Balboa’s Colonie hatte sich indessen, dank der ihr durch Colmenares gewordenen Unterstützung, fester organisirt und die erste schwerste Prüfungszeit glücklich überwunden; aber sie war nicht gewillt, sich unter die Botmäßigkeit Nicuesa’s zu begeben. Man war gefaßt darauf, daß der nominelle Herr von Veragua seine Ansprüche werde geltend machen und hatte darum auf den Höhen an der See Wachtposten ausgestellt, um nicht durch einen unerwarteten Besuch Nicuesa’s überrascht zu werden. Als dieser nun mit seiner sehr gelichteten Schar auf dem Schiffe des Colmenares erschien, rotteten sich die Ansiedler von Santa Maria zusammen und der „procurador de la ciudad“ rief ihm vom Strande mit lauter Stimme entgegen, bei Todesstrafe keinen Fuß ans Land zu setzen. Zurück in seine unheilvolle Colonie konnte Nicuesa nicht; ließ man ihn nicht in Santa Maria ans Land, so war er unabwendbar dem Verhängniß verfallen. Trotz aller Verhandlungen und Vorstellungen beharrte das Volk auf seinem Willen, und drohte zu den Waffen zu greifen. Erst am nächsten Morgen ließ man den unglücklichen Mann ans Land kommen, aber nur, um ihm einen Theil seiner Gefährten zu entfremden und ihm selbst dann hinterlistiger Weise einen Eid abzunehmen, der ihn verpflichtete, unverzüglich wieder in See zu gehen und an keinem Punkte in der neuen Welt anzulaufen, sondern direct nach Spanien zu segeln. Vergebens wies Nicuesa auf die gefährlichen Folgen eines solchen verrätherischen Verfahrens hin (auf Balboa’s Haupt sollte das gleiche Geschick fallen), man ließ ihm nur die schlechteste und am wenigsten seetüchtige Brigantine und stieß ihn im März 1511 mit 17 Leidensgefährten aufs Meer hinaus. Es ist ungewiß, ob Balboa oder sein Genosse Zamudio der Hauptanstifter dieses Verraths gewesen. Nicuesa ist verschollen, nirgends ist eine Spur von ihm aufgefunden. Die Reste von drei verunglückten Colonisationsversuchen waren von da ab, in einer Stärke von 300 Mann, unter Balboa’s energischer Leitung in Santa Maria del Antigua vereinigt.
Aus der ganzen Reihe der Abenteurer traten nur zwei Männer von bekanntem Namen hervor, Balboa und Pizarro. Pizarro, damals noch in untergeordneter Stellung, wurde von Balboa herangezogen und erhielt zu kleinen Unternehmungen das Commando. So kam er empor und sollte später an Balboa die Hand legen, um dessen Laufbahn ein plötzliches Ende zu bereiten. Aehnlich war dieser mit Enciso und Nicuesa verfahren.
Balboa drang auf glücklichen Streif- und Beutezügen ins freiere Binnenland von Darien und bis ins Quellgebiet des Chucunaque vor, der sich in den großen Ocean, in den Golf von San Miguel ergießt. Als ein eingeborner Fürst, Panciaco, die Goldgier der Spanier sah, wies er sie nach dem südlichen Meere, welches man in sechs Tagereisen übers Waldgebirge erreichen, aber auf dem näheren Gebirgskamme bereits sehen könne. Schon Columbus hatte dunkle Kunde von jenem anderen Meere erhalten, jetzt trat die Nachricht bestimmter auf. Um aber in jene völlig unbekannten Räume vordringen zu können und das Gestade des gegenüberliegenden Meeres zu erreichen, bedurfte man bedeutenderer