König Manuel hatte also endlich doch den feindlichen Einflüsterungen nachgegeben. Nach diesen Verläumdungen sollte Albuquerque bald wahnsinnig verwegen, bald von maßlosem Ehrgeize erfüllt sein. Man ersann sogar das Märchen: er strebe danach, sich zum unabhängigen Herrscher von ganz Indien zu machen. Dazu stütze er sich nur auf seine Verwandten und begünstige sie bei allen wichtigen Stellungen. — Wenn dies als Vorwurf gelten kann (denn die Thatsache ist richtig, daß er die Vertheidigung von Ormuz und Malaka, unzweifelhaft die wichtigsten Positionen außerhalb Indiens, seinen Neffen übertrug), so darf doch nicht unberücksichtigt bleiben, daß er dadurch diese beiden Plätze am sichersten bewahrt glaubte, da er sich auf die Befehlshaber verlassen konnte. — Selbst daß er mit den Fürsten in Indien Frieden schloß, galt als Zeichen des Verraths, denn diese neue Freundschaft, hieß es, sei nur ein weiterer Schritt zur Unabhängigkeit, nach der er strebe.[116]

Albuquerque war gewarnt, er kannte solche Verdächtigungen, aber er hatte, gestützt auf seine Verdienste und die Makellosigkeit seines politischen Charakters, es für unnöthig gehalten, ihnen entgegen zu treten. Er antwortete nur durch seine Thaten. Aber er hatte in Portugal wenig Fürsprecher mehr; alle Edelleute, welche er wegen Vergehen und Ungehorsamkeit zurückschickte und dem König zur Bestrafung überwies, vermehrten die Zahl seiner Widersacher, und so glaubte Manuel endlich, indem er, statt eine Untersuchung über die wiederholt vorgebrachten Beschwerden anzuordnen und nach deren Ausfall zu entscheiden, sich mit einer halben Maßregel begnügte, den Generalcapitän wenigstens zurückrufen zu müssen. Und das war es eben, was diesen so tief kränkte. Als er vernahm, daß Lopo Soarez ihn ersetzen solle und daß andere Befehlshaber für die wichtigsten Positionen ernannt seien, rief er wehmüthig aus: „Lopo Soarez Generalcapitän?! Konnte es nicht ein anderer sein! Und solche Männer, wie Diogo Mendez und Diogo Pereira,[117] die ich wegen ihrer Vergehen als Gefangene nach Portugal heimgesandt, schickt mir der König als Capitäne und Secretäre wieder zu?! Um des Königs willen habe ich es mit diesen Leuten verdorben, und falle um der Leute willen bei dem Könige in Ungnade.“[118]

Sein Lebensmuth und seine Lebenskraft waren gebrochen. Er wünschte nur noch Goa zu erreichen, denn hier hoffte er Briefe zu finden, welche ihm den plötzlichen Umschlag erklärten und ihn wenigstens durch Anerkennung seiner Verdienste trösten könnten.

Auf Zureden seiner Freunde schrieb er mit zitternder Hand einen letzten Brief an den König: „Sire, dies sind die letzten Worte, welche ich an Ew. Majestät richte, schwergebeugt, nachdem ich so viele Berichte mit heiterem Lebensmuthe geschrieben. Ich hinterlasse hier einen Sohn,[119] Bras Albuquerque; ihm bitte meine Verdienste anrechnen zu wollen. Die Angelegenheiten in Indien werden für sich selbst und für mich sprechen.“ Im Angesicht des Hafens von Goa starb er am Bord des Schiffes, am 16. December 1515, 63 Jahre alt. Angethan mit dem weißen Gewande des St. Jago-Ordens, dessen Commandeur er war, und geschmückt mit den Ordenszeichen, um die Schultern den Sammetmantel gelegt und über dem Goldnetz, welches das Haar umschloß, mit einem Sammtbarett: so wurde seine Leiche auf einem mit Goldbrokat bedeckten Sessel ans Land getragen. Die Augen waren halb geöffnet, aber ohne die Häßlichkeit des Todes. Der lange, weiße Bart wallte bis auf die Brust herab, so daß er auch im Tode noch dieselbe Achtung und Ehrfurcht gebot, die man ihm im Leben zollte. Am Ufer wurde er von dem Commandanten und allen Edelleuten empfangen und in der Capelle beigesetzt, welche er selbst vor den Thoren der Stadt hatte erbauen lassen.

Er hatte die Tugenden und Fehler eines Imperators. Er übte strenges Recht, aber den Treubruch bestrafte er hart. Er war zäh im Ausharren und Ertragen von Mühen. Er ging bei allen Kämpfen nicht mit Worten, sondern mit dem besten, eigenen Beispiel voran. Schmeichler und Ohrenbläser ließ er hart an und hielt sie von sich fern. Den gefaßten Plänen folgte schnellste Ausführung. Persönliche Beleidigungen ertrug er großmüthig, aber er litt es nicht, daß man seine Befehle überschritt oder seine Pläne durchkreuzte; dann schreckte er auch vor Gewaltmaßregeln nicht zurück. In seinen Todesurtheilen ist er mehrmals zu rasch gewesen, denn er war eine leicht erregbare Natur, die schwer zu befriedigen war; aber eine übereilte Handlung hat er alsbald bereut.

