Der Vorschlag Waltzemüllers fand zunächst unter den deutschen Gelehrten Anklang. So erschien denn der Name Amerika zuerst in dem kleinen anonym veröffentlichten Werke Globus mundi (Straßburg 1509) und in demselben Jahre auf einer in Wien befindlichen Karte. Zwei Jahre später lesen wir die neue Benennung in einem englischen Schauspiel (A new interlude). Weiterhin begegnen wir derselben in einem 1512 von Joachim Vadianus an Rudolf Agricola gerichteten Briefe, welcher in der 1518 erschienenen Ausgabe des Pomponius Mela abgedruckt wurde. Im Jahre 1515 schrieb Johannes Schöner in Bamberg den Namen Amerika auf seinen Globus. Dann folgte die wahrscheinlich 1516 entworfene merkwürdige Weltkarte Leonardo da Vinci’s, 1520 Peter Apian, welcher für die von Camers (Giov. Rienzi Vellini aus Camerino in Umbrien) besorgte Ausgabe des Solinus eine Weltkarte zeichnete, und sodann das von dem französischen Kosmographen Oronce Fine (Orontius Finaeus) 1531 gefertigte Weltbild. Aber allgemein befestigt war die Benennung damit noch nicht, denn durch das ganze 16. Jahrhundert begegnen wir für Südamerika auch den Bezeichnungen Peruana (Peru) oder Brasilia. Erst im 17. Jahrhundert erlangte der Name allgemeine Gültigkeit.

17. Die spanischen Niederlassungen auf dem Festlande von Mittelamerika und die Entdeckung der Südsee.

Alonso Hojeda hatte bereits drei Fahrten nach der Nordküste Südamerikas gemacht (vgl. oben [S. 325 ] und [329]), aber seine Versuche, sich in der ihm zuertheilten Statthalterschaft von Coquibacoa am Maracaibosee mit Waffengewalt festzusetzen, waren an dem zähen Widerstande der kriegerischen Cariben gescheitert. Trotzdem gab der unbeugsame spanische Ritter seine Pläne nicht auf, er ließ sich 1508 mit der ganzen Küste, welche nun den Namen Nueva Andalusia erhielt, von neuem belehnen und verpflichtete sich, daselbst zwei feste Plätze anzulegen. Zu gleicher Zeit wurde einem anderen Bewerber, Diego de Nicuesa, der Küstenstrich des mittelamerikanischen Isthmus von Honduras bis Darien überwiesen; die Grenze sollte der Atrato bilden, welcher sich in den Golf von Darien ergießt. Gegen Osten, auf dem Gebiet Hojeda’s, trug die Landschaft den indianischen Namen Uraba, gegen Westen erstreckte sich weiterhin das goldreiche Veragua. Hojeda ging im Herbst 1509 mit vier Schiffen und 300 Mann nach seinem Gebiete unter Segel. In seiner Begleitung befanden sich der Pilot Juan de la Cosa, als sein Stellvertreter, und Francisco Pizarro. Kurz darauf folgte Nicuesa, welcher über bedeutendere Mittel verfügte, mit sieben Segeln und 700 Mann und steuerte nach Veragua.

