Die große Schar der neuen Ankömmlinge sah sich bei der Landung sehr enttäuscht, da für die Urbarmachung des Landes und für Gewinnung von Feldfrüchten fast noch nichts geschehen war. Die Umgebung von Sa. Maria war mit Wald und Sümpfen bedeckt, der Landbau war völlig vernachlässigt und wurde erst nach Balboa’s Rückkehr von der Südsee in Angriff genommen. Auch Pedrarias de Avila war nicht der Mann, um hier energisch einzugreifen und Hilfe zu schaffen. In kurzer Zeit erlagen gegen 500 der Neuangekommenen dem Fieber und Hungertode, andere wurden von Indianern getödtet. Der neue Statthalter war zu alt für einen solchen gefährlichen und verantwortlichen Posten; mißtrauisch und eifersüchtig auf Balboa’s Ruhm, überwachte er seinen Nebenbuhler mit argwöhnischem Auge. Hart gegen die Indianer und auf gewaltsame Eroberungen bedacht, ward er mehr zum Verwüster als zum Begründer eines Colonialgebiets. Las Casas verurtheilt ihn, ohne seinen Namen zu nennen, aufs schärfste, wenn er schreibt: „Im Jahre 1514 kam ein unseliger Statthalter nach der Terra firme, der grausamste Tyrann, ohne Erbarmen und ohne Klugheit, ein Werkzeug des göttlichen Zorns.“[342]

Zunächst wurde Ayora mit 400 Mann ausgesandt, um eine Reihe von Stationen von einem Meere zum andern anzulegen. Es war ein Vernichtungszug gegen die eingeborenen Häuptlinge, die der grausame Spanier verbrennen, hängen oder von Hunden zerreißen ließ. Aber seine Gründungen wurden von den erbitterten Indianern wieder zerstört. Im November 1515 sollte Antonio Tello de Guzman die Pläne Ayora’s wieder aufnehmen. Ebenso grausam wie dieser drang er gegen Westen über die Landenge und erreichte zuerst Panama. Von hier aus plünderte er die Landschaft Chagre, wurde auf dem Rückwege von Indianern angegriffen, kam indeß glücklich nach Maria del Antigua zurück.

Im Juni 1515 machten Balboa und der von Pedrarias ernannte Befehlshaber Luis Cavillo einen Zug nach Dabaiba am Atrato gegen Süden, um die dortigen, angeblich von Gold strotzenden Tempel aufzusuchen. Aber die Indianer griffen die spanischen Böte auf dem Flusse an und stürzten dieselben um, wobei Cavillo das Leben einbüßte. Der Rest kehrte unverrichteter Sache nach der Colonie zurück. Als in der Folgezeit noch drei andere Expeditionen nach dem goldenen Tempel fehl schlugen, gab man die Eroberung nach dieser Richtung auf.

Inzwischen kam im Juli 1515 aus Spanien eine Anerkennung für Balboa’s Leistungen; er wurde, allerdings unter dem Oberbefehl des Pedrarias, zum Adelantado der Südsee ernannt und bekam dadurch einen eignen Verwaltungs- oder Vergewaltigungsbezirk. Aber diese Gestade an der Südsee waren das einzige kostbare Land in der Terra firme, ohne welches die Ostseite, wo Pedrarias hauste, völlig werthlos war. Dazu war es gesünder und für Europäer zuträglicher. Sollte Pedrarias es seinem Rivalen überlassen? Er schickte seinen Neffen Gaspar de Morales und Pizarro mit 60 Mann an den Michaelsgolf, um die Perleninseln zu erobern. Mit 30 Mann gingen sie auf Böten nach der Isla rica, wie Balboa die größte Insel im Perlenarchipel genannt hatte, hinüber, vor dessen Häuptling selbst die Fürsten des Festlandes zu zittern schienen. Nach einem erbitterten Kampfe unterwarf sich der Inselfürst und bot den Fremden einen Korb voll kostbarer Perlen an. Dann führte er seine Gäste auf den Thurm seines Hauses, zeigte ihnen alle Inseln, die unter seiner Botmäßigkeit standen und sämmtlich ergiebige Perlenfischerei besaßen, und berichtete von der mächtigen Nation im fernen Süden, deren Schiffe er oft gesehen habe. Während Pizarro’s Phantasie aufs neue lebhaft dadurch angeregt wurde und mit kühnen Plänen ins Weite schweifte, hielt sich Morales an das vor Augen Liegende und dachte nur an die Ausbeutung der besetzten Inselgruppe. Zu dem Zweck legte er dem unterworfenen Fürsten einen jährlichen Tribut von 100 Mark Perlen auf. Dann kehrten die Spanier nach dem festen Lande und nach der Ostseite des Continents zurück, wobei wiederum unerhörte Schandthaten gegen die Eingebornen verübt wurden. Bei einer zu freundschaftlichem Gespräch berufenen Versammlung hetzte man die Bluthunde unter die Häuptlinge und ließ achtzehn Caziken zerreißen; zu Hunderten wurden die Indianer hingemordet und als die gefühllosen Räuber dann von dem ergrimmten Volke verfolgt wurden, schlugen sie hundert gefesselten Eingebornen, Weibern und Kindern, welche sie als Sklaven vor sich her getrieben hatten, die Köpfe ab oder skalpirten sie, nur um die Verfolger von weiterem Nachdringen abzuschrecken. Selbst Balboa berichtete mit höchstem Unwillen über solche Greuel; aber der Neffe des Gouverneurs ging ohne Strafe aus.