Kräfte, als sie augenblicklich der in Noth befindlichen Colonie zur Verfügung standen. Dem Admiral Don Diego Colon sollte ein Schiff die wichtige Entdeckung nach Haiti melden und die Bitte um Zusendung von Waffen und Lebensmitteln vortragen; aber das Fahrzeug, welches zugleich den königlichen Fünften an Gold überbringen sollte, scheiterte an der Küste von Yukatan. Die Mannschaft rettete sich zwar anfänglich ans Land, fiel dort aber dem Stamm der Maya in die Hände, welche die Gefangenen zum Theil in ihren Tempeln opferten, zum Theil als Sklaven behielten. Einer dieser letzteren, der Pater Jeronimo de Aguilar wurde 1519 durch Cortes befreit. Als der Erfolg dieser Schiffssendung ausblieb, schickte Balboa das letzte verfügbare Schiff 1512 direct nach Spanien, zufällig kamen vom Admiral im folgenden Jahre zwei Fahrzeuge mit Lebensmitteln nach Darien und befreiten die hungerleidenden Ansiedler aus äußerster Noth. Noch günstiger war, daß eine Schar von 150 Mann die bereits zusammengeschmolzene Zahl der Colonisten verstärkte und daß der Statthalter von Haiti dem Balboa die Oberleitung übertrug. Aber trotz dieser Anerkennung fürchtete Balboa mit Recht, daß man ihn in Spanien als Empörer gegen Enciso und Nicuesa nicht so glimpflich behandeln und ihm einen Nachfolger senden werde, denn Enciso war nach Spanien gegangen und hatte beim indischen Rathe Klage gegen ihn erhoben und seinen Verrath gegen Nicuesa gebrandmarkt. Balboa war daher entschlossen, durch eine große That den übeln Eindruck seines Verrathes abzuschwächen. Er faßte den Plan, das südliche Meer auszusuchen und die daran grenzenden reichen Gebiete der spanischen Krone zu unterwerfen. So brach er am 1. September 1513 mit 190 Spaniern, 600 einheimischen Lastträgern und einer Meute von Bluthunden von seiner Niederlassung auf und ging mit einer Brigantine und neun großen Canoes an der Küste entlang nordwestlich nach Careta’s Dorf. Der Häuptling gab ihm von hier Wegweiser mit ins Innere. Diese Richtung des Marsches zeigt, daß Balboa über die Lage der Südsee wohl unterrichtet war, denn von dem Punkte aus, wo er landete, beträgt die Luftlinie zu dem gegenüberliegenden Gestade nur neun Meilen, und die Waldgebirge auf dieser Landenge erheben sich nur 700 Meter hoch. Aber dicht verschlungener Urwald umhüllt den mittelamerikanischen Isthmus dergestalt, daß kaum ein Sonnenstrahl das Blätterdach durchdringt und den Boden erreicht. Selbst noch in unserem Jahrhundert ist ein Marsch über die Landenge mit den größten Schwierigkeiten verbunden. So hat im Jahre 1853 der bekannte Reisende Carl v. Scherzer sich vergebens bemüht, weiter im Westen, im Staate Costarica, unter dem 10° n. Br. von Angostura aus, den Hafen von Limon zu erreichen. In Begleitung von 30 Trägern, unterstützt von Ingenieuren mußte man nach vergeblicher Arbeit von 16 Tagen davon abstehen, die Küste des nur 10 Meilen entfernten caribischen Meeres zu erreichen. Der Wald war überall so dicht, daß nur ein fahler Schein, der durch die Blätternacht brach, die Tageszeit verkündete.[338]
Karte zu Balboa’s Entdeckung der Südsee.