Hojeda landete in der Gegend von Cartagena und beschloß die Dörfer der Cariben zu überfallen, um die Einwohner zu Sklaven zu machen. Mit dem Erlös der Beute hoffte er einen Theil der Ausrüstungskosten decken zu können. Vergebens warnte Juan de la Cosa vor den vergifteten Geschossen der kriegerischen Küstenstämme, deren Gefährlichkeit er auf früheren Fahrten hatte kennen lernen, und empfahl weiter westlich zu landen; allein Hojeda verschmähte den wohlgemeinten Rath. Mit einer Schar von 70 Mann rückte er in der Morgendämmerung aus, überwältigte das erste Dorf, machte alles nieder, was Widerstand leistete, und brachte die Ueberlebenden als Menschenbeute auf seine Schiffe. Nach diesem ersten Erfolge aber überließen sich die Spanier in der heißen Mittagszeit sorglos der Ruhe und wurden nun von den benachbarten Indianern, deren Ortschaft gleichfalls bedroht war, vollständig überrumpelt. Unter den Giftpfeilen der Cariben fielen alle Spanier, zuletzt auch Juan de la Cosa; nur Hojeda, der sich hinter seinem großen Schilde vollständig decken konnte, schlug sich durch und rannte der Küste zu, aber ohne die Schiffe erreichen zu können. Zum Glück kam zur selben Zeit Nicuesa mit seinem Geschwader in dieselbe Gegend, fand Hojeda’s Schiffe und beschloß, mit dem Reste der Mannschaft desselben die Gegend zu durchstreifen, um das Schicksal der Expedition gegen die Indianer aufzuklären. Zuerst fand man Hojeda, tief im Mangrovegebüsch versteckt, wohin er sich geflüchtet hatte, entkräftet durch Hunger, sprachlos vor Erschöpfung, aber den Degen in der Faust und am Arme den Schild, auf welchem gegen 300 Pfeilschüsse zu zählen waren. Dann kam man zur Stätte des unheilvollen Ueberfalls und stieß auf die Leiche Cosa’s; dieselbe war an einen Baum gebunden und von zahllosen Geschossen durchbohrt, „ein Igel von Pfeilen“. Von dem todbringenden Gift gräßlich aufgedunsen, bot die Leiche ein so grauenvolles Bild, daß keiner der Spanier, aus Furcht, von einem ähnlichen Schicksal betroffen zu werden, auch nur noch eine Nacht an dem Orte zu bleiben wagte. Alle kehrten zu den Schiffen zurück: Nicuesa steuerte nach Veragua, Hojeda lief an dem Gestade westwärts und gründete im Anfange des folgenden Jahres 1510 am Golf von Uraba, hart an der Grenze seines Gebiets eine Niederlassung, welche er San Sebastian nannte und durch ein festes Blockhaus sicherte. Aber da die Indianer der Nachbarschaft ebenso kriegerisch und feindselig waren als bei Cartagena, so sahen sich die Ansiedler fast ganz auf ihr Blockhaus beschränkt und durften es einzeln nicht verlassen, aus Furcht, von den lauernden Cariben aus dem Hinterhalte erlegt zu werden. So stellte sich bald Mangel an Lebensmitteln ein und in seinem Gefolge Unmuth und Mißstimmung, welche zu Meutereien ausartete; und wenn auch Hojeda strenge Mannszucht zu halten verstand, so war er doch nicht im Stande, der immer drohender nahenden Hungersnoth vorzubeugen. Um Verstärkungen an Abenteurern heran zu ziehen, sandte er ein Schiff mit Sklaven und Gold nach Haiti. Durch die vielverheißenden Berichte ließ sich ein spanischer Colonist von Haiti, namens Talavera, welcher, weil er in Schulden steckte, die Insel zu verlassen wünschte, mit einer Anzahl verwegner Leute gleicher Lage verleiten, ein mit Lebensmitteln beladenes Schiff, welches an der äußersten Südwestspitze von Haiti vor Anker lag, zu überfallen und in Besitz zu nehmen, um mit diesem Raube dem Goldlande zuzusteuern. Die Ankunft der Räuberbande mußte der bedrängten Colonie Hojeda’s willkommen sein; sie brachte eine namhafte Verstärkung an Mannschaft und — Brot. Nach dem rechtlichen Erwerb des Schiffes und der Fracht durfte der Leiter der kleinen Ansiedlung nicht fragen. Mit neubelebtem Muthe trat man den Indianern entgegen; aber schon bei einem der nächsten Ausfälle aus dem Blockhause erhielt Hojeda einen vergifteten Pfeilschuß in den Schenkel. Um den bekannten, unausbleiblichen Wirkungen der gefährlichen Verletzung zuvorzukommen, ließ der kühne Hidalgo sich die Wunde mit einem glühenden Eisen ausbrennen und einen in Essig getauchten Verband darumlegen. Und nur durch solche unerhörte Energie rettete er sein Leben.

Kaum war er genesen, so ging er auf Talavera’s Schiffe selbst nach Haiti, um neue Zufuhr herbeizuschaffen, da sich ohne dieselbe seine Colonie nicht aufrecht erhalten ließ. Als seinen Stellvertreter ließ er den Francisco Pizarro[336] zurück und setzte fest, daß, wenn er binnen 50 Tagen nicht wieder erschienen sei, Pizarro die Niederlassung ausheben und mit dem Reste der Leute Veragua aufsuchen könne.

