hilfe zu kommen, aber es kam keine Antwort.“ In seinen Fieberphantasien glaubte Columbus nun, als er völlig erschöpft eingeschlafen war, eine mitleidige, tröstende Stimme zu vernehmen, welche zu ihm sprach: „Warum verzagst du in deinem Glauben an Gott? Was that er mehr für Moses oder für seine Knechte, als er für dich gethan? Seit deiner Geburt hat er die größte Sorge um dich gehabt. Als er dich zu den von ihm bestimmten Jahren kommen sah, hat er deinen Namen in der ganzen Welt ertönen lassen. Er gab dir Indien, den reichsten Erdtheil, du vertheiltest es nach deinem Belieben. Du empfingst von ihm die Schlüssel zum Ocean, der bisher mit starken Ketten verschlossen war. Man gehorchte deinen Befehlen in den unermeßlichen Ländern, und du hast unsterblichen Ruhm unter den Christen erworben. Was that er mehr für das Volk Israel, als er es aus Aegypten führte, und für David, den er aus dem Hirtenstand zum Throne Judas erhob? Kehre zurück zu deinem Gott, erkenne endlich deinen Irrthum; sein Mitleid ist ohne Grenzen. Dein Alter (ta vejez) wird dich nicht hindern, große Thaten zu thun. Er hält in seiner Hand die glänzendste Erbschaft... Sprich, wer hat dich so tief und so oft gebeugt, Gott oder die Welt? Gott hält stets, was er verspricht. Fürchte nichts, fasse Muth!“
Die peinliche Ungewißheit über die am Lande Zurückgelassenen währte tagelang, denn wegen der starken Brandung war aller Verkehr mit der Küste abgeschnitten. Endlich erbot sich der Pilot Pedro Ledesma, durch die Brandung zu schwimmen, wenn man ihn mit dem letzten verfügbaren Bote bis an die Grenze derselben bringe. Diese kühne That gelang, und so erhielt Columbus Nachricht, daß sein Bruder sich noch an der Küste vertheidige. Trotz seiner gefahrvollen Lage — denn die von Würmern zerfressenen Schiffe hielten sich kaum noch über Wasser — mußte er noch längere Zeit ausharren, bis das Wetter sich günstiger gestaltete und es ermöglichte, die am Lande befindliche Mannschaft, wenn auch mit Zurücklassung ihrer Caravele, wieder einzuschiffen und die Gründung einer Colonie einer späteren Zeit vorzubehalten. So gelang es denn Ende April, die gefährliche Goldküste von Veragua mit drei Schiffen zu verlassen. Das Geschwader ging nach Osten an der Küste entlang, mußte bei Puerto bello noch ein Schiff zurücklassen, welches zu einer Fahrt über das Meer völlig untauglich geworden war, und drang bis an den Golf von Darien vor. Von hier steuerten die beiden letzten Schiffe grade nach Norden, um womöglich Jamaica zu erreichen; aber Wind und Strömung trieben sie von ihrem Cours ab und zu weit nach Westen, so daß sie statt nach Jamaica an die kleine Cayman-Insel und von da nordwärts zu der Inselwolke kamen, welche Columbus bei seiner Erforschung der Südküste Cubas bereits besucht und mit dem Namen „Gärten der Königin“ belegt hatte. „Die See war sehr stürmisch und ich wurde rückwärts getrieben vor Top und Takel (volver atras sin velas). Das eine Schiff verlor drei Anker. Um Mitternacht brach ein Wetter los, als sollte die Welt untergehen, so daß auch die Kabel des andern Schiffes rissen und dasselbe mit solcher Gewalt auf uns zutrieb, daß alles in Stücke zu gehen drohte. Nur ein Anker hielt noch, und war nächst Gott unsere einzige Rettung.