Osorio stellt bei dieser Gelegenheit folgenden interessanten Vergleich zwischen der Politik Almeida’s und Albuquerque’s an:[112] das Ziel beider Feldherrn ging auf die Verherrlichung und den Ruhm ihres Königs und der portugiesischen Waffen, sowie auf die Verbreitung des Christenthums in Indien; aber sie schlugen verschiedene Wege ein. Almeida wollte sich mit einem Stützpunkt am Lande begnügen und dagegen mit stets vereinigten Flotten die See beherrschen. Seine Truppen wollte er nicht in einzelnen Besatzungen zersplittern, welche von großen feindlichen Mächten leicht überwältigt werden könnten. Albuquerque aber strebte vor allem danach, Herr des Landes zu werden, in der festen Ueberzeugung, daß er dann auch über die See gebiete. Sein Blick ging dabei über das Nächstliegende hinaus. Er wollte nicht blos dafür sorgen, für die Gegenwart alljährlich kostbare Gewürzfrachten heimzusenden, er wollte diesen Handel auch für die Zukunft sichern. Dazu brauchte er eine imponirende Stellung auf dem Lande und damit verbunden eine vollkommene Beherrschung der wichtigsten Handelsplätze. Eine große Flotte, meinte er, könne in einem Sturme untergehen, eine feste Stellung auf indischem Boden sei sicherer. Ein solcher Platz sei aber nicht sicher, wenn er blos an sich fest sei, sondern erst dann, wenn man demselben auf verschiedenen Wegen Hilfe bringen könne. Solche Stützpunkte aber verminderten nicht, sondern stärkten auch die Machtstellung auf der See.

Wie richtig Albuquerque’s Urtheil in Bezug auf Goa war, erwies sich in der Folgezeit, als Soliman von Aegypten Diu angriff und durch eine von Goa kommende Flotte zum Rückzug genöthigt wurde; ebenso als der Beherrscher von Kambaya mit türkischer Hilfe noch einmal Diu bedrohte. Der damalige Befehlshaber in Goa, João Castre, konnte seine Gegner um so leichter bezwingen, als er in Goa sofort neue Truppen ausheben und auf den Werften konnte Schiffe bauen lassen, und als er mit allem Kriegsmaterial wohl versehen war. Der Ausgang des Kampfes wäre zweifelhaft gewesen oder wenigstens verzögert worden, wenn man auf die entfernte Hilfe vom Mutterlande her hätte warten müssen. Dazu hatte Albuquerque aus Goa eine portugiesische Stadt zu machen verstanden, in welcher die Soldaten Heiraten mit Hindumädchen eingingen.

Die große Bedeutung der Besetzung Goa’s hebt auch Barros[113] hervor. Dieses Jahr, sagt er, war eines der glücklichsten für die portugiesischen Angelegenheiten. Es kamen nicht blos reiche Flotten mit Spezereien nach Portugal, sondern auch die Nachrichten von der Eroberung Malaka’s und Goa’s, es kamen Gesandte vom Priester Johannes (dem Könige von Habesch), von Siam und Pegu, sogar der Samudrin bequemte sich in der Folgezeit endlich dazu, den Bau einer Citadelle in Kalikut zu gestatten. Viele andere malabarische Fürsten von Kambaya, von Narsinga u. a. wünschten Frieden und Freundschaft mit den Portugiesen zu schließen.