Er forderte volle Hingebung an den Beruf und das Amt und verlangte die Anspannung aller Kräfte. Darin that er selbst es allen zuvor. Im Frieden war er Tag und Nacht thätig. G. Correa erzählt,[120] daß er gewöhnlich des Morgens in aller Frühe die Messe hörte und dann zu Pferde stieg, um, von seiner Leibwache umgeben, die Bauten, Werften, Magazine zu besichtigen. Im Staatsdienst duldete er keine Verschwendung und konnte über unnütze Verschleuderung des königlichen Gutes leidenschaftlich aufbrausen. Seine Entscheidungen traf er rasch; man hat mehrfach gesehen, daß er unterwegs, auf der Straße, Befehle und Dokumente auf den Knien unterzeichnete. Er war leutselig gegen jedermann und verstand die Hindus und Mohammedaner nach ihrer Art zu behandeln. Für alle war er bedacht, die friedliche Entwicklung des Handels zur Verbesserung der Lage und Vermehrung des Wohlstandes zu fördern. Jedermann hatte Zutritt zu ihm. Seine Thür war nie verschlossen, nur nach dem Mittagsessen gönnte er sich eine kurze Ruhe und diese wurde an den Wochentagen noch auf das geringste Maß beschränkt. Am Tage fast immer draußen beschäftigt, verwendete er die Stunden der Nacht dazu mit seinen Secretären zu arbeiten, um dem Könige von allem Rechenschaft zu geben bis ins Kleinste. An den König, die Königin, die königlichen Räthe entwarf er die Briefe selbst.

Da er immer nur darauf bedacht war, die königliche Macht in Indien zu stärken, so lag es ihm ganz fern, für sich selbst Reichthümer zu erwerben. Alle Geschenke, welche ihm von den Fürsten und Herren in Indien verehrt wurden, übergab er dem König oder der Königin, oder vertheilte sie unter die Hauptleute und Ritter. Auch gegen die Armen erwies er sich hilfreich.

Im Kriege und in der Schlacht stellte er sich den Soldaten gleich und achtete auf sein Leben ebensowenig als auf das Leben der andern, wenn es ein großes Ziel galt. Bei dem ersten unglücklichen Kampfe um den Palast in Kalikut gerieth er selbst mehrfach in Lebensgefahr. Sein Fahnenträger und einer seiner Pagen fielen an seiner Seite und er hielt aus, bis ihn ein Steinwurf besinnungslos niederwarf. Ebenso begab er sich beim ersten Sturm auf Malaka in Lebensgefahr, wurde dabei von den Feinden umstürmt und mußte von João Lemos herausgehauen werden. Dann ging er aber sofort wieder zum Angriff über. Er war ein vorsichtiger Feldherr und nie tollkühn; aber wenn er Großes erreichen wollte, setzte er alles daran. Vor dem zweiten Sturm auf Malaka erklärte er seinen schwankenden Capitänen, daß er seine Mannschaft nur darum aufs Spiel setzte, weil er die Position von Malaka für außerordentlich wichtig halte. So griff er auch zweimal Goa an und ließ sich durch einen ersten Mißerfolg nicht abschrecken, die blutige Entscheidung noch einmal zu wagen. Darum hielt er bei der ersten Belagerung in Goa auch so zäh bis zum äußersten aus. Als hier dem feindlichen Feldherrn durch portugiesische Ueberläufer mitgetheilt war, daß auf seiner im Flusse abgesperrten Flotte Mangel und Hungersnoth herrsche, und jener Heerführer des Adil Schah den Portugiesen großmüthig mehrere Böte mit Erfrischungen anbot, ließ Albuquerque seine letzten Vorräthe, einige Faß Wein und Schiffszwieback auf Deck bringen, zeigte dieselben den Abgesandten und erklärte: andere Leckerbissen als diese Speisen kennten die Portugiesen nicht und bedürften sie nicht. Sollten ihnen diese ausgehen, dann würden seine Soldaten sich schon ungebeten an der Tafel des Adil Schah melden. Jetzt leide er noch keine Noth.

So bewahrte er auch in schwerer Bedrängniß seinen Gleichmuth. Trotz seiner großen Erfolge sah man ihn nie übermüthig werden, auch warnte er seine Capitäne vor jeder Ueberhebung. Als einige von seinen Hauptleuten meinten, die Mauern der neuen Festung in Ormuz seien nicht stark genug, erwiderte er: „Wenn diejenigen, denen die Burg anvertraut ist, sich nicht als Tyrannen geberden, werden sie stark genug sein. Lassen sie sich aber zum Uebermuth hinreißen, so ist auch die stärkste Mauer zu schwach.“

Er suchte zwar die Rechte des Siegers voll und ganz zu vertreten, wünschte aber doch, aus politischen Rücksichten, eine Annäherung zwischen Portugiesen und Eingebornen. Darum begünstigte er die Heiraten der Portugiesen mit Hindumädchen. In Goa waren diese letzteren weniger schwierig als die Töchter der Brahminen und Nair weiter im Süden. Jedem neuvermählten Paare verehrte er 18 Milreis aus der königlichen Kasse und vertheilte unter die Ansiedler die Häuser und Aecker der vertriebenen Mohammedaner. Dadurch wollte er Goa zum Mittelpunkt der portugiesischen Herrschaft machen und seinen Besitz dauernd befestigen.