Endlich ist hieher noch das merkwürdige Titelbild zu rechnen, mit welchem die erste deutsche Ausgabe des Berichtes über die erste Entdeckungsfahrt des Columbus geziert ist, von welchem Anfang und Schluß bereits ([S. 263]) in Facsimiledruck mitgetheilt ist. Hier erscheint Christus vor dem Könige von Spanien und weist bedeutsam auf das Wundmal seiner Hand; ebendahin zeigte auch die rechte Hand des Königs. Ist es nicht eine deutliche Anspielung auf den Unglauben des Apostel Thomas, und ist der ungläubige spanische Monarch, welcher jahrelang der Versicherung des Columbus mistraute, nicht durch den Erfolg der ersten Reise bekehrt worden?
Den Glauben, daß der Genuese profane und heilige Prophezeihungen aus alter Zeit erfüllt habe, theilten die Zeitgenossen mehrfach. So schrieb der gelehrte Sohn des Columbus, Ferdinand in die Tragödien des Seneca zu der ([S. 236]) mitgetheilten Stelle aus der Medea: Venient etc. „Diese Prophezeihung hat mein Vater erfüllt.“ So machte Agostino Giustiniani (geb. 1470 in Genua, seit 1514 Bischof in Mebbio auf Corsica) in seinem polyglotten Psalter[296] zu der bekannten Stelle im 19. Psalm: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ die Bemerkung, Columbus habe oft gesagt, daß er von Gott berufen sei, den Gedanken des fünften Verses: „Durch alle Lande gehet ihr Klang, bis ans Ende der Welt ihr Ruf“ zu verwirklichen. Und dabei benutzt der Verfasser die Gelegenheit, an dieser Stelle seinem Commentare eine längere Lebensbeschreibung des Columbus einzuverleiben.[297]
Alle diese verschiedenen Aeußerungen des Glaubens und Vertrauens auf die Berufung des Columbus hatten ihren Ursprung in der felsenfesten Zuversicht des Genuesen zu seiner von Gott bestimmten Lebensaufgabe, welche von ihm selbst auf seine Umgebung überging. Im allgemeinen repräsentirt sich in ihm der unverwüstliche Drang der Zeit zu großen Entdeckungen, aber seine unerschütterliche Ausdauer entsprang nur seinem schwärmerischen Glauben. Dieser gab ihm den Muth, auf seinen ungemessenen Forderungen zu verharren, ehe noch die Unternehmung gesichert war, dieser verlieh ihm auch die unvergleichliche Energie, welche er sowohl auf der ersten, als auch auf der letzten Reise bewiesen. In dieser unerschütterlichen Ueberzeugung, in diesem Glauben an sich selbst lag eine Größe, welche seine Genossen zuweilen mit fortriß.
Den Eindruck, welchen die Kunde von den ersten Entdeckungen machte, fühlen wir am besten aus den Briefen Peter Martyrs.
Auf die erste Mittheilung vom 15. Mai 1493, worin er schreibt: „Von den westlichen Antipoden ist ein gewisser Christopherus Colon, ein Ligure, zurückgekehrt mit Proben von kostbaren Produkten, namentlich von Gold“[298] folgt im September desselben Jahres (13. Sept.) schon der Ausdruck wärmerer Theilnahme. „Merket auf und vernehmet die neue Entdeckung,“[299] worauf ein ausführlicher Bericht über die erste Fahrt des Columbus folgt. Ein anderer Brief[300] von demselben Tage bezeichnet die Entdeckung als ein wunderbares Ereigniß, als eine gesegnete That. Kurz darauf (1. Oct. 1493) spricht er seine Freude darüber aus, daß die bisher noch unbekannte Erdhälfte durch den Wetteifer der Spanier und Portugiesen, welche immer weiter südwärts vordringen, nun immer mehr enthüllt werde.[301] Er bezeichnet Columbus als den Entdecker der „neuen Welt“ (novi orbis repertor) und jubelt, daß Tag für Tag neue Wunder aus jenen Regionen gemeldet werden, und daß der Admiral fast schon den goldenen Chersones erreicht habe.[302] Er nimmt sich vor, diese ewig denkwürdigen Ereignisse mit gespannter Aufmerksamkeit zu verfolgen, zu sammeln und den Gelehrten mitzutheilen. Sein Freund Pomponius Laetus, der ausgezeichnete Förderer der classischen römischen Literatur, war bei der Kunde von den wunderbaren Erfolgen der Westfahrten vor Entzücken aufgesprungen und hatte sich kaum der Freudenthränen erwehren können. „Ich ersehe,“ schreibt ihm Martyr, „aus deinem Briefe, was du empfunden hast und wie du die Bedeutung dieser Entdeckungen zu würdigen weißt. Welche Nahrung kann für erhabene Geister willkommener sein? Ich fühle es an mir selbst. Ich bin freudig erregt, wenn ich verständige Männer spreche, welche aus jenen Gegenden zurückkommen. Wer mag heute noch staunen über die Entdeckungen, welche Saturn, Ceres und Triptolemos gemacht haben sollen? Selbst die Phönizier müssen mit ihren Leistungen zurücktreten.“[303] Ganz ähnlich spricht er sich in den Decaden (I. lib. X. p. 119) aus: „Weder dem Saturn, noch dem Herkules, noch irgend einem der Alten, welche neue Küsten aufgesucht haben, stehen die Spanier unserer Zeit nach. Wie weit wird die Nachwelt das Christenthum ausgebreitet sehen, ein wie weiter Raum ist der Ausbreitung der Menschen angewiesen? Was ich darüber empfinde, vermag ich weder mit Worten noch mit der Feder wiederzugeben.“
