Der König Ferdinand behandelte die ganze Angelegenheit ohne Wärme und persönliche Theilnahme und überließ die Ordnung derselben einem Tribunal, welches die testamentarischen Verfügungen der Königin ordnen sollte. Daher vermochte selbst Bartolomé Colon, der sich mit seinem Neffen Ferdinand ebenfalls an den Hof begab, nichts ausrichten. Endlich machte sich der Admiral im Mai 1505 selbst auf die beschwerliche Reise nach Segovia, wo sich damals der König aufhielt. Zwar erwies man ihm hier die seinem Range gebührende Achtung, aber eine von Herzen kommende Werthschätzung seiner Verdienste mußte er schmerzlich vermissen. Offenbar waren nach dem Tode der Königin die Stimmen der Gegner noch lauter aufgetreten und hatten den König Ferdinand gewonnen, so daß auch der edle Las Casas gestehen muß, er habe von manchen dem Monarchen nahe stehenden Personen zu seinem Bedauern Aeußerungen vernehmen müssen, welche diese Abneigung und den Mangel des königlichen Wohlwollens bestätigten.[283] Das einberufene Tribunal, die Junta de Descargos, hielt zwar mehrere Sitzungen, traf aber keine Entscheidung. Man behandelte die ganze Frage als eine rein castilische Angelegenheit. Als dann nach längerem Zögern dem Entdecker der neuen Welt der Vorschlag gemacht wurde, seine Rechte auf das Vicekönigthum gegen Besitzungen und Titel in Castilien zu vertauschen, wies Columbus diesen Antrag zurück, weil er darin einen Bruch des gegebenen königlichen Wortes erblickte und seine höchste Ehre darein setzte, den Ruhm seines mühevollen Lebens seiner Familie in vollem Maße zu erhalten. Auch als er sich bereit erklärte, zu Gunsten seines Sohnes Diego auf seine indischen Würden zu verzichten, ging man nicht darauf ein und zog es vor, die Entscheidung noch weiter hinauszuziehen. Man gewöhnte sich daran, die Verdienste eines Mannes zu unterschätzen, „welcher lästig zu werden anfing, als er zu nützen aufgehört hatte“.[284] Ein letzter Hoffnungsstrahl schien dem Verlassenen noch zu winken, als die neuen Monarchen Castiliens, Philipp und Johanna am 28. April 1506 von Flandern nach Spanien kamen. Selbst krank und leidend, sandte er seinen Bruder Bartolomé dem jungen Königspaar entgegen, um demselben in seinem Namen zu huldigen. Er erhoffte von der Tochter der Isabella dieselbe Güte und Gunst, welche ihm die Mutter stets bewiesen. Es war natürlich, daß die neuangekommenen Regenten nicht sofort eine Entscheidung treffen, sondern nur freundliche Zusagen machen konnten. Aber auch davon sollte Columbus nichts mehr vernehmen, er starb am Himmelfahrtstage, den 21. Mai 1506 zu Valladolid, nachdem er zwei Tage vorher, im Vorgefühl des Todes sein bereits 1505 verfaßtes Testament gerichtlich hatte bestätigen lassen. Er setzte seinen älteren Sohn Diego zum Haupterben ein, da dieser allein aus einer rechtmäßigen Ehe entsprossen war. Seine letzten Worte waren: In manus tuas, Domine, commendo spiritum meum. Er starb in den Armen der Franziskaner und wurde auch im Franciskanerkloster beigesetzt. Die Welt hatte ihn bereits vergessen; sein Tod machte keinen Eindruck mehr. Das Cronicon de Valladolid, welches sonst die kleinsten Vorfälle in der Stadt bespricht, erwähnt des Todesfalls mit keiner Silbe. Selbst Peter Martyr, der sich 10 Jahre früher gerühmt hatte, mit dem Genuesen im Briefwechsel zu stehen, schweigt in seinen Briefen darüber, und erwähnt auch in den Decaden nur einmal ganz nebenbei, daß Columbus gestorben; und doch befand er sich vom 10. Februar bis zum 26. April 1506 zu Valladolid, also zu einer Zeit, wo Columbus schon den Keim des Todes in sich fühlte. Ruchhamer hatte bis zum 20. September 1508, wo er sein Werk (Unbekanthe landte) vollendete, noch nichts vom Tode des Columbus gehört, sondern schreibt vielmehr, daß er „noch auf den gegenwertigen Tage“ mit seinem Bruder Bartolomé am spanischen Hofe lebe.