Um eine Versöhnung zwischen den beiden Rivalen Pedrarias und Balboa herbeizuführen, regte Quevedo, Bischof von Darien, eine Heirath zwischen der ältesten Tochter des Statthalters und dem Entdecker der Südsee an; beide Parteien schienen dazu geneigt, aber Pedrarias lauerte nur auf eine Gelegenheit, den ihm lästigen Eidam unschädlich zu machen. Diese Gelegenheit bot sich, sobald Balboa seine Machtstellung am großen Ocean erweitern wollte. Um den Befehl des Königs, eine sichere Verbindungslinie zwischen beiden Meeren herzustellen, in Ausführung zu bringen, wurde jenseit Careta der Hafenplatz Acla angelegt und auf trocknem Grund ein festes Blockhaus errichtet. Von diesem Punkte aus sollte dann Balboa das Material zum Bau mehrerer Schiffe über den Isthmus schaffen und am Strande der Südsee zu seetüchtigen Fahrzeugen zusammenzimmern lassen. Als Balboa aber nach Acla kam, fand er den Platz bereits durch die Indianer wieder zerstört, die spanische Besatzung todt. Es war also seine Aufgabe, zunächst das Blockhaus wieder herzustellen und die Indianer zu unterwerfen. Geraume Zeit verstrich, ehe das Baumaterial für die kleine Flotille mühsam auf dem Rücken indianischer Lastträger über die Landenge geschafft werden konnte, wo es am Rio Balsa, dem untern Laufe des Chucunaque, zusammengesetzt werden sollte. Aber hier zeigte sich, daß es zu lange am Strande von Acla der Witterung und zerstörendem Insektenfraß ausgesetzt gewesen war, so daß man aus den durchbohrten und morschen Planken kein seetüchtiges Fahrzeug bauen konnte. Und doch hatte der nutzlose Transport von Holz und Eisen über den Isthmus an 500 Indianern das Leben gekostet. Las Casas gibt den Verlust an Menschenleben sogar auf 2000 an. Man mußte also von neuem an die Arbeit gehen, um das Baumaterial herbeizuschaffen.

Inzwischen war König Ferdinand, 1516, gestorben und es hieß, Pedrarias werde in der Person des bisherigen Gouverneurs auf den Canarien, Lope de Sosa, einen Nachfolger erhalten. Um durch diesen nicht in seinen Unternehmungen an der Südsee gehemmt zu werden, beeilte sich Balboa, seine Schiffsausrüstung zu vollenden. Aber dieser Eifer wurde ihm falsch ausgelegt. Die Freunde des Pedrarias behaupteten, er wolle sich vom Statthalter von Darien unabhängig machen und direct mit der spanischen Krone in Verbindung treten. Das sah Pedrarias als Verrath an, denn Balboa hatte seinen Auftrag binnen 18 Monaten ausführen sollen und diese Zeit war unter den mühsamen Vorbereitungen verstrichen, ehe er hatte in See gehen können. Als nun Balboa zum letztenmal auf Einladung des Pedrarias nach Acla zurückkehrte, um durch persönliches Eingreifen die Ausrüstung zu beschleunigen, und mit dem Statthalter die Ziele seines Unternehmens zu besprechen, ließ dieser ihn durch Pizarro gefangen nehmen und nach kurzem Proceß, den Espinosa als Alcalde mayor zu führen hatte, nebst vier Anhängern enthaupten; wahrscheinlich im Jahre 1517. Balboa war etwa 42 Jahre alt geworden. Sein Tod war ein Unglück für die Entwicklung der spanischen Herrschaft. Rohe Abenteurer zertraten in kurzer Zeit Land und Volk und machten das Gebiet fast menschenleer. Sicher hatte Balboa sich gegen den unglücklichen Nicuesa schwer vergangen, aber das Urtheil des Pedrarias war ein ungerechtes. Nachdem die Krone seine Verdienste durch Ernennung zum Adelantado anerkannt hatte, war damit zugleich Verzeihung für sein früheres Benehmen ausgesprochen. Leider ist die ganze Geschichte der spanischen Eroberungen in der neuen Welt eine unausgesetzte Reihe von Treubruch und Verrath, und diesem Verhängniß erlag auch Balboa. Aber kühn in seinen Unternehmungen, fest im Entschluß, als Staatsmann und Krieger zum Befehlen geboren, gebildet und von reifem Urtheil, hätte unter seiner Leitung die Colonie einen ungeahnten Aufschwung nehmen können. Zwar hatte auch unter Balboa das Land gelitten, aber weit schlimmer wurden die Verhältnisse unter Pedrarias und die Verödung der einst volkreichen Landstriche nahm dermaßen zu, daß es im Anfange des 17. Jahrhunderts in der Provinz Panama mehr Neger als Indianer gab.