Auf versteckten Waldwegen, auf denen die Indianerstämme sich zu nächtlichem Ueberfall und Raub beschleichen, drang Balboa’s Schar ins Gebirge hinein, welches hier, der Ostküste näher, sich am Golfe von Darien hinzieht. Dahinter erstreckt sich, von zahlreichen Bächen durchschnitten, das Waldland bis ans südliche Meer. Der Uebergang über die Cordillere, ohnehin durch die natürlichen Verhältnisse erschwert, wurde überdies den Spaniern durch die Häuptlinge, in deren Gebiet Balboa eindrang, streitig gemacht. Erst am 25. September konnten die eingebornen Wegweiser dem spanischen Anführer die langersehnte Meldung machen, daß er auf dem nächsten, vor ihnen liegenden Bergrücken das neue Meer sehen werde. Balboa ließ den ganzen Zug halten, er wollte zuerst sich an dem Anblick der Südsee erfreuen. Allein schritt er voran und erreichte den Gipfel. Er fällt auf die Kniee, hebt die Hände zum Himmel empor, grüßt den Süden und dankt Gott und allen Himmlischen auf das innigste, daß ihm als einem Manne von nicht hervorragenden Gaben, nicht vornehmer Geburt ein solcher Ruhm zu theil geworden. Dann winkt er den Gefährten mit der Hand und zeigt ihnen das ersehnte Meer. Alle sinken auf die Kniee, und Balboa fleht zum Himmel, namentlich zur Jungfrau Maria, daß das Unternehmen einen glücklichen Ausgang finden möge. Jubelnd stimmen alle den Lobgesang an und blicken auf das Land hinunter. Kühner als Hannibal, der seinen Soldaten von den Alpenhöhen herab das italische Land zeigte, verheißt er den Genossen unermeßliche Schätze. Zum Zeichen der Besitznahme wird von rohen Steinen ein Altar aufgethürmt. Dann werden beim Hinabsteigen rechts und links die Namen des Königs in die Bäume geschnitten, damit die Nachwelt die kühnen Entdecker nicht der Lüge zeihen könne, daß die große That nicht wirklich ausgeführt sei.[339] Der begleitende Notar Andres de Valderrabano nahm über das wichtige Ereigniß der Entdeckung und Besitzergreifung ein Protokoll auf, in welchem alle 67 anwesenden Spanier aufgezählt wurden, an zweiter Stelle nennt er den Geistlichen Andres de Vera, als dritten Francisco Pizarro. Noch ein siegreicher Kampf mußte ausgefochten werden, um die Häuptlinge zum Frieden und zum Bündniß zu bewegen, dann erreichte Balboa am 29. September mit 26 Begleitern die Mündung des Sabanas, der sich in den innern Golf von San Miguel ergießt, welcher nach dem Tage der wichtigen Entdeckung seinen noch jetzt gültigen Namen erhielt. Bei eintretender Flut schritt Balboa mit Schwert und Fahne bis an die Kniee ins Wasser der See und nahm von allen Ländern, Gestaden und Inseln dieses Meeres „vom Nordpol bis zum Südpol“ im Namen seines königlichen Herrn feierlich Besitz. Wochenlang blieb er dann an der Küste des Golfes, befuhr auf den Böten der Eingeborenen die Südsee und machte die anwohnenden Häuptlinge tributpflichtig. Vor den Augen der Spanier wurden im Golf von S. Miguel Perlen gefischt, doch wurde der weiter draußen gelegene Archipel der Perleninseln, wegen der stürmischen Jahreszeit, noch nicht aufgesucht. Der Anführer selbst zog auch hier wieder möglichst genaue Erkundigungen über die näheren und ferneren Landschaften ein und ließ sich von dem Caziken Tumaco über eine mächtige Nation im Süden berichten, welche unermeßlich reich sein, Schiffe und Lastthiere besitzen sollte, wie sie in der Nähe von Darien nicht bekannt waren. Eine Figur aus Thon, welche Tumaco von diesem Hausthiere fertigte, sah fast wie ein Kamel aus. Die Spanier erhielten so die erste Kunde von dem Goldlande Peru und von dem dort in Herden gezüchteten Lama. Auf keinen der Zuhörer machten diese Erzählungen einen tieferen Eindruck als auf Pizarro, der den lockenden Berichten mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte.
