Wahrscheinlich um 1490 begab sich Cabotto mit seinen drei Söhnen Ludovico, Sebastiano und Sancto nach England, wo er sich in Bristol niederließ, um von hier seine Entdeckungsfahrten zu betreiben, denn Bristol stand als Handelsplatz damals London zunächst. Und es scheint, daß auf seine Anregung die Kaufleute der Stadt alljährlich seit 1491 bereits Schiffe aussandten, um die auf den alten Seekarten verzeichneten Inseln im westlichen Meere aufzusuchen. So schrieb der spanische Gesandte Pedro de Ayala am 25. Juli 1498 an den König Ferdinand: „Die Leute von Bristol haben seit sieben Jahren alljährlich zwei, drei und vier Caravelen ausgesendet, um die Insel Brasil und die sieben Städte zu suchen, nach den Angaben dieses Genuesen.“[510]
In wie weit diese Unternehmung von Erfolg gekrönt gewesen, ist nicht gesagt. Doch mag hierbei erwähnt werden, daß schon ums Jahr 1480 Thomas Llyde oder Lloyd ins westliche Meer hinaussteuerte, um die genannten Inseln zu suchen, aber vergebens.
Bis zum Jahre 1496 waren die Kosten zu den Westfahrten lediglich aus Privatmitteln bestritten, dann aber stellte Heinrich VII. dem Giovanni Cabotto am 5. März 1496 ein königliches Patent aus, das ihn und seine drei Söhne zu den Entdeckungsfahrten autorisirte.[511] Auch rüstete der König nebst den Bristoler Kaufleuten mehrere Schiffe für Cabotto aus.
Es war im Anfang Mai 1497, daß Cabotto zu seiner ersten erfolgreichen Expedition über den Ocean ging. Die Kunde von den Erfolgen des Columbus war auch nach England gedrungen, unter ihrem Einfluß wagten die englischen Kaufleute und selbst der König den nicht bedeutenden Einsatz für das zeitgemäße Glücksspiel, und Giovanni Cabotto selbst drang kühner in die Weite, seitdem man mit Sicherheit auf die nicht allzugroße Entfernung der asiatischen Küste rechnen durfte. Es darf als erwiesen gelten, daß die Entdeckung Cabotto’s ins Jahr 1497 und nicht schon 1494 fällt.[512]
Am Johannistage fand er Land, vermuthlich Labrador, und ging an der Küste nach Nordosten, bis er durch das entgegenflutende Treibeis zur Umkehr genöthigt wurde. Da er im Anfang August schon wieder nach Bristol zurückgekehrt war, kann er unmöglich an der Küste des amerikanischen Continents bis zur Breite von Florida gelangt sein, wie von manchen Schriftstellern behauptet ist, auch bezeichnet die Karte Ribeiro’s von 1529 ganz bestimmt Labrador als englische Entdeckung,[513] während auf Neufundland (tierra de los bacalhaos) der Name Cortereals eingetragen ist und an der Küste von Neu-Schottland und der Insel Cap Breton „Land der Bretonen“ (terra de los bretones) sich findet. Daß Cabotto den nordwestlichen Weg nach Asien einschlug und nicht nach Südwesten segelte, wird von mehreren Zeitgenossen bestätigt.[514] Erst 47 Jahre später hatte Cabotto auf seiner Weltkarte den Namen „prima tierra vista“ hinter Neufundland am Lorenzgolf eingetragen, zu einer Zeit, als jene Gegenden durch die Reisen Cartier’s wichtig zu werden schienen, gleichsam als wollte er durch diese Fälschung das frühere Anrecht der Engländer an jene Regionen betonen. Wäre er bereits 1497 in den Lorenzgolf eingedrungen, so müßte er auch die Inselnatur Neufundlands erkannt haben, während dieses Land noch bis 1540 auf allen Karten als Continentalküste gezeichnet ist. Auch verrathen die Namen, welche Cabotto 1544 am Lorenzstrom auf seine Karte schrieb, daß er die Resultate der letzten französischen Entdeckungen dabei zu Rathe zog.
Vielleicht entdeckte er aber auf seinem Rückwege schon die reichen Fischgründe auf der Neufundlandsbank, denn seit dem Anfange des 16. Jahrhunderts fanden sich hier schon häufig normannische, baskische und portugiesische Fischer ein, und erhielt von letzteren die dahinter liegende Küste den Namen „Kabeljau-Land“ (tierra de bacalhaos). Unzweifelhaft hat er den Continent der neuen Welt zuerst erblickt.
Cabotto wurde in England wegen seiner Entdeckung glänzend aufgenommen und ging, durch königliches Patent ermächtigt, im nächsten Jahre mit fünf oder sechs Schiffen wieder in See, doch gab der König selbst nur die geringe Beisteuer von 110 £.
Die Resultate sind nicht bekannt, doch läßt sich vielleicht aus der Stellung der englischen Wimpel auf Cosa’s Karte von 1500 vermuthen, daß die Fahrt gegen SW. bis etwa zum Cap Hatteras führte.
Es war die letzte Reise des älteren Cabotto. Von da an trat sein Sohn Sebastian in seine Fußtapfen; aber unruhigen Geistes und nicht so zäh wie der Vater ein Ziel im Auge behaltend, versuchte er sich nach verschiedenen Richtungen und bot seine Dienste in allen Ländern und Staaten an, von denen er eine Unterstützung seiner Pläne hoffte.