An der Südsee wurde Espinosa Balboa’s Nachfolger. Mit Hilfe der von Balboa erbauten Flotte von vier Brigantinen und der verfügbaren Mannschaft gründete er 1519 die Colonie von Panama, welcher Karl V. im Jahre 1521 Stadtrecht verlieh. Aber in dem ungesunden Klima gingen in den ersten 28 Jahren 40,000 Menschen dort zu Grunde. Daher befahl Philipp II. später den Ort zwei Meilen weiter westwärts an einer gesünderen Stelle anzulegen und bestimmte als Ausgangspunkt für die Isthmusstraße Puerto Bello, nordöstlich von Aspinwall oder Colon, von wo jetzt die Eisenbahn nach Panama hinüberführt.

Espinosa unterwarf die Stämme und Landschaften auf dem Isthmus und Bartolomé Hurtado befuhr die Küste der Südsee bis zum Golfe von Nicoya (unter 10° n. Br.), und in den folgenden Jahren gingen alle von Pedrarias angeordneten Entdeckungsfahrten nach Nordwesten, im ausgesprochenen Gegensatz zu den Plänen Balboa’s, der sein Augenmerk stets nach dem Süden gerichtet hatte. Möglicherweise ließ auch schon Pedrarias nach einer mittelamerikanischen Meerenge forschen, wie sie später so eifrig von Cortes gesucht wurde.

Noch weiter als Espinosa gelangte Gil Gonzalez de Avila. Derselbe hatte zwar im Jahre 1519 durch königlichen Befehl das Commando über die Flotte Balboa’s erhalten, mußte aber, da Pedrarias über dieselbe bereits verfügt hatte, auf den Perleninseln 4 andere kleine Fahrzeuge bauen und segelte damit im Jahre 1521 zunächst nach dem Dorfe Nicoya’s, wo der Häuptling sich willig mit sammt seinem Volke taufen ließ, und entdeckte dann weiter das fruchtbare, offene, volkreiche Land, das nach seinem damaligen Fürsten noch den Namen Nicaragua trägt. Die Kultur zeigte sich bei den Indianern, je weiter man nach Norden kam, immer mehr entwickelt, denn die Landschaften von Nicaragua und Honduras standen bereits unter dem Einfluß der von Mexiko und Yukatan her verbreiteten höheren materiellen und geistigen Bildung. Gonzalez verließ seine Schiffe und zog friedlich zu dem Fürsten Nicaragua, der an dem See gleichen Namens hauste und von dessen Macht ihm bereits Nicoya erzählt hatte. Auch Nicaragua ließ sich mit 9000 Mann auf einmal taufen und ließ es ruhig geschehen, daß der Spanier mit seinem Pferde in den See hineinritt, von dem Wasser trank und durch diese Ceremonie von dem umgebenden Lande Besitz ergriff. Auch bei diesem Zuge sollen 100,000 Pesos in Gold erbeutet sein.[343]

Auf dem Rückwege an die Küste wurde Gonzalez zwar von den Eingebornen angegriffen, aber seine Schar behauptete den Sieg und erreichte glücklich den Strand der Südsee. Inzwischen hatte der Steuermann Andres Niño die Entdeckungsfahrt weiter bis zur Fonsecabai und darüber hinaus bis auf „die Rückseite von Yukatan“ fortgesetzt.[344]