Daher kam es auch, daß die geographischen Erfolge weniger Beachtung fanden, als sie verdienten, und daß die zwei Monate früher vollendete Expedition des Per Alonso Niño mehr Eindruck machte, weil der materielle Gewinn ein größerer war.

Palos und das benachbarte Moguer[311] waren durch die Unternehmung des Columbus mächtig angeregt. Wie die dortigen Seeleute sich der ersten Fahrt angeschlossen, so versuchten sie späterhin mehrfach in selbständigen Expeditionen nach der neuen Welt ihr Glück.

Der erste war Per (Pedro) Alonso Niño aus Moguer, welcher unter Columbus die erste und dritte Reise mitgemacht hatte[312] und von dem Banquier Luis Guerra in Sevilla die Mittel zur Ausrüstung eines Schiffes unter der Bedingung erhielt, daß dessen Bruder Cristobal Guerra nominell die Leitung erhalte. Das kleine Fahrzeug von fünfzig Tons segelte mit 33 Mann im Juni 1499, einige Tage nach der Abfahrt Hojeda’s, von Palos ab. Fonseca hatte dazu die königliche Erlaubniß erwirkt, aber unter der Bedingung, daß sie sich wenigstens 50 Leguas von denjenigen Plätzen entfernt hielten, welche Columbus berührt hatte.[313]

Mit günstigem Fahrwinde erreichten Niño und Guerra die Küste von Paria etwas südlicher als Columbus und gingen, nachdem sie am Golfe Brasilholz geschlagen, durch den Drachenschlund nach der Perlenküste (Costa de perlas auf Cosa’s Karte) mit der Absicht, dort Perlen einzutauschen. An der Küste von Cumana und la Guaira machten sie den reichsten Eintausch, denn sie langten 14 Tage eher dahin als Hojeda. Westwärts gingen sie nur bis zu der Landschaft Cauchieto, wo nach Angabe der Indianer viel Gold zu finden war. Allein darin fanden sie sich getäuscht. In Folge dessen gingen sie im Anfang November noch einmal nach Cumana und der Insel Margarita zurück, welche Columbus nicht betreten hatte, und traten dann die Heimreise an, nachdem sie die feste Ueberzeugung gewonnen hatten, daß das entdeckte Land ein Continent und keine Insel sei, da sie Hirsche, Eber und anderes Wild angetroffen, wie man es auf Inseln nicht findet, und da sie eine bedeutende Strecke an der Küste hingefahren waren.[314] Im Februar (nach Andern im April) erreichten sie die Nordwestküste von Spanien wieder und liefen in den galicischen Hafen von Bagona ein. Die gesammte Ausbeute belief sich auf 96 Mark (libras octunciales) Perlen, von denen ein Fünftel an den königlichen Fiscus abgegeben wurde. Der glückliche Verlauf und der reiche Gewinn reizte zu neuen Fahrten.

