Ich habe einen Feind, mein Vater, der an meinem Tisch sitzt und Völlerei treibt,
Während ich meine verdorrten Hände falte und darbe, und sich am Fenster die Hungrigen drängen.
Ich habe einen Feind, der aufstoßend nach der Mahlzeit seine Zigarre raucht und fett wird,
Während ich immer geringer werde und zusehn muß, wie er das Gut meiner Seele verpraßt.
Ich habe einen Feind, mein Vater, der meine edle Rede in Geschwätz verkehrt und in Selbstbetrug.
Ich habe einen Feind, der mein Gewissen liebedienerisch macht, und meine Liebe mit Trägheit erstickt.
Ich habe einen Feind, der mich zu jeder Niedrigkeit verleitet, zur Wollust des Sieges an den Spieltischen,
Der ich doch ein Meister der göttlichen Genüsse bin.
Warum hast du mich mit diesem Feind erschaffen, mein Vater, warum mich zu dieser Zwieheit gemacht?
Warum gabst du mir nicht Einheit und Reinheit? Reinige, einige mich, o du Gewässer!
Siehe, es wehklagen all deine wissenden Kinder seit eh und je über die Zahl Zwei.
Ich tauche meinen Kopf ins Licht und halte dir meine Hände hin zur Waschung.
Befreie mich, reinige mich, mein Vater, töte diesen Feind, töte mich, ertränke diesen Mich!
Wie selig sind die Einfachen, die Unwissenden, selig die einfach Guten, selig die einfach Bösen!
Aber unselig, unselig die Entzweiten, die Zwiefachen, die zu- und abnehmenden Gegenspieler.
O heilig Gewässer, um dein und meiner Größe willen, hilf mir!
Wir nicht.
Ich lauschte in die Krone des Baums; – da hieß es im Laub:
Noch – nicht!
Ich legte das Ohr an die Erde; – da klopft's unter Kraut und Staub:
Noch – nicht!
Ich sah mich im Spiegel; mein Spiegelbild grinste:
Du – nicht!
Das war mein Gericht.
Ich verwarf mein Lied,
Und das lüsterne Herz, das sich nicht beschied.
Ich trat auf die Straße. Sie strömte schon abendlich.
Auf der Stirne der Menschen fand ich das Wort: Wir nicht.
Doch in allem Blicken las ich geheimnisvoll ein Lob,
Und wußte: Auch ich, vom lauen Trug entstellt,
Werde nochmals begonnen, weil neu ein Schoß mich hält
Wie all dies Wesen um mich. Da lobte ich den Tod,
Und weinend pries ich allen Samen in der Welt.
Paul Wertheimer.
Geboren am 4. Februar 1874 zu Wien. – Gedichte 1896. Neue Gedichte 1904. Im Lande der Torheit 1910.