Aber diese hohe Begeisterung schien nur kurze Zeit zu dauern. Als das Ansehen des Columbus nach seiner dritten Reise sank, als er selbst in Ketten nach Europa geschafft wurde, wurde die Aufmerksamkeit der Handelsvölker vielmehr nach dem von den Portugiesen wirklich erreichten Indien gelenkt. Hier war das lang erstrebte Ziel thatsächlich gefunden, hier waren die Gewürzländer selbst erreicht, und gewinnbringende Frachten kehrten nach Lissabon zurück. An den Fahrten nach der neuen Welt betheiligten sich nur spanische Fahrzeuge, zum indischen Handel drängten sich deutsche und italienische Handelshäuser und unterstützten den wachsenden Verkehr mit Schiffen und Geld. Daher erklärt sich die merkwürdige Erscheinung, daß sich die Geschichtsschreiber in England, Frankreich und Portugal gar nicht um die Entdeckungen des Columbus bekümmerten, daß alle durch Flugblätter verbreiteten Berichte nur in lateinischen, deutschen oder italienischen Uebersetzungen vorhanden sind, und daß von den vier Reisen des Admirals nur eine einzige, und zwar die erste, in spanischer Sprache vorliegt. Daran ist aber der Entdecker selbst schuld, insofern er in ängstlicher Sorge um sein Monopol die große Angelegenheit als sorgfältig zu hütendes Geheimniß behandelte und von seinen Gefährten sogar die von ihnen entworfenen Karten abforderte, damit niemand ohne seine Erlaubniß sein privilegirtes Gebiete beträte. Selbst in seinen Mittheilungen an die Monarchen Spaniens war er in dieser Beziehung zurückhaltend.
Nur zwei Briefe des Columbus drangen in die Oeffentlichkeit — und zwar über die erste und vierte Reise. Der Inhalt des ersten an den Schatzmeister Raphael Sanchez gerichteten Briefes wurde in der ersten Flugschrift über Amerika 1493 in Rom veröffentlicht. Wir haben bereits oben ([S. 262]) das Facsimile des Anfangs dieses interessanten Blattes mitgetheilt. Von dieser lateinischen Ausgabe erschienen gleich im ersten Jahre sechs verschiedene Auflagen, dann folgten spanische und italienische Texte und endlich 1497 eine deutsche Bearbeitung unter dem Titel: Eyn schön hübsch lesen von etlichen inßlen u. s. w. Endlich folgte 1505 die lettera rarissima, ein Brief über die vierte Reise, welcher gleichfalls in Italien bekannt gemacht wurde.[304] Damit erlosch die speciell columbische Literatur; aber bereits seit 1503 beherrschten Amerigo Vespucci’s ausführliche Reiseberichte den buchhändlerischen Markt, und so erntete dieser den Ruhm, welcher dem Entdecker gebührte, so daß endlich sogar die ganze neue Welt seinen Namen erhielt. Columbus selbst hatte leider bis an seinen Tod nicht die Ueberzeugung gewinnen können, daß er einen neuen Erdtheil entdeckt habe.
Wir fügen diesem Abschnitt eine kurze Uebersicht über die Familie des Columbus an.
Bartolomeus Columbus, spanisch Don Bartolomé Colon, war der erste Vertraute und auf seinen späteren Reisen eine wesentliche Stütze seines Bruders. In dessen Auftrage war er schon 1488, ehe der Vertrag mit Spanien zum Abschluß gekommen, nach England gegangen, um dem Könige Heinrich VII. den Plan seines Bruders vorzulegen. Möglicher Weise entstanden aus den dabei gegebenen Anregungen die Pläne zu den Fahrten der Cabots. Bartolomé machte dann die zweite Entdeckungsreise mit, gründete als Adelantado die erste Stadt der neuen Welt, San Domingo, 1496 und machte sich namentlich auf der letzten Reise 1502 sehr verdient. Nach dem Tode des Admirals ging er mit seinem Neffen Diego wieder nach Westindien und war 1511 in Besitz der kleinen Insel Mona zwischen Haiti und Puertorico. Er starb am 12. August 1514 auf Haiti. Las Casas rühmt seine Tüchtigkeit als Kosmograph und Kartograph. Unzweifelhaft besaß er in der ganzen Familie am meisten Thatkraft und Charakterstärke.