Am Schlusse desselben Jahres 1499 brach von Palos ein zweites Geschwader auf. Die reiche Familie der Pinzone hatte es auf ihre Kosten ausgerüstet. An der Spitze standen Vicente Yañez Pinzon und seine Neffen Diego Fernandez und Perez Arias. Am 18. November gingen 4 Caravelen unter Segel und steuerten von der capverdischen Insel St. Jago am 13. Januar 1500 gegen Südwesten trotz Stürme und großer Gefahr über den Aequator. Jenseit des fünften Grades südl. Br. stießen sie am 26. Januar südlich von dem Cap S. Roque auf die brasilianische Küste und nannten den ersten Landvorsprung das schöne Vorgebirge, Rostro Hermoso. Die Portugiesen nannten dasselbe später Cap Sa. Cruz oder S. Agostinho. Juan de la Cosa bezeichnet diese Stelle mit der Inschrift: „Dieses Cap wurde im Jahre 1499 (irrthümlich statt 1500) für Castilien entdeckt, der Entdecker war Vicentians.“[315] Der Führer der Expedition stieg mit mehreren königlichen Notaren ans Land und nahm für den König von Spanien Besitz von demselben, indem er Zweige von den Bäumen abhieb, von dem Wasser des Landes trank und Kreuze errichtete. Ein Versuch, mit den Eingebornen in friedlichen Tauschverkehr zu treten, wurde durch das feindselige Benehmen derselben vereitelt. Man steuerte darauf an der Küste des Landes gegen WNW. So wurde also auch, wie Peter Martyr triumphirend schreibt, hier, jenseit des Oceans die alte Streitfrage, an welcher sich Philosophen, Dichter und Kosmographen lebhaft betheiligt hatten, ob nämlich der heiße Aequatorialgürtel für Menschen bewohnbar sei, endgiltig durch den Augenschein gelöst.[316] Auf der Weiterfahrt geriethen sie mit den Indianern in blutigen Streit, welcher mehreren Matrosen das Leben kostete. Sie hielten daher etwas von der Küste ab und gelangten vor die Mündung des mächtigen Amazonenstroms; sie waren nicht wenig erstaunt, als sie in einer Entfernung von 40 spanischen Meilen vom Lande trinkbares Wasser von der Meeresfläche schöpfen konnten. Daß solche gewaltige Massen von süßem Wasser, welche den Ocean bedeckten, nur von einem Riesenstrome herrühren konnten, wurde klar, jemehr sie sich nun dem Gestade näherten, an welchem sie mehrere Inseln entdeckten. Auf einer derselben nahmen sie 36 Eingeborene gefangen und führten sie als Sklaven mit sich fort. An der Mündung des Marañon, wo sie zuerst den Polarstern wieder zu Gesicht bekamen, beobachteten sie eine Springflut und glaubten aus den Angaben der Indianer zu verstehen, daß weiter aufwärts am Fluß viel Gold zu finden sei. Offenbar hatte man ein bedeutendes Festland vor sich, dem man unmöglich die kleine Bezeichnung „Insel“ ertheilen konnte, man müßte denn, wie Martyr bemerkt, die ganze bewohnte Erde (universum terrae orbem) als Insel ansehen. Wegen der ungeheuren Breite des Amazonenstroms, welche die Entdecker auf 30 spanische Meilen schätzten, hielt Martyr die Erzählung anfangs für eine Fabel. Als er sie dann aber weiter fragte, ob sie nicht etwa eine Meerenge für einen Fluß angesehen hätten, bemerkten ihm jene, daß, je weiter man in den Strom hinauf fahre, das Wasser um so süßer werde. Durch diese Erklärung beruhigt, ruft der Verfasser der Decaden aus: „Wer will es der Natur nehmen, daß sie nicht noch größeres selbst als diesen Fluß schaffen könne!“ Die Entdeckung des gewaltigsten Stroms der Erde erregte mit Recht die staunende Bewunderung der Zeitgenossen. So verschwommen aber waren damals noch die Vorstellungen, welche man über diese Gebiete in Spanien hatte, daß Peter Martyr glaubte, der Marañon sei derselbe Fluß, den Columbus auf seiner dritten Reise gefunden; der Amazonenstrom und Orinoco schienen ihm also identisch. Daß beide neben einander existiren könnten, schien unglaublich.

Aus den prachtvollen Urwäldern nördlich vom Strome, wo sie Riesenstämme antrafen, welche 16 Männer kaum zu umspannen vermochten, nahmen sie eine Ladung von Brasilholz[317] mit und gingen dann am Orinocodelta vorüber durch den Drachenschlund, entdeckten jenseit Trinidad die Insel Tabago, berührten mehrere der kleinen Antillen und trafen am 23. Juni 1500 in Haiti ein. Von hier aus wandte sich das Geschwader, welches weder Gold noch Perlen gewonnen hatte, zur Menschenjagd nach den Bahama-Inseln, verlor aber in einem furchtbaren Sturm zwei Schiffe. Die beiden andern Fahrzeuge erreichten am 30. September 1500 den heimatlichen Hafen. Der geographische Erfolg dieser Reise war ein bedeutender, aber der materielle Gewinn fehlte vollständig. Die Droguen und Hölzer, welche man für Ingwer und Zimmet gehalten, waren werthlos. Es blieb nur die Sklavenfracht und das Brasilholz; dazu stürzte der Verlust zweier Schiffe die Familie der Unternehmer in Schulden und ließ den Gedanken an eine Fortführung der Pläne nicht aufkommen, obwohl man dem Ziele weit näher gekommen zu sein meinte, als Columbus; denn man war überzeugt, über Catai hinaus das indische Gestade jenseit des Ganges erreicht zu haben.[318]