Hojeda landete mit dem Piratenschiff an der Südküste Cuba’s. Unter unsäglichen Beschwerden wanderte er dreißig Meilen weit durch die menschenleeren Strandsümpfe und Lagunen ostwärts. Tagtäglich betete er zu seiner Patronin, der Jungfrau Maria, deren Bildniß, in Flandern gemalt und ein Geschenk seines Gönners Fonseca, er am Halse trug. In dem ersten Indianerdorfe, welches er antreffen würde, gelobte er dem Madonnenbilde eine Capelle zu bauen. Und als er mit seinen Leidensgefährten, halb verhungert und verschmachtet, dasselbe erreichte, führte er sein Gelübde aus. Denn er fand freundliche Aufnahme und die Indianer gaben ihm sogar Führer und ein Boot, um ihn nach Haiti hinüberzubringen. Talavera mit seinen Raubgesellen fiel hier in den Arm der Gerechtigkeit und erlitt für seine Verbrechen den Tod am Galgen. Hojeda wurde freigesprochen; aber auch sein Muth war gebrochen, er starb, von allen Freunden verlassen, in tiefster Armuth, wahrscheinlich 1515. Ein tragisches Geschick hatte alle seine hochfliegenden Pläne vereitelt. Die anmuthige Rittergestalt war ein Schreckbild für alle Glücksjäger geworden. Er selbst fühlte dies in tiefster Seele und verfügte in seinem letzten Willen, man solle ihn an der Schwelle der Klosterkirche des heiligen Franciscus in San Domingo begraben, damit jeder, welcher das Gotteshaus besuche, den Fuß auf seinen Grabstein setzen müsse. So wollte er selbst noch im Grabe für seinen Stolz büßen und sich demüthigen.

Nachdem die verabredeten fünfzig Tage verflossen waren, ohne daß von Hojeda irgend welche Kunde einlief, entschloß sich Pizarro im Sommer 1510 mit den letzten sechzig Mann, die ihm noch geblieben waren, die unglückliche Niederlassung von San Sebastian in Uraba aufzulösen und mit seinen zwei Schiffen den Weg nach San Domingo (Haiti) einzuschlagen. Aber das Misgeschick verfolgte sie auch aufs Wasser. Das eine Fahrzeug ging im Sturme unter, das andere stieß unerwartet auf ein Schiff des Rechtsgelehrten (Baccalaureus) Martin Fernandez de Enciso, welcher auch an der Küste der Tierra firme als Entdecker und Colonisator sein Glück versuchen wollte. Aber auch Enciso verlor an der Ostspitze des Golfs von Darien, an der Punta Caribana, sein Schiff, und die Mannschaft sah sich genöthigt, am Strande hin nach der nahe gelegenen Niederlassung von San Sebastian zu gehen. Da man aber die kaum verlassenen Hütten bereits durch die Indianer zerstört und verbrannt antraf, entschloß sich der ganze Haufe der unglücklichen Abenteurer, auf die andere Seite des Golfs hinüber zu ziehen und sich dort festzusetzen, ohne sich viel darum zu kümmern, daß dieser Theil der Küste bereits zu Veragua, also unter die Botmäßigkeit Nicuesa’s gehörte. Die Anregung zu diesem Schritte gab Vasco Nuñez Balboa, ein armer Edelmann aus Jerez de los Caballeros in Estremadura, südlich von Badajoz. Derselbe zählte damals etwa 38 Jahre, war aber schon vor fast zehn Jahren mit Bastidas in dieser Gegend gewesen und hoffte dort einen günstigern Boden für eine Ansiedlung zu finden, als in Uraba. Jahre lang hatte er dann auf Domingo, wo er Ländereien erhalten, Feldbau getrieben. Aber des einförmigen Landlebens überdrüssig und von Schulden gedrückt, suchte er eine Gelegenheit, sich seinen Verpflichtungen zu entziehen. Als Enciso im Hafen von Domingo seine Ausrüstung betrieb, nahm Balboa diese Gelegenheit wahr, ließ sich, da nach dem Gesetz kein Schuldner ohne Wissen seiner Gläubiger die Insel verlassen durfte, von seinem Landgute aus in einer Proviantkiste an Bord schaffen und kam erst auf offner See, als er sich sicher glaubte, aus seinem Versteck hervor. Enciso hatte zwar anfangs die Absicht, um nicht selbst durch Balboa’s Erscheinen in Ungelegenheit zu kommen, den Eindringling an der ersten wüsten Insel auszusetzen, ließ sich dann aber bewegen, den Flüchtling als guten Kriegsmann zu behalten.