In Indien war Portugals Macht thatsächlich befestigt, die einheimischen Fürsten erkannten, wenn auch widerstrebend, die Herrschaft der neuen Seemacht an; aber sie wurden von Aegypten aus immer wieder von neuem aufgeregt und mit Schiffen und Mannschaft zu neuen Erhebungen aufgemuntert. Aegypten verlor durch die völlige Verdrängung vom indischen Markte zu viel an Einkünften, als daß es sich nicht immer wieder veranlaßt fühlen sollte, mit Hilfe indischer Bundesgenossen die verhaßten Christen zu befehden. König Manuel drängte darum mit Recht wiederholt auf einen Zug nach dem rothen Meere, um womöglich diese wichtigste Straße des mohammedanisch-indischen Handels zu schließen. So rüstete sich Albuquerque denn im Beginn des Jahres 1513 zu einem Feldzuge nach jenen arabischen Gewässern. Es klingt fast wie eine Entschuldigung oder Ablehnung der Verantwortlichkeit für die Folgen dieses Unternehmens, wenn Albuquerque seinen Capitänen erklärte, der König habe schon zu wiederholten Malen ihm diesen Zug geboten und habe nun in seinem letzten Briefe ausdrücklich befohlen, unverzüglich aufzubrechen.[114]

Am 18. Februar 1513 ging er mit 20 Schiffen, 1700 Portugiesen und 800 indischen Soldaten nach dem rothen Meere ab. Im Hafen von Soko auf Sokotra wurde Wasser eingenommen; die Festung daselbst war im vorhergehenden Jahre bereits aufgehoben. Von hier aus mußte die Fahrt mit äußerster Vorsicht geschehen, da man das Fahrwasser nicht kannte. Seit dem Alterthum war kein den Europäern gehöriges Schiff auf diesen Gewässern erschienen. Albuquerque war wieder der erste, welcher in dieses zwei Erdtheile scheidende Binnenmeer eindrang. Glücklicherweise wurde ein Schiff, das von Tschaul kam, aufgebracht, der Lotse desselben wurde gezwungen, den Führer zu machen. Die nächste Aufgabe war, sich Adens zu bemächtigen. Es war schon damals wie noch heute der Schlüssel des rothen Meeres. Die Stadt blühte rasch auf, weil es in Folge der neuen Verhältnisse zum Stapel für die Gewürze geworden war; denn die arabischen Händler wagten sich aus Furcht vor den Portugiesen nicht mehr ins indische Meer, sondern nahmen in Aden die Waaren in Empfang, welche auf malabarischen Schiffen ihnen zugeführt werden durften. Aden liegt auf einer landfest gewordenen Insel, also auf einer Halbinsel, auf durchaus vulkanischem Boden, eigentlich im Innern eines erloschenen Kraters, dessen nackte Wände die Stadt in einem Halbkreise umgeben. Wasser fehlte damals und mußte von weit hergeleitet werden. Jetzt versorgen gewaltige Cisternen die Bewohner mit dem nöthigen Wasser. Die an sich schon feste Lage war durch starke Mauern und Thürme noch mehr gesichert. Albuquerque forderte die Uebergabe der Stadt, welche im Besitz des Amir Ibn-abd-el-wahhab war; aber dieselbe wurde abgelehnt. So entschloß sich der portugiesische Befehlshaber rasch zum Sturm, setzte 1400 Portugiesen und 400 Indier ans Land, um auf Sturmleitern die Mauern zu erklimmen. Voll Ehrgeiz und Kampfbegier drängten sich die Angreifer auf die allzubreiten Leitern, so daß die Stufen unter dem Gewicht von mehr als zwanzig Menschen, die zu gleicher Zeit hinaufstrebten, zusammenbrachen. Vierzig Portugiesen befanden sich schon auf der Mauer. Garcia de Sousa bemächtigte sich sogar eines Thores. Da er aber von den Arabern gedrängt, sich nicht an einem Stricke von der Mauer herablassen wollte, so stürzte er lieber mitten unter die Feinde und opferte sich, tapfer kämpfend, auf, um seinen Gefährten Zeit zu verschaffen, sich zu retten.