Kaum einen Monat später, als die Pinzone, brach ebenfalls von Palos, etwa in der Mitte des December 1499 Diego de Lepe mit zwei Schiffen auf und segelte von der capverdischen Insel Fuego 500 Leguas gegen Südwesten, bis er in der Nähe von Cap Agostinho auf die Küste des Festlandes stieß. Der Verlauf der Expedition am Marañon vorüber nach dem Parialande ist ziemlich derselbe wie bei der Fahrt der Pinzone; doch würde Lepe’s Reise noch ein besonderes Interesse gewinnen, wenn, wie vermuthet ist, Amerigo Vespucci daran theilgenommen hätte und der Bericht von der zweiten Schifffahrt des Florentiners sich auf Diego de Lepe’s Unternehmung bezöge.[319] Vespucci, welcher zweimal am Cap Agostinho war, bestimmte die südliche Breite desselben zu 8 Grad, nach den Aussagen Sebastian Cabots, Juan Vespucio’s u. a. (Navarrete III, 319. 320). Andreas Morales entwarf nach den Angaben der Entdecker und der nachfolgenden Expeditionen eine Karte für den Bischof Fonseca, auf welcher auch die Lage des Cap Agostinho nach Rücksprache mit Lepe angegeben war. Diego de Lepe’s Karte wurde später auch von Juan Diaz de Solis geprüft. Das Cap Agostinho gewann aber deshalb eine so große Wichtigkeit, weil man durch seine Fixirung den ersten festeren Anhalt für die Bestimmung der Demarcationslinie zu finden glaubte. Lepe’s Karte wurde dabei zu Rathe gezogen und Vespucci hat, nach der Aussage namhafter Zeugen, seine Lage bestimmt (Navarrete III, 319). Die Beziehungen zwischen Diego de Lepe und Amerigo Vespucci treten dadurch so deutlich hervor, daß die Vermuthung, Vespucci habe mit Lepe seine zweite Reise gemacht, dadurch an Wahrscheinlichkeit gewinnt. Ueber Haiti kehrten die Schiffe wieder heim und langten vor dem November 1500 in Spanien an, denn schon am 9. November desselben Jahres ist ein Erlaß der spanischen Majestäten, Diego Lepe betreffend, ergangen (Navarrete III, 80).

Um die Küsten des caribischen Meeres weiter zu erforschen, zog Rodrigo de Bastidas im October 1500 mit zwei Schiffen von Cadiz aus, besuchte den Golf von Venezuela, sowie die Länder im Süden und Westen der Landschaft Coquibacoa. Von Cabo de la vela begann er seine Entdeckungen, berührte die Küste der Sierra nevada de Sa. Marta und drang über die Mündung des Magdalenenstroms in das Innere des Golfes von Darien (oder Urabá). Von hier wandte er sich nach Nordwesten und verfolgte den Saum der darischen Landenge bis zur Punta San Blas oder dem nahegelegenen Puerto de Escribanos.[320] Er erreichte also den Isthmus von Panama vor Columbus, welcher erst am 26. November 1502 hieher gelangte. Durch diese Reise des Bastidas wurde die Aufnahme der Nordküste Südamerikas vollendet.

Im Januar 1502 machte sich Hojeda zum zweitenmale auf, nachdem er zur Beschaffung der Mittel sich mit Juan de Vergara und Garcia de Ocampo oder del Campo verbunden und mit der Krone durch Vermittlung Fonseca’s einen Vertrag geschlossen hatte, wonach ihm die Umgebung des Golfes von Maracaibo unter dem Namen einer Statthalterschaft von Coquibacoa oder Cichibacoa überlassen wurde. Er ging mit vier Schiffen über die Capverden nach der Küste von Venezuela, entdeckte den Golf von Coro, den östlichen Theil des Golfs von Venezuela und beschloß dort eine Niederlassung zu gründen; aber die Eingeborenen vertheidigten ihr Land mit den Waffen und tödteten in einem Gefechte zwanzig Spanier. Mangel an Lebensmitteln riefen unter der Mannschaft einen Aufruhr hervor, in welchem Hojeda gefangen genommen und in Ketten geworfen wurde. Dann gaben die Meuterer die Ansiedlung auf und gingen nach Haiti, wo Hojeda dem Gericht überliefert und nach Spanien gebracht, im Jahre 1503 aber völlig freigesprochen wurde.

Noch unglücklicher verliefen die beiden Expeditionen, welche 1504 nach jenen Gegenden auszogen. Das eine Geschwader unter Cristobal Guerra und Luis Guerra bestand aus vier Schiffen, das andere unter Juan de la Cosa aus drei oder vier Schiffen. Nachdem sie die Gestade Venezuelas gebrandschatzt und Menschenraub getrieben hatten, scheiterten mehrere der Fahrzeuge am Golf von Darien. Man sah sich gezwungen, dreiviertel Jahr unter Hunger und Mühsal an der Küste auszuharren, wobei mehr als die Hälfte der Mannschaft dem Fieber erlag. Von den 200 Abenteurern beider Geschwader retteten sich schließlich nur etwa vierzig über Jamaica und Haiti nach Spanien. Trotz aller Mißerfolge fand Alonso de Hojeda im nächsten Jahre wieder Gelegenheit, mit drei Schiffen den Versuch, seine Statthalterschaft in Coquibacoa zu begründen, zu wiederholen. Nähere Umstände über diese 1505 ausgeführte Unternehmung sind aber nicht bekannt geworden.