Am 3. November trat Balboa den Rückmarsch an, er schlug einen anderen Weg ein und zog das Thal des Chucunaque, welches damals noch gut bevölkert war, bis zu den Quellen des Flusses hinauf. Trotz der mühevollen Märsche fanden die Spanier Gelegenheit den einheimischen Fürsten ihre Schätze an Gold abzupressen und für jedes kleine Vergehen die grausamste Justiz an denselben auszuüben. So wurde der Cazike Poncoa, nachdem er sein Gold hingegeben, nebst drei anderen Häuptlingen, schmachvoll den Bluthunden geopfert und von diesen zerrissen. Unter der täglich schwerer werdenden Last von Gold sanken die erschöpften Träger nieder; aber erst als auch den Spaniern die Kräfte zum Weiterzuge versagten, machte Balboa eine längere Rast in dem Dorfe Pocorosa’s und kehrte von da nach Careta zurück. Am 19. Januar 1514 erreichte er endlich seine Niederlassung in Sa. Maria del Antigua wieder, ohne einen Spanier verloren zu haben. Im darauffolgenden März sandte der glückliche Entdecker ein Schiff nach Spanien mit dem Berichte über seinen kühnen Zug und wußte den Werth seiner Eroberung durch Beifügung eines ansehnlichen Schatzes von 20,000 Castellanos an Gold und 200 der besten Perlen als königlichen Antheil an der Beute in das beste Licht zu setzen. Die Kunde von der Entdeckung eines neuen Oceans machte natürlich das größte Aufsehen. Von nun an konnte erst mit Recht die Frage aufgeworfen werden, ob die neue Welt wirklich, wie man bisher angenommen, einen Theil von Ostasien bilde, oder ob, was immer wahrscheinlicher wurde, das von Columbus erreichte Indien, einen Welttheil für sich bilde. Die Folgen der Entdeckung waren unermeßlich, sie gaben den ersten Anstoß zu der Weltumsegelung Magalhães’ und zu der Eroberung Peru’s durch Pizarro.
Aber Balboa sollte die Früchte seiner glänzenden That nicht ernten. Sein Schicksal war bereits besiegelt, als seine Sendung in Spanien eintraf. Bereits am 11. April 1514 war sein Nachfolger, der 60jährige Pedrarias de Avila mit einer ansehnlichen Flotte von ca. 20 Schiffen und 1500 Mann nach Darien unter Segel gegangen. Hätte Balboa sich mit der Absendung des Schiffes mehr beeilen können, und wäre seine Botschaft um vier Wochen früher nach Spanien gelangt, so hätte sein Geschick und das der ganzen Colonie von Darien gewiß eine andere Wendung genommen. Allein der Leiter der indischen Angelegenheiten, der Bischof Fonseca, war über den an seinem Günstlinge Nicuesa verübten Verrath empört und daher entschlossen, gegen Balboa auf das strengste zu verfahren. Die Nachricht von Balboa’s Entdeckung würde seine Maßnahmen unfehlbar gemildert oder ganz verändert haben, aber bis zur Absendung Pedrarias’ hatte Balboa keinen Fürsprecher in Spanien.
Der neue Statthalter des Landes Castilla aurifia, denn so hatte der König befohlen, solle das Gebiet der Eroberung Balboa’s in Zukunft heißen,[340] landete am 30. Juni 1514 in Sa. Maria del Antigua. Er brachte ein so glänzendes Gefolge von Rittern und gelehrten Männern mit, wie es die neue Welt noch nicht beisammen gesehen. Viele von ihnen haben sich in der Folgezeit hervorgethan und in der Geschichte der Eroberung einen dauernden Namen erworben. Vier unter diesen Männern haben uns werthvolle historische und geographische Arbeiten über die neue Welt hinterlassen: Bernal Diaz del Castillo, der Waffengefährte des Cortes, schrieb eine Geschichte der Eroberung Mexiko’s, Gonzalo Fernandez de Oviedo, welcher als Inspector (veedor) eingesetzt wurde, schrieb die historia general de las Indias, der Baccalaureus Enciso, welcher das Amt eines Alguacil mayor (Gerichtsbeamter) bekleidete, verfaßte eine Summa de geografia, und Pascual de Andagoya aus Cuartango in der Provinz Alava, der Mitentdecker von Nicaragua, entwarf eine Schilderung der Thaten der Spanier unter der Herrschaft des Pedrarias de Avila.[341] Außerdem betraten den Boden Amerika’s Diego Almagro, der Eroberer von Chile, Benalcazar, der Eroberer von Quito und Bogota, Fernando de Soto, der Waffengefährte Pizarro’s und Entdecker des mittleren Mississippithals, und Francisco Vasquez Coronado, der Eroberer von Cibola und Quivira. Als erster Pilot der Flotte wird Juan Serrano genannt, welcher mit Magalhães die erste Reise um die Erde unternahm und zugleich mit diesem auf den Philippinen getödtet wurde.