Wahrscheinlich im Jahre 1513 wurde die Leiche nach Sevilla ins Kloster Santa Maria de las Cuevas übergeführt und vermuthlich erst hier erhielt der Sarg die Inschrift: A Castilla y à Leon Nuevo Mondo dió Colón, welche sich auch in dem Wappen des Vicekönigs befand. Der Admiral hatte den Wunsch ausgesprochen, in San Domingo auf Haiti beigesetzt zu werden. Dorthin wurden die sterblichen Ueberreste in der Zeit zwischen 1540 und 1559 gebracht und in dem Dome bestattet, in welchem später auch sein Sohn Diego und wahrscheinlich auch sein Bruder der Adelantado Bartolomé und seine Enkel Don Luis und Christoval ihre Ruhestätte fanden.

Als 1795 Domingo an Frankreich abgetreten wurde, ließ der Admiral Don Gabriel d’Artizabel die Gewölbe der Kathedrale in der Hauptstadt öffnen, die wenigen Reste des Entdeckers der neuen Welt auf dem Schiffe San Lorenzo nach Habana hinüberführen und dort im Dome am 19. Januar 1796 feierlich wieder beisetzen; denn es vertrug sich nicht mit der spanischen Ehre, die Asche des Mannes, welcher für Spanien so große Verdienste hatte, den Fremden zu überlassen. Wie Columbus in seinem Leben ruhelos umhergetrieben war, so sollten auch seine Gebeine erst nach Jahrhunderten Ruhe finden.[285]

14. Zur Charakteristik des Columbus.

Vor der welthistorischen Größe des Columbus stehen wir mit getheilten Gefühlen. Wir bewundern die Kühnheit, die aus der felsenfesten Ueberzeugung von der Richtigkeit seiner Theorien und Combinationen entsprang, wir fühlen uns vielseitig angeregt durch seine treffenden Naturbeobachtungen, in denen wir die ersten Keime einer physischen Erdkunde erblicken dürfen;[286] aber auf der andern Seite fühlen wir uns abgestoßen durch seinen blinden Autoritätsglauben, durch die Zuversichtlichkeit, mit der er seine aus falsch oder ungenügend angestellten Beobachtungen in seinem eignen Fache, der Nautik, abgeleiteten abenteuerlichen Lehrsätze verkündet, durch die schwärmerische Anmaßung, mit der er sich so oft als Abgesandten Gottes einführt, durch die kleinliche Habsucht, mit welcher er die einem armen Matrosen gebührende Belohnung sich selbst aneignet, durch die in der Verschwörung Roldan zu Tage tretende Charakterschwäche. Wenn Humboldt gemeint hat (a. a. O. II, 5), die großartige Gestalt des Columbus beherrsche das Jahrhundert, so muß dagegen daran erinnert werden, daß man den Entdecker der neuen Welt schon bei seinen Lebzeiten fast vergessen hatte, und daß das Gesammtgebiet seiner Entdeckung kurz nach seinem Tode nach einem seiner Nachfolger, nach Amerigo Vespucci benannt wurde, und daß erst im 7. Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts mit dem Erscheinen der vida del Almirante die Aufmerksamkeit der Welt wieder in erhöhtem Maße auf Columbus gelenkt wurde. Die weiteren Folgen seiner Entdeckungszüge, die Eroberung der neuen Welt, die Erdumsegelungen, die Enthüllung der allgemeinen Züge des ganzen Erdballs beherrschten allerdings das Interesse aller seefahrenden Nationen des Abendlandes, aber die Person des Entdeckers trat dabei ganz zurück. Seine Stärke lag in dem scharfen Blick, mit dem er die Erscheinungen in der Natur auffaßte, nicht blos in den Schilderungen, welche er mit poetischer Begeisterung von den entdeckten Tropenländern gab, sondern in der Aufstellung allgemeiner Gesetze, zu denen er, ohne wissenschaftliche Bildung, in einzelnen Fällen das Richtige treffend, die wahrgenommenen Erscheinungen combinirte. „Dieses Bestreben, die Resultate der Beobachtung zu verallgemeinern, verdient um so größere Aufmerksamkeit, als kein ähnlicher Versuch vor dem Schlusse des 15. Jahrhunderts, fast hätte ich gesagt, vor den Tagen des Pater Acosta hervorgetreten war. Bei den Urtheilen, welche Columbus über Gegenstände der physischen Geographie fällte, ließ er sich ganz gegen seine sonstige Gewohnheit nicht von Erinnerungen aus der scholastischen Philosophie leiten.[287] Dahin gehören seine Beobachtungen über die Vertheilung der Wärme, die Variation des Erdmagnetismus, die äquatoriale Meeresströmung und die durch diese Strömung bedingte Gestaltung Trinidads und der übrigen kleinen Antillen. „Columbus hat Fragen angeregt aus dem Gebiete der physischen Geographie und Anthropologie, die damals die aufgeklärten Geister Spaniens und Italiens beschäftigt: die Frage nach der Vertheilung der Menschenrassen, die Configuration der Ländermassen. Colon hat dem menschlichen Geschlechte wesentliche Dienste geleistet, indem er so viel neue Gegenstände auf einmal dem Nachdenken darbot; er hat die Masse der Ideen vergrößert; durch ihn hat ein wahrhafter Fortschritt des menschlichen Denkens stattgefunden. Das Zeitalter des Columbus war auch die Zeit des Copernicus, Ariosto, Dürer und Rafael.“[288]