“[282] Erst nach sechs Tagen, als das Wetter ruhiger geworden war, konnte man weiter segeln. Es war eine verzweifelte Fahrt. Die Schiffe waren von den Würmern wie Honigwaben durchlöchert. Die Mannschaft war völlig verzagt und muthlos. Als Columbus die Südwestspitze Cubas, Cap de la Cruz erreicht hatte, hoffte er an der Küste entlang ostwärts nach Haiti zu kommen; aber Wind und Strömung waren ihm dermaßen entgegen, daß er mit seinen kaum noch haltbaren Schiffen nicht dagegen ankämpfen konnte und sich genöthigt sah, sich nach Jamaica zu wenden. Das Wasser drang unaufhaltsam in die Fahrzeuge ein und konnte, trotzdem man mit drei Pumpen, mit Töpfen und Kesseln am Ausschöpfen arbeitete, nicht bewältigt werden, sondern stieg im Schiffsraum immer höher. Man war froh, mit den sinkenden Schiffen bis nach Jamaica hinübergekommen und wenigstens das Leben gerettet zu haben. So ließ denn der Admiral beide Schiffe an einer günstigen Stelle an den Strand laufen. Es war am 25. Juni 1503, daß die Schiffe sich im Hafen Santa Gloria, jetzt Christovals-Bucht genannt, nahe am Lande auf seichtem Grunde mit Wasser füllten, so daß sie bis ans Verdeck sanken. Das Verdeck selbst blieb über Wasser, und hier wurde in gedeckten Cajüten die Mannschaft untergebracht. So konnten die Wracks noch als Holzfestungen gegenüber unerwarteten Angriffen von Seiten der Bewohner dienen, auch wurden die Mannschaften abgehalten, am Lande herumzuschweifen und den Indianern Anlaß zu Conflicten zu geben, welche bei der hilflosen Lage der Spanier allen den Untergang bereiten konnten, wenn ihnen vom Lande her die erforderlichen Lebensmittel versagt wurden, denn die Schiffsvorräthe waren natürlich sämmtlich verloren gegangen.
Glücklicherweise zeigten sich die Indianer, welche bald scharenweise am Strande erscheinen, geneigt, zum Tausch gegen europäische Artikel Lebensmittel herzuzuschaffen. Aber diese Art der Verproviantirung konnte bei ihrer Unregelmäßigkeit auf die Dauer die Spanier nicht vor Hungersnoth schützen. Es mußte das Gebiet der Bezugsquellen weiter ausgedehnt, es mußten mit den entfernteren Dörfern gewissermaßen Lieferungsverträge abgeschlossen werden.
Zu dem Ende erbot sich Diego Mendez, mit drei Leuten auf Kundschaft auszuziehen. Ueberall fand er freundliche Aufnahme; Cassavebrod und Fische wurden ihm in Fülle gereicht. So zog er von einem Dorf zum andern und gelangte endlich bis an den äußersten Osten der Insel, wo er sogar mit dem Caziken Blutsfreundschaft schloß und seinen Namen eintauschte. Hier kaufte Mendez ein Boot, belud es mit Nahrungsmitteln und brachte es nach der Hafenbucht von Santa Gloria.
