Der Brunnen.
Ich saß im Glühn der toten Mittagsstunde,
Und alles Leben schien so blaß und weit,
Die Götter träumten um mich in der Runde,
Der Brunnen flüsterte: „Trink und gesunde,
Ich bin das Wasser der Vergessenheit!“
Ich saß in Nacht und schickte die Gedanken
In jene Tage, da wir froh und jung,
Ich sah den Silberstrahl im Mondlicht schwanken:
„Trinkt nicht, trinkt nicht, ihr armen Fieberkranken,
Ich bin das Wasser der Erinnerung!“
Madlena.
Das Kind Madlena hat so hell gesungen,
Als sie im Haselholz sich Nüsse las,
Wie eine Spindel sich im Tanz geschwungen
Bei Glühwurms Leuchten, überm Wiesengras.
Das Kind Madlena hörte fremde Zungen,
Als sie im Mittagsschein beim Springbrunn saß …
Die düstern Gärten haben sie verschlungen,
Fern tönt ihr Stimmchen wie gesprungnes Glas!
Leo Greiner.
Geboren am 1. April 1876 zu Brünn in Mähren. – Das Tagebuch 1906.
Liebe.
Wir sind zwei Schatten, die aus Welt und Welt
An einem Eschenbaum zusammentrafen.
Wir glitten einsam im entrückten Feld
Und suchten späte Herberg, um zu schlafen.
Und standen einen tiefen Augenblick
Uralt bekannt uns gegenüber
Und grüßten uns und wuchsen bis ans Glück.
Dann sanken wir hinüber und herüber,
Zerfallend in die alte Nacht zurück.