In der neuen Niederlassung am Flusse Darien, welche den Namen Santa Maria del Antigua erhielt, wollte Enciso, der sich für den einzigen rechtmäßigen Leiter ansah, alles nach seinen gelehrten Rechtsbegriffen ordnen und leiten, fand aber dabei in der Schar der zügellosen Abenteurer den heftigsten Widerstand. Militärischem Commando entzogen sie sich nicht, aber die Fesseln einer papiernen Rechtspflege ertrugen sie nicht. Balboa trat an die Spitze der Widersacher und erklärte den Baccalaureus für abgesetzt und gefangen; doch ließ man ihn später wieder los. Enciso durfte nach Spanien zurückkehren. Die Erbitterung Balboa’s gegen diesen Rechtsgelehrten war so groß, daß er noch im Anfange des Jahres 1513 an den König von Spanien schrieb und bat, er möge allen Juristen und studirten Leuten, außer den Medicinern verbieten, die Tierra firme zu betreten, denn sie hätten alle den Teufel im Leibe und stifteten mit ihren tausenderlei Rechtshändeln und Niederträchtigkeiten nur Unheil an.[337]

Doch in Santa Maria del Antigua erschien bald wieder die Noth und der Mangel an Lebensmitteln, welcher namentlich in den ersten Stadien der Bildung einer neuen Colonie verhängnißvoll geworden ist. Glücklicherweise brachten im November 1510 zwei Schiffe unter Rodrigo Enriquez de Colmenares unerwartete Hilfe. Dieselben waren für Rechnung Nicuesa’s mit Lebensmitteln befrachtet und liefen an der Küste hin, um dessen Niederlassung aufzusuchen. Colmenares ließ sich bewegen, einen Theil seiner Vorräthe an Balboa und seine Leute abzugeben und setzte dann seine Reise fort, um Nicuesa aufzufinden.

Dieser war im November 1509, also ein Jahr vorher, von Cartagena nach Darien gegangen und steuerte von da nach Veragua. Einer Karte des Bartolomé Colon folgend, war er irrthümlich über das Ziel hinausgerathen. Der Sturm trieb die Schiffe auseinander, einige gingen unter, mit dem letzten lief er nothgedrungen in die Mündung eines Flusses ein, wo dasselbe auf den Grund gerieth und durch den heftigen Wogenschwall zerschlagen wurde. Die Mannschaft rettete sich ans Land. In der Nähe des von Columbus entdeckten Vorrathshafens (puerto de bastimentos) legte er nothgedrungen seine Niederlassung an und gab ihr den Namen Nombre de Dios. Von Lebensmitteln entblößt, an einer fieberschwangern Küste zwischen Sümpfen und dichten Wäldern festgehalten erlag die Schar der Colonisten größtentheils den vereinten Angriffen von Krankheit und Hunger. Colmenares fand nur noch die bleichen Trümmer einer stattlichen Ausrüstung. Als Nicuesa durch ihn von der Unternehmung Balboa’s hörte, der sich auf seinem Gebiet an einem günstigen Platze festgesetzt hatte, beschloß er mit den Ueberlebenden, — er zählte nicht mehr als sechzig Mann — sich dorthin zu wenden und Nombre de Dios aufzugeben. Als einige Jahre später (1515) Gonzalo de Badajoz mit achtzig Mann hier ans Land ging, um in das Innere des Isthmus einzudringen, fand er in der Nähe von Nicuesa’s Blockhaus nur noch zahlreiche Steinhaufen, mit rohen Holzkreuzen versehen, unter denen die Leichen der Verhungerten bestattet waren.