War damit und mit dem in Folge des Uebereinkommens reichlich zugeführten Lebensbedarf die Noth der Schiffbrüchigen gehoben, so blieb doch ihre Lage eine absolut hoffnungslose, wenn es nicht gelang, nach Haiti zum Statthalter Ovando eine Mittheilung von ihrem Aufenthalte und ihrem Schicksal zu befördern. Auch zu diesem Wagniß erbot sich Mendez. Zwar schlug der erste Versuch fehl, da er mit seinen Genossen am östlichen Strande von Jamaica gefangen genommen wurde und nur mit Noth den Eingeborenen entrinnen konnte. Aber er war auch zum zweiten Male bereit, sein Leben für die Rettung des von ihm verehrten Admirals und seiner Begleiter zu wagen. Diese zweite Unternehmung wurde besser vorbereitet. Es gingen nämlich zwei Böte, indianische Canoes, welche für die Seefahrt besonders hergerichtet waren, unter Mendez und Bartolomeo Fiesco ab. In jedem Bote befanden sich sechs Spanier und zehn indianische Ruderer; es fand nämlich ein Verkehr über See zwischen den großen Inseln statt und die Indianer konnten dabei den Spaniern die Segelrichtung angeben. Damit aber die beiden Böte, welche erst vom Ostende Jamaicas sich nordwärts über das Meer wagen sollten, nicht wieder von Indianern überfallen werden könnten — denn es konnte der Fall eintreten, daß wegen widriger oder hochgehender See die Böte nicht sofort vom Strande ablaufen durften, sondern mehrere Tage auf günstiges Wetter zu warten hatten; — so begleitete sie der Adelantado mit 50 Bewaffneten, die am Strande hinzogen und denselben so lange schützten, bis ihre Genossen sich mit den Canoes aufs Meer hinaus wagen durften. Diese kühne Bootfahrt fällt in den August 1503. Fünf Tage und vier Nächte wurde unablässig gerudert, Mendez saß ohne Unterbrechung am Steuer. So erreichten sie das Cap St. Miguel (jetzt Cap Tiburon), die Westspitze Haitis, wo sie, erschöpft von der großen Anstrengung, zwei Tage rasteten. Dann setzten sie ihre Fahrt längst der Südküste weiter fort. In der Landschaft Jaragua traf Mendez den Statthalter Ovando, welcher ihn zwar freundlich empfing, aber doch seinem Bericht über die trostlose Lage der Schiffbrüchigen auf Jamaica nicht trauete, vielmehr argwöhnte, Columbus wolle durch eine plumpe List ihn täuschen, um wieder den Boden seiner Colonie betreten zu dürfen.
Monate vergingen, ehe der Statthalter von Haiti dem Drängen des Mendez nachgab und ein Schiff unter Diego de Escobar auf Kundschaft nach Jamaica entsendete. Die Wahl dieses Sendboten war als eine für Columbus nicht günstige aufzufassen, denn Escobar hatte zu den Parteigängern Roldans gezählt, war aber später begnadigt worden. Er kürzte auch seinen Besuch in Jamaica möglichst ab, nahm Briefe des Columbus mit und ging bald wieder in See mit dem Versprechen, ein größeres Schiff zu senden, um den Admiral aus seiner gefährlichen Lage zu befreien; das Fahrzeug, auf welchem er gekommen, sei zu klein, um die Schiffbrüchigen alle aufzunehmen.
Mendez hatte sich indessen bemüht, mit dem Gelde des Columbus in Haiti ein Schiff zu miethen, konnte aber seine Absicht erst im Frühling 1504 erreichen, weil nicht eher Schiffe von Spanien angekommen waren. Er belud dann ein Fahrzeug mit Vorräthen aller Art und sandte es nach Jamaica, während er selbst nach Spanien ging, um dem Könige von dem Schicksal des Columbus Mittheilung zu machen. So kam es, daß der Admiral sich ein ganzes Jahr unter wachsender Gefahr und aufreibenden Sorgen auf Jamaica festgehalten sah.
Bald nach der Abfahrt des Mendez hatten die Indianer die weiteren Lieferungen von Lebensmitteln verweigert und konnten nur durch eine auf ihre Einfalt und ihren Aberglauben berechnete List bewogen werden, die weitere Verpflegung der fremden Gäste zu übernehmen. Columbus wußte, daß am 29. Februar 1504 eine Mondfinsterniß eintreten werde. Er drohte daher den Indianern mit dem Zorn der himmlischen Gottheit, welche ihr leuchtendes Angesicht von ihnen abwenden werde, wenn man den Spaniern den nöthigen Nahrungsbedarf entzöge. Die kindlichen Gemüther der Eingebornen wurden durch das rasche Eintreffen der drohenden Prophezeihung so erschreckt, daß sie, um den Zorn des Lichtgottes zu besänftigen, sich alsbald bereit erklärten, die Spanier mit Vorräthen zu versehen.