Rückseite des Titelblattes und Anfang desselben Briefes.

(Königliche Bibliothek zu Dresden.[328])

Und wenn schon auf dem Titel, auf dem der König von Portugal in herausfordernder Weise sich spreizt und mit den Errungenschaften zu brüsten scheint, die neu entdeckten Länder als eine Welt bezeichnet werden, so spricht Vespucci selbst es in der Einleitung seines Briefes noch deutlicher aus, daß man die großen Länderräume, welche er im Auftrage des Königs von Portugal aufgefunden, die neue Welt nennen könne, zumal da man früher gar keine Kunde davon gehabt, vielmehr der Ansicht gewesen sei, daß südlich vom Aequator sich nur Wasser über die ganze Hemisphäre erstrecke. Nun seien aber zahlreiche Völker und eine eben so reiche Thierwelt aufgefunden, wie sie in der alten Welt bekannt sei.

Durch die Erzählungen von einer neuen Welt, welche Vespucci mit bewußtem Stolze Asien, Afrika und Europa gegenüberstellte, verdunkelte er das niedergehende Gestirn seines Landsmannes Columbus vollständig und gab wenige Jahre später die Veranlassung, daß der neu entdeckte Erdtheil seinen Namen erhielt. Der Florentiner war aber mit seinen Erfolgen noch nicht zufrieden, er wollte, wie er an Lorenzo de Pierfrancesco schreibt, noch einen ausführlicheren Bericht über seine Beobachtungen und Entdeckungen liefern, „damit mein gedechtnuß bei vnßern nachfaren, löblich beleib, Vnd des almechtigen gots so groß köstlich, künstliche werk bekant werde.“ Zugleich kündigte er auch seine Absicht an, noch eine vierte Reise zu unternehmen, zu welcher bereits zwei Schiffe ausgerüstet seien. Er plante dabei nicht geringeres, als durch den Süden nach dem Orient zu segeln,[329] oder wie der Text der Dresdner Flugschrift noch bestimmter sagt „durch den wyndt, genant Affricus“, also gegen Südwesten.

Es ist also zuerst von Vespucci der Vorsatz klar ausgesprochen, auf südwestlichem Wege Indien zu erreichen und dabei vor allem den Gewürzmarkt von Malakka aufzusuchen — ein Gedanke, welchen Magalhães 16 Jahre später verwirklichte. Die Expedition, an welcher Vespucci Theil nahm, stand unter dem Befehle des Gonzalo Coelho; sie zählte sechs Schiffe und ging am 10. Juni 1503 von Lissabon ab. Von der Serra Leona steuerte sie nach Südwesten, nach der Küste Brasiliens hinüber; unter 4° s. B. scheiterte das größte Schiff an einer Klippe vor der öden Felseninsel Fernando Noronha. Getrennt von einander gingen die Fahrzeuge weiter nach dem verabredeten Sammelplatze der Allerheiligenbai (Bahia). Als Vespucci mit seinem Begleitschiff hier über zwei Monate vergebens gewartet hatte, folgte er der schon bekannten Küste weiter nach Süden und legte unter 18° s. B. die erste Niederlassung in Brasilien an, in welcher 24 Mann von dem gestrandeten Schiffe als Colonisten blieben, nahm darauf eine Ladung Rothholz mit und kehrte am 2. April nach Europa zurück. Am 18. Juni 1504 erreichte er den Hafen von Lissabon. Nach und nach kamen auch die übrigen Schiffe zurück. Das Unternehmen war vollständig misglückt, die der Expedition vom König von Portugal gestellte Aufgabe, auf jeden Fall nach Indien zu segeln, blieb ungelöst. Vespucci gab der Unerfahrenheit und dem Hochmuth Coelho’s alle Schuld und meinte, da derselbe noch nicht zurückgekehrt war, als Vespucci seinen Bericht entwarf, Gott werde ihn wegen seines Stolzes auf dem Meere vernichtet haben.[330] Er schwebte in Ungewißheit, was der König weiter über ihn selbst beschließen werde. Er sehnte sich nach so vielen Anstrengungen nach Ruhe; aber auf Belohnung für seine Dienste konnte er nicht rechnen, da die letzte Unternehmung fehlgeschlagen war. Er nahm daher gern die Gelegenheit wahr, mit einem Schreiben des portugiesischen Königs sich nach Sevilla zu begeben. Hier traf er im Februar 1505 mit Columbus zusammen, der ihn wie einen Leidensgenossen behandelte, welcher gleichfalls von dem Undanke der Könige betroffen sei. „Vespucci,“ so schrieb der Admiral an seinen Sohn Diego, „hat sich mir gefälllg erwiesen. Dem ehrenwerthen Manne ist das Glück abhold gewesen, wie so vielen andern. Auch er hat den gebührenden Lohn für seine Leistungen nicht empfangen.“[331] Der König Ferdinand benutzte die dargebotene Gelegenheit, den tüchtigen und kenntnißreichen Florentiner wieder für sich zu gewinnen; am 11. April ehrte er ihn durch ein königliches Geschenk, und vierzehn Tage später verlieh ihm sein Schwiegersohn, König Philipp, das Bürgerrecht in Spanien.

Von da an blieb Vespucci in spanischen Diensten.

Neuerdings sind noch einige venetiansche Gesandtschaftsberichte bekannt geworden,[332] aus denen hervorgeht, daß Vespucci noch eine fünfte Reise unternommen und wiederum die Terra Firma berührt hat, aber ohne neue bedeutende Entdeckungen zu machen.

Amerigo hatte von 1505 sich wieder in den Dienst Spaniens begeben und blieb demselben bis zu seinem Tode treu. Im Jahre 1508 wurde er mit 200 Ducaten Gehalt als Reichspilot angestellt und hatte das Amt, die Befähigung der Piloten zu prüfen und als Kartograph thätig zu sein. Daß er Seekarten entworfen hat, finden wir mehrfach bestätigt; aber leider hat sich kein Originalblatt erhalten. Dagegen darf mit Sicherheit angenommen werden, daß die in der Straßburger Ausgabe des Ptolemäus von 1513 enthaltene Karte der neuen Welt (tabula terre nove) von Vespucci stammt. Er starb am 22. Februar 1512 zu Sevilla und erhielt den Juan Diaz de Solis zum Nachfolger.

Während Columbus schon bei Lebzeiten seinen Ruhm vollständig erbleichen sah, widerfuhr dem Vespucci die unverdiente Ehre, daß bereits im Jahre 1507 der Vorschlag gemacht wurde, die neuentdeckten großen Landmassen Amerika zu nennen.