16. Die Portugiesen in Südamerika.

Es ist bereits oben ([S. 129]) berichtet, unter welchen Umständen bei der zweiten portugiesischen Expedition nach Indien unter Pedralvarez Cabral im April 1500 die Küste Brasiliens zufällig berührt wurde. Da die Portugiesen von der fast gleichzeitig erfolgten Auffindung der nördlicheren Gestade des südamerikanischen Continents durch die Spanier noch keine Nachricht erhalten hatten, so hielt Cabral das entdeckte Land für eine große Insel, welcher er den Namen Santa Cruz beilegte, und schickte den Capitän Gaspar de Lemos mit der Kunde von dieser Entdeckung nach Portugal zurück, während er selbst seinen Weg nach Indien fortsetzte.

In Lissabon erkannte man sofort den Vortheil, welchen die neue Insel den Indienfahrern gewähren könne, da sie sehr günstig gelegen sei, um Schiffe auszubessern und Wasser einzunehmen.[321] Es wurde daher beschlossen, durch ein zu diesem Zweck entsendetes Geschwader den von Cabral gemachten Fund weiter untersuchen zu lassen. Um diese Zeit war Amerigo Vespucci von seiner zweiten Fahrt, auf welcher er bis zum 8. Grad s. Br. gekommen war, zurückgekehrt und weilte in Sevilla. Da nun Amerigo auch eine von Fachleuten anerkannte Geschicklichkeit besaß, mittelst Quadranten die geographische Breite zu bestimmen, so suchte König Manuel ihn zu gewinnen, die beabsichtigte Fahrt nach dem Sa. Cruzlande mitzumachen und sandte daher einen Florentiner, Giuliano di Bartolomeo del Giocondo von Lissabon nach Sevilla. Erst auf wiederholte Bitte erklärte Vespucci sich bereit und reiste nach Portugal. Im Mai 1501 liefen drei Schiffe von Lissabon aus, an Bord des einen befand sich Vespucci, wahrscheinlich als Astronom. Der Name des Capitäns ist unbekannt, da Vespucci, dessen Briefe die einzige Quelle über die Fahrt sind, uns denselben verschweigt. Das Geschwader ging an der afrikanischen Küste bis über das grüne Vorgebirge hinaus, nahm dort bei den Bissagos Lebensmittel, Holz und Wasser ein und steuerte dann mehr westlich haltend über den Ocean. In der Region der Calmen, in der Nähe des Aequators, brachen furchtbare Unwetter los, welche sie lange dort festbannten.[322] Erst am 16. August kam die Küste von Südamerika in Sicht in der Nähe von Cap S. Roque, unter 5° s. Br. Man nahm für den König von Portugal in üblicher Weise Besitz vom Lande und versuchte mit den Eingeborenen einen kleinen Tauschhandel zu eröffnen. Es entstand aber auch hier bald Mißhelligkeit und Streit und die Europäer mußten es erleben, daß einer ihrer jungen Matrosen am Strande erschlagen und verzehrt wurde. Man folgte nun der Küste weiter nach Südwesten und ertheilte, wie es scheint, einzelnen Punkten den Namen der Kalenderheiligen des Tages. Der Atlas des Vaz Dourado[323] läßt in solcher Weise den Fortschritt der Entdeckung klar erkennen. Demgemäß war man am 16. August, am Tage des heil. Rochus zuerst auf den Continent am Cap San Roque, gestoßen, hatte das Cap des heil. Augustin (8° südl. Br.) am 28. August erreicht, den Rio de San Miquel (10° südl. Br.) am Michaelistage berührt, den Rio de San Franciso am 4. October gefunden. Weiterhin streifte man die von Cabral entdeckte Küste und erkannte daraus, daß die von demselben als Ilha de Sa. Cruz bezeichneten Gestade einem gewaltigen Continente angehörten, und lief nun weiter über den Rio de Sa. Luzia, wahrscheinlich den heutigen Rio Doce, zu welchem man nach der Bestimmung des Tages am 13. December gelangte, zum Cabo de San Thomé (21. December). Das Sternbild des kleinen Bären war ihnen bereits entschwunden[324] und auch der große Bär stand nur noch sehr niedrig.[325] Vermuthlich entdeckte man den Eingang der prachtvollen Bucht am Rio de Janeiro am 1. Januar 1502 und westlich davon die Angra dos Reis am heiligen Dreikönigstage, also am 6. Januar, Porto de San Vicente am 22. Januar und gleich darauf Cananea (25° s. Br.), fälschlich auf den damaligen Karten als Cananor bezeichnet. Mit diesem Punkte hören auf den Karten, welche bis 1510 erschienen, die Küstenbenennungen auf, obwohl Vespucci berichtet, das Geschwader habe bis zum 32° südl. Br. das Land in Sicht behalten.

