Funkelt dein Auge noch?

Die du so fern bist in der großen Stadt,
Ich grüße dich, die mein vergessen hat.

Einst hast du meiner Tag und Nacht gedacht,
Stunden des Glücks mit mir verbracht, verlacht;

Froh unter Scherzen schlossen wir den Bund –
Funkelt dein Auge noch, und lacht dein Mund?

Lili.

… Als ich dann wieder in die Heimat kam –
Im Frühling war's, die Hyazinthen blühten –
Da war sie tot – von fremden, kalten Menschen
Hinausgetragen in ein kahles Grab. – –
Ich fand es nicht. Langsam ging ich zurück
In ihre Wohnung. Ihre feiste Wirtin
Sprach schmunzelnd: „Gott! Die Menschen sind nicht rar.
Nicht eine Woche stand ihr Zimmer leer!
Jetzt wohnt ein allerliebstes Chansonettlein
Darin – ganz jung noch – mit so lustigen Füßchen.
Woll'n Sie sie sehn?“
– – Und ich erfuhr, wie sie gestorben war.
Vor ihren Augen, während sie in Qualen
Ohnmächtig dalag, hatten – ihre Schwestern
Begierig ihrer Habe sich bemächtigt:
Sparkassenbücher, Kleider, Schmuck und Wäsche
Aus allen Kästen sich hervorgesucht
Und umgepackt in einen großen Korb. –

Da .. hatte sie den bleichen Kopf erhoben
Von ihrem Kissen, hatte sich verwundert
Mit großen, schwarzen Augen umgeschaut
Und hatte .. gelächelt …
– – Mir ist .. als ob ich dieses Lächeln sähe!

Die jubelnd nie …

Die jubelnd nie den überschäumten Becher
Gehoben in der heiligen Mitternacht,
Und denen nie ein dunkles Mädchenauge,
Zur Sünde lockend, sprühend zugelacht –

Die nie den ernsten Tand der Welt vergaßen
Und freudig nie dem Strudel sich vertraut –
O sie sind klug, sie bringen's weit im Leben …
Ich kann nicht sagen, wie mir davor graut!