Wenn kalt der Regen um die Fenster stiebt,
Der Nebel wankend übern Berg gefunden,
Der Sumpf die Schatten meiner Wiesen trübt,
Spür' ich: in diesen grau-verschlafnen Stunden
Nimmt vieles Abschied, das ich sehr geliebt,
Ich kann die Wanderstimmen nicht erkennen,
Die dunkle Worte rufen über Feld,
Das Sterben nicht mit Namen nennen,
Das jetzt verhüllt durchwandert meine Welt.
Ich weiß nur: irgendwo im Sternenschein
Neigt ein geliebtes Haupt sich dunkler Sünde,
Ein Herz wird kalt, ein Baum verlischt im Winde,
In einem Becher welkt der kühle Wein,
Und alles geht und winkt und schwindet fern,
Im Grau verrieselt auch der letzte Stern.
Der Schatten.
Zwischen mir und meinem trunknen Leben
Wärmt ein Schatten sich an meiner Glut.
Wünschend saust mein ungestilltes Blut,
Doch er raubt mir schon im Niederschweben
Jeden Traum und jedes goldne Gut.
Meiner Schätze waren funkelnd viele,
Doch ich fühl' an meines Bechers Rand
Seines Schattenmundes wilde Kühle
Und am Griffe seine Schattenhand.
Schritt ich so verloren in die Lande,
Ließ mein Wandern keine Spur zurück.
Seine Spuren, halb verweht im Sande,
Sah mein schauernd rückgewandter Blick.
Selbst von meines Schlummers Grunde heben
Seine Hände jeden Schatz der Lust:
Schlafen muß ich steinern, traumbewußt
Zwischen mir und meinem trunknen Leben.
Reife.
Nacht, die aus den Sternen quillt,
Schmieg dich fester um mein Leben!
Was genommen und gegeben,
Ist vollendet und erfüllt.
Wie ein Brunnen ist mein Blick:
Alle Eimer, die sich hoben,
Kehren überfüllt von oben
Mit gekühltem Licht zurück.
Otto Erich Hartleben.
Geboren am 3. Juni 1864 zu Clausthal am Harz, studierte Jura, wurde Referendar, gab die juristische Laufbahn auf und lebte, nachdem er seinen Aufenthalt früher zumeist in Berlin gehabt hatte, zuletzt am Gardasee, wo er als Präsident der Akademie für unangewandte Wissenschaften zu Salò am 11. Februar 1905 starb. – Pierrot lunaire 1892. Meine Verse 1895. Von reifen Früchten 1903. Der Halkyonier 1903.