Die Entstehung des Namens Amerika ist beachtenswerth genug, um hier ausführlicher dargelegt zu werden. Es ist bereits mehrfach darauf hingewiesen, daß Amerigo ein fleißiger Briefsteller war, und indem er mit einer frischen Beobachtung auch die Gabe verband, namentlich das Völkerleben der neuen Welt in pikanter Weise zu schildern, so wurden seine Berichte außerordentlich gern gelesen und waren in vielfachen Ausgaben und Uebersetzungen verbreitet. Außer den einzelnen Briefen erschien seit 1507 eine zusammenfassende Darstellung seiner vier ersten Reisen nach der Fassung, welche der Reisende selbst in den Berichten an seinen florentinischen Freund Soderini gegeben hatte. Diese „Quatuor navigationes“ (Vier Schifffahrten) erlebten wiederum eine Reihe von lateinischen Auflagen, während weder von Magalhães’ noch von Vespucci’s Reisen gleichzeitige spanische oder portugiesische Ausgaben bekannt sind.

Lies: De vuestra reverendisima señoria hymylmente beso las manos.

Amerrigo Vespucci,
piloto mayor.

Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Amerigo Vespucci an den Cardinal Arzobispo de Toledo (Ximénez de Cisneros); datirt Sevilla, 9. December 1508.

Unverkennbar macht sich in ihnen ein eitles Haschen nach Gelehrsamkeit bemerklich, denn Amerigo citirt den Plinius, Virgil und Aristoteles, auch ist der Verfasser, wie die meisten Reisenden seines Zeitalters zu Uebertreibungen geneigt und weiß sich auch als praktischer Astronom einen gewissen Nimbus zu verschaffen. Alexander von Humboldt hat es ganz treffend als ein Uebermaß astronomischer Ruhmredigkeit bezeichnet,[333] wenn Vespucci in Bezug auf die Längenbestimmungen zur See sich folgendermaßen äußert: Längenbestimmungen zu machen ist eine sehr schwierige Sache, und nur diejenigen Personen verstehen es, welche sich den Schlaf versagen können. Ich habe die nächtliche Ruhe so oft gemieden, daß ich mein Leben dadurch um zehn Jahre verkürzt habe, ein Opfer, welches ich keineswegs bedaure, weil ich hoffe dadurch in späteren Jahrhunderten mir noch Nachruhm zu erwerben. Und da er selbst nun von seiner dritten Fahrt berichtete, er habe seine Reise über den vierten Theil des Erdumfanges ausgedehnt und die von ihm berührten Länder könne man wohl füglich eine Welt für sich nennen und den Erdtheilen der alten Welt gegenüber stellen, so verbreitete sich nun sehr rasch die Meinung, Amerigo sei der Entdecker, und um so mehr wurde diese Ansicht widerspruchslos weitergetragen, weil über die Reisen des Columbus nach dem Lande Paria und dem Goldlande Veragua kaum ein Laut in die Oeffentlichkeit drang und weil man den Genuesen nur für den Entdecker von „etlichen Inseln“ hielt. Man staunt über die lange Reihe von Schriften und Verfassern, welche sämmtlich dem Amerigo das Verdienst der Entdeckung des Festlands von Amerika zuschreiben.[334] Daher erklärt sich auch, daß als einmal der Vorschlag aufgetaucht war, das neue Land „Amerika“ zu nennen, man ohne Zögern den Gedanken als einen glücklichen, treffenden bezeichnete und auch für die weitere Verbreitung des Ausdrucks sorgte.

Anfänglich waren die Bezeichnungen für die neuen Entdeckungen noch ziemlich unsicher und schüchtern aufgetreten, so lange man noch keine klare Vorstellung von der großen Ausdehnung zusammenhängender Landmassen besaß. Columbus hatte von einem neuen Himmel und einer neuen Erde gesprochen, in lateinischer Form lautete danach die Bezeichnung mundus novus oder novus orbis, was dann wieder in „neue Welt“ verdeutscht wurde. Während man in den wenigen von Columbus bekannten Mittheilungen nur von Inseln erzählen hörte, erklärte Vespucci mit großer Sicherheit, er habe einen neuen Erdtheil entdeckt. Kein Wunder, daß dann die jungen Gelehrten, welche sich in der lothringischen Stadt St. Dié mit Geographie befaßten und die vier Schifffahrten des Vespucci in lateinischer Uebersetzung verbreiteten, auch die Ueberzeugung gewannen, man müsse dann auch dem Florentiner zu Ehren jene Länder nennen. Der Urheber des Namens Amerika ist Martin Waltzemüller.[335] In seiner 1507 zuerst veröffentlichten Einleitung zur Kosmographie (Cosmographiae introductio) gibt er im 9. Capitel eine ganz kurze Charakteristik der Erdtheile Europa, Afrika und Asia und bemerkt dazu, daß in der neusten Zeit diese Erdtheile nicht nur genauer bekannt geworden, sondern daß durch Amerigo Vespucci auch noch ein vierter Erdtheil entdeckt worden sei, welchem man mit gutem Fug und Recht den Namen Amerige, gleichsam Amerigo’s Land oder Amerika geben könne, da sowohl Europa als auch Asia nach Frauen benannt worden seien. Ueber Land und Leute dieses neuen Erdtheils sollen dann die der Kosmographie angehängten vier Schifffahrten des Vespucci genaueres berichten. Da an dieser Stelle der Name „Amerika“ zuerst in der Literatur erscheint, so geben wir hier vorstehend eine getreue Copie dieser interessanten Stelle.

Facsimile der Stelle, in welcher zum erstenmale der Name „Amerika“ vorgeschlagen wird.
Aus Cosmographiae Introductio des Hylacomylus von 1507.