Albuquerque mußte erkennen, daß seine Macht zu schwach sei und brach daher nach vier Stunden den Kampf ab. Einen späteren Angriff behielt er zwar im Auge, wollte aber vorher einige wichtige Inseln im rothen Meere besetzen. Mit äußerster Vorsicht mußte vorgegangen werden, weil überall Klippen und Korallenbänke ungeahnte Gefahr drohten. Dazu traute Albuquerque dem gezwungenen Lotsen nicht, suchte mit dem Senkblei in der Hand das Fahrwasser auf und ließ alle Abende beilegen. So gelangte er bis zur flachen, felsigen Insel Kamaran (15° 51′ n. Br. 42° 32′ ö. L. v. Greenwich). Dieselbe liegt hart an der arabischen Küste, in der Nähe der Stadt Lohaja. Obwohl sich die Höhen nur 16 Meter über den Meeresspiegel erheben, ist die Insel doch reich an Brunnen und besitzt einen sehr guten Hafen auf der Ostseite. Sie war den Küstenfahrern längst als guter Ankerplatz bekannt, wo man sich auch mit Wasser und Früchten, namentlich Datteln versorgen könnte. So erhielten denn auch die Europäer frühzeitig davon Kunde und lernten den Platz schätzen. Carsten Niebuhr hebt hervor: Fast alle Nachrichten der Europäer von dem arabischen Meerbusen erwähnen dieser Insel.[115] Ihrer wichtigen Lage wegen ist sie gegenwärtig im Besitze der britischen Macht, welche von der Insel Perim aus auch den Ausgang des rothen Meeres beherrscht. Es zeugt aber sicher von dem Scharfblicke Albuquerque’s, daß er sofort beim ersten Betreten dieses Meeres die Bedeutung jener wasserreichen Insel erkannte. Aber viel weiter sollte er nicht gelangen. Mehrere Versuche nordwärts zu dringen, wurden durch Unwetter abgeschlagen. Er sah sich längere Zeit an die Insel gefesselt, da die günstigen Monsune zur Rückfahrt nach Indien noch nicht eingesetzt hatten, er verlor in dem verrufenen heißen Klima viele Leute und konnte erst am 15. Juli nach Aden zurückkehren. Ohne diese Stadt noch einmal zu bedrohen, segelte er weiter und langte schon am 4. August wieder in Diu an. Hier zeigte sich nun Melek Eias so weit nachgiebig, daß er die Errichtung einer Factorei den Portugiesen gestattete, und als auch Kalikut sich endlich zu einem ähnlichen Zugeständniß bereit erklärte, wurden den mohammedanischen Schiffen Pässe ertheilt, und das Aufbringen der im Gewürzhandel beschäftigten Kauffahrteischiffe hörte an den Küsten Indiens auf. Der Handel begann sich wieder zu beleben und zu befestigen.

Im nächsten Jahre wurde Pero d’Albuquerque, der Neffe des Generalcapitäns, mit einem Geschwader nach Ormuz entsandt, um den fälligen Tribut einzuziehen, während Jorge d’Albuquerque mit frischen Truppen nach Malaka steuerte, um hier die Vertheidigung der viel umstrittenen Stellung zu übernehmen.

Die nächste Zeit war Albuquerque selbst mit den indischen Angelegenheiten: mit der Befestigung der Citadellen in den Handelsstädten und Abfertigung der Transportflotten beschäftigt, außerdem plante er einen neuen Zug gegen Aden. Während der Vorbereitung dazu erhielt er aber die königliche Weisung, zunächst womöglich nach Ormuz zu gehen. Albuquerque konnte um so mehr diesem Befehle zustimmen, als er inzwischen in Erfahrung gebracht, daß der Sultan von Aegypten nicht weiter rüste, daß also von Seiten dieses Gegners keine Gefahr drohe und das rothe Meer ruhig bleiben werde. Am 21. Februar 1515 ging der Generalcapitän von Goa aus mit 27 Schiffen (14 großen Schiffen, 7 Karavelen und 6 Ruderschiffen) in See. Es sollte sein letzter Zug sein. Die Besatzung bestand aus 1500 Portugiesen und 700 Indiern (Kanaresen und Malabaren). In Ormuz führte damals Rais Ahmed, ein ehrgeiziger Perser, im Namen seines alten und schwachen Oheims das Regiment. Die Portugiesen hatten über ihn gehört, daß er mit dem Plane umgehe, sich unter die Oberhoheit des persischen Schah zu stellen, um sich der Verpflichtungen des lästigen Tributs an Portugal zu entledigen.