Aber neben diesen persönlichen und sachlichen Verdiensten, neben den richtigen Beobachtungen und daraus abgeleiteten Lehrsätzen erscheint eine so breite Phalanx von veralteten Theorien und unverzeihlichen Verirrungen, wie sie nur in einem aller objectiven Beurtheilung unfähigen Kopfe entstehen und von einem dem blindesten Autoritätsglauben unterworfenen Geiste verkündigt werden konnten.

Wir brauchen hier nur auf die Abhängigkeit hinzuweisen, in welcher Columbus bei den Fragen über die Größe oder Kleinheit der Erde, über die Schmalheit des Oceans und den geringen Antheil, welcher der Wasserdecke gegenüber der Landhülle des Erdballs zugewiesen wird, ferner über die Theorien von der Lage des irdischen Paradieses und den Weltuntergang sich von den Schriften des Cardinal d’Ailly befand, auf seine Abhängigkeit von Toscanelli in Bezug auf Richtung und Ziel seiner Fahrten, um dieses Verzichtleisten auf eigne Kritik zu erkennen. Und wenn er in den erforschten Regionen Ophir und Cipangu, Katai und den goldenen Chersones wiedergefunden zu haben glaubte, so liegt eine Hauptursache in der Unfähigkeit des Admirals, annähernd richtige astronomische Bestimmungen zu machen, in Folge dessen nicht einmal sein Landungspunkt in der neuen Welt mit Sicherheit nachzuweisen ist. Weil er den Karten Toscanelli’s u. a. bezüglich der Größe Cipangus mehr traute, als seinen eignen Erfahrungen, hielt er die Insel Haiti für eben so groß als ganz Spanien und verlegte die Nordküste der großen Antillen bis unter den 40. Breitengrad.

Aber nicht blos, daß ihm thatsächlich in dieser Beziehung die wissenschaftliche Kenntniß in seinem eigentlichsten Fache abging,[289] er verschmähte sogar die Wissenschaft selbst, wenn er in seinem Libro de la profecias[290] behauptet: „Zur Ausführung einer Fahrt nach Indien haben Vernunftschlüsse, Mathematik und Weltkarten mir zu nichts geholfen. Es ist einfach in Erfüllung gegangen, was der Prophet Jesaias vorhergesagt hat.“

Man erkennt darin den mächtigen Einfluß, den die Geistlichkeit auf das gläubige Gemüth des Genuesen ausübte. Wie er das Zustandekommen seiner Unternehmung nur der Unterstützung und Befürwortung durch die Geistlichkeit verdankte, und diese ihm auch behilflich war bei der Sammlung und Erklärung der Stellen der heiligen Schrift, welche er in zuversichtlichem Glauben auf sich bezog, wie er sich für den Abgesandten Gottes erklärte, um die heiligen Prophezeiungen zu erfüllen, so trug er auch äußerlich diese schwärmerisch-religiöse Richtung zur Schau. „Da der Admiral,“ erzählt Las Casas (lib. I. Cap. 102), „den Lehren des heiligen Franziskus sehr ergeben war, so liebte er vorzugsweise die braungraue Farbe; wir haben ihn zu Sevilla in einer Kleidung gesehen, welche mit der der Franziskanermönche fast vollkommen übereinstimmte.“