Bis hieher läßt sich der Verlauf der Entdeckungen also bestimmt verfolgen. Vespucci erzählt aber, man habe von da an ihm persönlich die weitere Leitung übertragen und er sei nun vom Lande ab gegen Süden bis zum 50° oder 52° s. Br. in das südliche Meer vorgedrungen, wo man am 2. April eine von Klippen umsäumte, unbewohnte, öde Küste entdeckt, an der man 20 Seemeilen entlang gesegelt; und weil man in den südlichen Winter hineingerieth, habe man nun die weitere Fahrt aufgegeben und sei über den Ocean nach der Serra Leona zugesteuert. Welche Küste er gesehen haben will, läßt sich nicht bestimmen.[326] Man hat an die Falkland-Inseln und die patagonische Küste gedacht.

An der Küste der Serra Leona wurde eins von den drei Schiffen, welches untauglich geworden war, verbrannt, die beiden andern langten über die Açoren am 7. September 1502 in Lissabon an, so daß also die ganze Reise 16 Monate gewährt hatte.

Der Erfolg dieser auf Staatskosten unternommenen Erforschungsreise war in geographischer Beziehung ein sehr bedeutender, und Vespucci verstand es, durch seine Briefe und Berichte sich dabei als den Hauptträger und wissenschaftlichen Leiter hinzustellen. Die ausführlichen Schilderungen der entzückend schönen, tropischen Küstenlandschaften des südamerikanischen Continents, dessen gewaltige Ausdehnung nach Süden durch diese Fahrt zuerst erkannt wurde, die Schönheit des südlichen Himmels, von dessen Sternbildern Vespucci einige unförmliche Zeichnungen entwarf, und endlich die sichere Behauptung, daß er mit seinen Schiffen wenigstens bis zum 50° s. Br. gekommen sei, alles dies trug ohne Zweifel dazu bei, gerade diese dritte Reise Vespucci’s berühmter als alle anderen zu machen; denn es war eine Seefahrt gewesen, welche sich von Lissabon, also etwa von 40° n. Br. an, in der Richtung der Meridiane über den vierten Theil des Erdumfanges ausdehnte. In der deutschen Uebersetzung eines Briefes des Florentiner Kosmographen an seinen Freund Lorenzo di Pierfrancesco de Medici wird dieses Resultat mit den Worten zusammengefaßt. „So ist küntlich vnnd offenbar das wir den vierdenteyl der welt durchschyffet haben.“ In demselben Sinne gibt Ruchamer[327] diesem Abschnitt seines Werkes den Titel: „Wie Alberich den vierten Theil der Welt entdeckt hat.“ Der Brief Vespucci’s machte ungeheures Aufsehen, wurde 1503 zuerst durch Jean Lambert zu Paris in lateinischer Uebersetzung und weiter in Augsburg und Straßburg in deutscher Sprache gedruckt.

Titelblatt der deutschen Uebersetzung des Briefes, welchen Am. Vespucci über seine dritte Reise an Pierfrancesco de Medici schrieb.

(Königl. Bibliothek zu Dresden.)