Diese Absichten wurden durch die Ankunft Albuquerque’s vor Ormuz, am 26. März, vereitelt. Der alte Fürst sah sich noch nicht in der Lage, der Forderung des Generalcapitäns, ihm die Citadelle zu übergeben, lange zu widerstehen. Das Wasserthor der Festung wurde schon am dritten Tage den Portugiesen geöffnet, und ohne Blutvergießen zogen dieselben ein. Das Thor gegen die Stadt wurde geschlossen und die Mauern mit Kanonen bepflanzt, um die Burg vor einem Ueberfalle zu sichern. Dann wurden die Festungswerke weiter ausgebaut und Pero d’Albuquerque als Commandant eingesetzt. Nun galt es, um den Frieden vollständig zu befestigen, den ehrgeizigen Rais Ahmed mit seinem Anhange zu beseitigen. Bei einer Zusammenkunft Albuquerque’s mit dem bejahrten Fürsten wagte Ahmed es, seinen Oheim von einer persönlichen Begrüßung zurückzuhalten und sich sogar an der Person des portugiesischen Befehlshabers zu vergreifen. Er rechnete nämlich auf fünfzig Leute seines Gefolges, die mit verborgenen Waffen vor dem Hause standen. Albuquerque war darauf vorbereitet und befahl seinen Hauptleuten, den Anführer der Verrätherei niederzumachen. Den alten Fürsten führte man aus dem Getümmel fort und das Gefolge des gefallenen Ahmed wurde von portugiesischen Soldaten zurückgetrieben. Vom Dache des Hauses mußte sich der alte Rais Nordin seinem Volke zeigen und dasselbe über seine Person beruhigen. Dem aufgeregten Anhange und den Verwandten Ahmeds, welche den Palast des Fürsten plündern wollten, ließ Albuquerque erklären, wenn sie sich nicht sofort beeilten, bis Sonnenuntergang die Stadt zu verlassen und auf persischen Boden zurückzukehren, so solle keiner von ihnen mit dem Leben davon kommen; denn die Portugiesen beherrschten mit der Flotte die See und von der Citadelle aus die Stadt und die Insel. So wanderten denn die 25 Familien der persischen Partei aus und Rais Nordin konnte unter dem Schutze und Geleite Albuquerque’s wieder als Herrscher in seinen Palast zurückkehren. Die Stadt war über den Zwischenfall bald beruhigt, und durch eine Gesandtschaft nach Persien, unter der Führung Fernão’s Gomez de Lemos, wurde auch das gute Einvernehmen mit Schah Ismail wieder hergestellt. Dieser leicht gewonnene Friede erklärte sich besonders aus dem religiösen Zwiespalt zwischen den schiitischen Persern und den sunnitischen Arabern.

Albuquerque schickte einen Theil der Flotte unter seinem Neffen Garcia de Noronha nach Kotschin und blieb selbst noch einige Monate in Ormuz, um die Angelegenheiten vollständig zu ordnen, ehe er die Weiterführung der Geschäfte dem Commandanten der Citadelle überlassen konnte. Vielleicht wollte er auch noch Vorbereitungen zu einem zweiten Angriff auf Aden treffen. Doch dieser Wunsch sollte unerfüllt bleiben. Schon seit Anfang August litt er an der Ruhr, und da das Uebel sich verschlimmerte, mußte er endlich dem Anrathen seiner Aerzte nachgeben, vorläufig nach Indien zurückzukehren. Er begab sich an Bord des Schiffes, welches Diogo Fernandez da Beja befehligte und übergab sein eigenes Schiff seinem Neffen Vicente d’Albuquerque. Im Anfang November segelte er von Ormuz ab; bei Kalhât an der Küste von Oman traf man mit einem arabischen Schiffe zusammen, welches von Diu kam und die Nachricht mitbrachte, Lopo Soarez sei zum Nachfolger im Generalcapitanate ernannt worden.